Auf die Krisensitzung folgt die doppelte Krönung

Die Berner Schwinger appellieren auf dem Stoos nach schwachem Start an den Stolz – und schaffen als Team die Wende. Am Ende reüssieren Kilian Wenger und Christian Stucki.

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Reto Kirchhofer@rek_81

Auf dem Stoos ist Mittagszeit. Für die Festbesucher gibt es Kartoffelstock, Braten, Bier, Bratwurst – und für die Berner Schwinger eine Aussprache. Sie versammeln sich unmittelbar neben dem Festgelände auf einem Hügel. Im Hintergrund ragen der kleine und der grosse Mythen empor. Vor dem Innerschweizer Wahrzeichen entsteht ein kleiner Berner Kreis mit grosser Wirkung. Christian Stucki wird später von einer «Krisensitzung» sprechen, Matthias Sempach von einer «Aussprache», Kilian Wenger von einem guten «Gespräch».

Grund für den spontanen Zusammenzug sind die schwachen Leistungen am Vormittag. Der Bernisch-Kantonale Schwingerverband war mit zwanzig Akteuren ans erste Bergkranzfest der Saison gereist, hatte das Ziel definiert, erstmals seit 21 Jahren (Adrian Käser) wieder auf dem Stoos zu reüssieren. Doch während der ersten drei Gänge schwangen die meisten Gäste unter ihrem Rendement. Aus diesem Grund sind bei Halbzeit unter den zwanzig bestklassierten Schwingern gerade einmal fünf Berner zu finden. Die Zwischenbilanz ist für den stärksten Teilverband ungenügend; selbst wenn mit Matthias Siegenthaler und Florian Gnägi zwei formstarke Schwinger fehlen. «Wir waren am Vormittag zu selbstsicher, und damit meine ich jeden im Team», sagt Sempach, «im Gespräch haben wir an den Stolz appelliert.»

Die Aussprache verfehlt ihre Wirkung nicht. Am Nachmittag steigern sich die Gäste, liefern einen Beleg ihrer Moral. Wenger und Stucki behaupten sich im Spitzenfeld. Dass beide nach fünf Gängen punktgleich mit dem zweifachen Saisonsieger Christian Schuler auf Rang eins sind, ist auch das Verdienst ihrer Kollegen. Diese bremsten der Reihe nach etliche Innerschweizer Schlussgang-Aspiranten aus. Weil Wenger im Vergleich mit Stucki einen «Eidgenossen» mehr auf dem Notenblatt hat, darf er gegen Schuler den Schlussgang bestreiten.

Der 24-jährige Diemtigtaler gerät zweimal kurz in Bedrängnis, setzt nach neun Minuten aber zum entscheidenden Kurzzug an. Schuler ist am Boden, Wenger im Hoch. Bei seinem ersten Einsatz auf dem Stoos gelingt ihm sogleich der Triumph. Diesen stuft er höher ein als etwa seine letztjährigen Erfolge am Schwarzsee und am Berner «Kantonalen». «Das ist ein grosser Sieg für mich», sagt Wenger. «Wir Berner haben gesehen, dass es wirklich jeden braucht, damit wir als Mannschaft erfolgreich sein können.»

Weil Stucki seinen attraktiven sechsten Gang gegen Adi Laimbacher mit der Maximalnote gewinnt, beendet er das Fest im Rang 1b. «Die Krisensitzung hat genutzt», meint der Seeländer und lacht.

Von den 15 abgegebenen Kränzen gehen deren 7 ins Bernbiet. Es handelt sich um eine ordentliche Ausbeute. Und weil mit Wenger und Stucki auf 1300 Metern über Meer letztlich zwei Berner als

Festsieger obenaus schwingen, dürfen die Verantwortlichen um den Technischen Leiter Peter Schmutz doch noch ein positives Fazit ziehen. Die Berner Dominanz in den Bergen hält an: Zum siebten Mal in Folge stellen sie an einem Bergfest mit Beteiligung des BKSV den Gewinner. Letztmals mussten sie im Juni 2012 am Schwarzsee den Festsieg der Konkurrenz überlassen. Damals war die Delegation eher schwach besetzt, der Innerschweizer Martin Grab profitierte und ging in die Geschichte ein: als erster Schwinger, der an sämtlichen sechs Bergfesten mindestens einmal reüssiert hat.

Was Grab geschafft hat, strebt nun Stucki an.Siege am Schwarzsee, auf der Rigi, dem Weissenstein und dem Brünig hat er bereits erreicht, nun erweitert der Hüne sein Portfolio mit dem Erfolg auf dem Stoos. Dass er das Kranzfest hinter Wenger «nur» auf Rang 1b abschliesst, ist ihm egal. «Der Buchstabe ist nicht wichtig; was zählt, ist die Zahl 1.» Stucki ergänzt, er freue sich sehr – und werde im kommenden Jahr auf der Schwägalp «mau ga probiere», ob er seine Sammlung an Bergfestsiegen komplettieren könne.

Es ist kurz nach 17 Uhr. Die Krisensitzung ist längst passé, auf dem Stoos werden die Sieger gekrönt: zuerst kommt Wenger, dann Stucki. Beide strahlen. Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Berner Zeitung

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