Bach, der Reformator

Thomas Bach ist seit 19 Monaten Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Deutsche erklärt, was den Sport von der Politik unterscheidet.

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Adrian Ruch

Sie sind als IOC-Präsident offiziell der höchste Sportler. Fühlen Sie sich auch als mächtigster Mann im Sport? Thomas Bach: Die Frage der Macht stellt sich so nicht. Der Sport ist eine sehr vielfältige Gemeinschaft mit einer Vielzahl von Sportarten, 205 nationalen Komitees und Dutzenden von internationalen Verbänden, da gibt es nicht eine Stelle, wo sie auf den Knopf drücken können – und dann geht alles. Es ist eine Frage des Einflusses, nicht der Macht. Natürlich hat das IOC Einfluss auf die Gestaltung des Sports, es ist aber nicht die Machtzentrale.

Wie gross ist Ihr persönlicher Einfluss? Wie wollen Sie das messen? Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels erläutern: Die olympische Agenda 2020 zeigt gut die Möglichkeit des Einflusses seitens des IOC auf, wie man Anregungen geben kann an Verbände und Sportarten, wie man aber auch unmittelbar gestalten kann, was Olympische Spiele angeht. Wenn man etwas zustande bringen will, geht es aber nur über Dialog und Diskussion. Das haben wir über ein Jahr lang gemacht, und erst so wurde die einstimmige Zustimmung möglich. Das wäre nicht gegangen, wenn ich einfach nur gesagt hätte: Ich bin der Präsident, und alle müssen meiner Meinung folgen.

Sie machten kürzlich die Entschädigungen öffentlich, was nicht unbedingt üblich ist. Wie ist das intern angekommen? Transparenz ist ein wesentlicher Punkt der olympischen Agenda 2020. In diesem Bereich habe ich von keinem IOC-Mitglied irgendwelche Widerstände gespürt. Weil wir nichts zu verbergen haben, war es von Anfang meine Intention, die Aufwandsentschädigungen öffentlich zu machen. Ich wollte, dass wir in unserer Rechnungslegung transparenter werden und allen Gerüchten über Fantasiesummen, die durch die Gegend schwirren, vorbeugen können.

Eine Entschädigung von 225000 Dollar scheint für einen Präsidenten einer derart wichtigen Organisation bescheiden. Fühlen Sie sich unterbezahlt? Nein, das ist für mich kein Thema. Diese Summe ist in Zusammenarbeit mit der Ethikkommission entstanden. Und weil es kein Gehalt ist, muss man es auch nicht vergleichen mit den Salären in Wirtschaftsunternehmen. Vom Vorsitzenden der Ethikkommission wurde folgendes Muster angewendet: Der IOC-Präsident – wie übrigens jedes IOC-Mitglied – arbeitet ehrenamtlich. Er soll durch das Amt nicht Geld verdienen, aber durch seine Ausgaben auch nicht seine Ersparnisse angreifen müssen. Auf dieser Basis ist der Vorschlag entstanden.

Wir sind hier im Rahmen des Auftakts zu den 100-Jahr-Festivitäten des IOC in Lausanne. Bleibt das IOC weitere 100 Jahre hier? Ich hoffe es. Wir wollen nicht nur die letzten 100 Jahre feiern, sondern hoffentlich auch den Beginn der nächsten 100 Jahre. Wir machen das mit der Entscheidung zum Bau des neuen Hauptquartiers auch sichtbar. Es ist eine erhebliche Investition von bis zu 200 Millionen Franken. Mein Nachfolger soll davon nicht nur 15 oder 20 Jahre profitieren.

Was schätzen Sie als Präsident einer globalen Organisation primär am Standort Schweiz? Da muss ich zuerst von Lausanne sprechen, denn ich lebe inzwischen hier. Lausanne empfinde ich persönlich als junge, sportliche, kosmopolitische Stadt, die all das beinhaltet, was den Olympismus ausmacht. Sportlich, jung, universell: Das sind auch wichtige Attribute für uns beim IOC.

Und die Schweiz als Ganzes? Wenn ich von der Schweiz generell spreche, kommen mir die Verlässlichkeit in den Sinn, die das Arbeiten einfacher macht, und die politische Neutralität der Schweiz, die sehr gut passt zu derjenigen des IOC. All das schafft eine Atmosphäre des gegenseitigen Verstehens. Wir haben eine hervorragende Partnerschaft, sei es mit der Landesregierung, mit der Kantonalregierung oder mit der Stadt Lausanne. Man trifft sich, man tauscht sich aus; das schafft ein Klima des Vertrauens.

Unlängst gab es in diesem Bereich Misstöne, speziell durch die Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative. Können Sie sich Ereignisse vorstellen, die das IOC zum Wegzug veranlassen könnten? Das ist reine Spekulation, aber Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. Die Abstimmung am 9.Februar letzten Jahres hat bei uns natürlich – wenn ich das neutral formuliere – zur Frage geführt, was dieses Ergebnis für uns bedeutet. Es ist aber Ausdruck dieses Klimas des Vertrauens mit dem Bundesrat, dass wir dies dann sehr, sehr offen angesprochen haben. Wir haben deutlich gemacht, dass das IOC als internationale Organisation nicht arbeiten könnte, wenn wir diese Quoten anwenden müssten. Wir haben dann in dieser Hinsicht eine Zusicherung bekommen – unabhängig von der zukünftigen Gesetzgebung. Wir vertrauen auf diese Zusage.

Es ist für das IOC zumindest für Winterspiele zum Problem geworden, geeignete Bewerber zu finden. In diversen demokratischen Ländern, als Beispiele seien Norwegen und die Schweiz genannt, entschied sich die Bevölkerung in Abstimmungen gegen eine Kandidatur. Bereitet Ihnen diese Entwicklung Sorgen? Winterspiele haben allein schon aus geografischen Gründen weniger Potenzial an Bewerbern. Man kann sie nur auf drei Kontinenten veranstalten, und auch da nur in einer begrenzten Anzahl Ländern und Regionen. Die Entscheidungen, die Sie ansprechen, haben unterschiedliche Hintergründe, die mit den Spielen selber zum Teil nur am Rande etwas zu tun haben. Man muss die einzelnen Fälle sorgfältig analysieren. Wir müssen, und das ist in der olympischen Agenda 2020 vorgesehen, deutlich machen, wie Winterspiele auf nachhaltige Weise organisiert werden können. Es gilt auch einige Missverständnisse aufzuklären, da sind wir in der Kommunikation gefragt.

Können Sie ein Beispiel nennen? In den Köpfen der Leute haben sich Fantasiezahlen festgesetzt, das hat sicher in der einen oder anderen Stadt den Entscheid beeinflusst. Viele meinen, Winterspiele zu veranstalten, koste 50 Milliarden Dollar – das ist kompletter Unsinn. Wir müssen einiges erklären und auch aufzeigen, dass die Veranstalter durch die neue Agenda etwas mehr Flexibilität haben, wenn es um den Bau von Sportstätten geht.

Für 2022 gibt es mit Peking und Almaty nur zwei Kandidatenstädte. Beide haben keine grosse Wintersporttradition... ... na, na, na.

Zumindest auf internationaler Ebene ist die Tradition bescheiden. Na, na, na. Wollen Sie sich mal anschauen, wie viele Eisschnelllauf-Weltrekorde in Almaty aufgestellt worden sind?

Das glauben wir Ihnen gern, aber in den Kernsportarten Ski und Eishockey haben bisher weder China noch Kasachstan fleissig wichtige Wettkämpfe ausgetragen und Medaillen gesammelt. Wir hoffen, dass es auch in Zukunft noch Länder gibt, die für sich den Wintersport entwickeln wollen. Wir können in Europa nicht einfach sagen: Wir haben Wintersport, ihr braucht ihn nicht. Beide Kandidaten haben ihre Vorteile. In Peking haben wir die Möglichkeit, dass ein Wintersportzentrum mit einem Einzugsgebiet von 300 Millionen Menschen geschaffen wird. Das ist ein riesiges Potenzial. Mit Almaty haben wir einen Bewerber, der eine lange Wintersporttradition wieder aufleben lassen will. Mit den Olympischen Spielen will sich Almaty als internationale Wintersportdestination ins Gespräch bringen. Es sind also zwei Kandidaturen, die aus Sicht der Bewerber viel Sinn ergeben.

Es gibt aber noch einen anderen Gesichtspunkt: Die von Ihnen erwähnten 50 Milliarden geistern nicht zuletzt wegen Sotschi 2014 herum. Russland, China und Kasachstan gelten, gelinde ausgedrückt, nicht als Länder, in denen die Demokratie gefördert wird. Es kann der Eindruck entstehen, Olympische Spiele seien nur noch in Staaten möglich, in denen die Bevölkerung nichts zu sagen hat. Gehen wir mal die Liste durch. Fangen wir 1984 an: Vereinigte Staaten, 1988 Südkorea, 1992 Spanien, 1996 Vereinigte Staaten, 2000 Australien, 2004 Griechenland, als Wiege der Demokratie und der Olympischen Spiele, 2008 China mit Peking, 2012 Grossbritannien mit London als Wiege der parlamentarischen Demokratie, 2016 Brasilien, 2020 Japan. Sie sehen, wie sehr die Fakten dem blossen Gerücht widersprechen.

Es geht in erster Linie im die Zukunft. 2016 Rio de Janeiro, 2020 Tokio, und schauen Sie sich die Kandidaten für 2024 an. (Die Frist für eine offizielle Bewerbung beim IOC läuft bis zum 15. September 2015. Bis jetzt im Rennen: Rom, Boston, Hamburg/die Red.)

Die Bewerbung von Rio entsprang kaum einem demokratischen Prozess. Selbst die Fussball-WM – und Fussball ist in Brasilien eine Art Religion – löste Proteste aus. Seit wann sind Proteste nicht demokratisch? (lacht) Für mich sind Proteste gerade ein Ausdruck von Demokratie. Ein Projekt dieser Grössenordnung wird nie 100 Prozent Zustimmung erhalten – sonst müsste man sehr scharf darüber nachdenken. Aber ich verstehe den Hintergrund der Frage und möchte unsere Position erläutern.

Sehr gern! Was ist die Aufgabe des IOC im Bereich der Menschenrechte und der politischen Verhältnisse? Wenn die IOC-Mitglieder eine Stadt wählen, heisst das nicht, dass sie alles gutheissen, was im betreffenden Land geschieht. Der Zuschlag ist kein politisches Votum für eine Regierung oder eine Partei.

Sondern? Bei der Wahl einer Olympiastadt ist die Verantwortung des IOC – und die nehmen wir sehr ernst –, dass für alle Olympiateilnehmer die Grundrechte, wie sie in der olympischen Charta festgehalten sind, Anwendung finden. Das heisst, dass es keine Diskriminierung gibt und Sie als Journalisten zum Beispiel frei berichten können und freien Zugang zum Internet haben. Das ist unsere Aufgabe, aber wir sind kein supranationales Parlament. Wir können nicht die Gesetzgebung oder gar das politische System eines souveränen Staates ändern.

Was können Sie auslösen? Unsere Mission ist es, mit der Verwirklichung der olympischen Charta ein Zeichen zu setzen und die Menschen zum Nachdenken zu bringen: Überlegt euch mal, wie gut es in unserer Weltgesellschaft funktionieren könnte, wenn es wäre wie an den Olympischen Spielen. Dort gibt es ein Gesetz, das für alle gilt, und vor diesem Gesetz sind alle gleich. Innerhalb dieser gesetzlichen Grenzen gibt es harte Wettbewerbe. Dennoch respektieren und verstehen sich alle. Diese Botschaft auszusenden, ist unsere Aufgabe.

1980 versuchten Sie als Athletensprecher vergeblich, den Boykott der Sommerspiele in Moskau abzuwenden. Inwiefern hat diese Erfahrung Ihre Denkweise und Ihren Werdegang beeinflusst? Das war für mich eine wichtige Wegkreuzung. Nach dem Boykottbeschluss kam Willi Daume (damaliger Präsident des Deutschen Olympischen Komitees/ die Red.) auf mich zu und fragte: «Könnten Sie sich jetzt, da Sie Ihre Karriere beenden, vorstellen, auf der anderen Seite des Tisches tätig zu sein und Verantwortung zu übernehmen?» Ich habe Ja gesagt – auch wegen des Anspruchs, dass meine Nachfolger als Athleten nicht mehr in eine solche Situation geraten. Wir Sportler wurden als Spielball der Politik missbraucht; wir hatten keinen Einfluss. Die Wiederholung dieser Ereignisse zu verhindern, war damals eine starke Motivation – und sie ist es bis heute..

Sind Sie zuversichtlich, dass heute ein Boykott verhindert werden könnte? Gespräche mit Staats- und Regierungschefs stimmen mich zuversichtlich. Im vergangenen November wurde in einer Resolution der UNO bestätigt, dass sich unsere Position nach und nach durchsetzt. Sie lautet: Der Sport und damit auch das IOC muss politisch neutral sein, ohne apolitisch zu sein. Es hat zwei grosse Lebenslügen gegeben, die dem Sport stark geschadet haben. Erstens: Sport hat nichts mit Geld zu tun. Das war schon bei den antiken Spielen nicht wahr. Zweitens: Der Sport hat nichts mit Politik zu tun. Die Welt wird von Politikern regiert und nicht von Sportorganisationen. Der Sport ist Teil der Gesellschaft, unsere Entscheidungen haben eine politische und eine wirtschaftliche Wirkung. Wir müssen unsere Neutralität wahren, damit wir nicht zwischen politischen Interessen zerrieben werden.

Was macht denn den Sport aus? Der Sport ist der einzige Bereich des menschlichen Lebens, in dem es ein Weltgesetz gibt. Im Sport sind tatsächlich alle Menschen gleich. Dieses Prinzip dürfen wir nicht opfern. Wenn wir anfangen, Unterschiede zu machen, sei es aus politischen, religiösen oder kulturellen Gründen, verliert der Sport seinen Wert.

Welches sind die grössten Bedrohungen für dieses Prinzip der Gleichheit? Die sind vielfältig: Es gibt den Versuch der politischen Einflussnahme, die wir abwehren müssen, indem wir aufzeigen, dass die Autonomie des Sports kein Selbstzweck ist. Wir brauchen die Autonomie, um die Anwendung des Weltrechts des Sports überall sicherzustellen. Und wir müssen zeigen, dass wir dieses Weltrecht auch anwenden.

Was heisst das konkret? Wir müssen die sauberen Sportler schützen – vor Doping, vor Manipulation, vor Korruption.

Wettbetrug oder Doping – was ist die grössere Bedrohung? Ich sehe beides auf gleichem Niveau, weil beides die Integrität des sportlichen Wettbewerbs verletzt. Beides richtet sich gegen die sauberen Athleten. Trotz dieser Gemeinsamkeit sind die Herausforderungen verschieden, weil im Bereich Doping der Sport von sich aus sehr viel tun kann. Die Athleten müssen sagen, wo sie sich aufhalten, es gibt Kontrollen, biologische Pässe, alles Mögliche. Beim Matchfixing hilft leider kein Bluttest, zudem kommt die Korrumpierung von aussen. Da geht es um Kriminelle, auf die der Sport keinen Zugriff hat, deswegen brauchen wir die Hilfe von Regierungen und internationalen Organisationen. Sie können nicht national bekämpfen, was im Internet passiert oder von Inseln aus gesteuert wird.

Berner Zeitung

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