15 Sekunden Zeit, um die Sieger zu bestimmen

An den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro werden 480 Zeitmess-Spezialisten von Omega für präzise Resultate sorgen. In den Labors der Uhrenmarke konnten wir uns bei einer Simulation als Zielfotobediener für den 100-Meter-Lauf versuchen.

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Jon Mettler@jonmettler

Für die Athleten und Millionen Fernsehzuschauer weltweit ist es während der Olympischen Sommerspiele eine Selbstverständlichkeit: Keine 20 Sekunden nach dem Zieleinlauf der Finalisten des 100-Meter-Laufs blendet der olympische Zeitnehmer Omega bereits den Namen des Gewinners inklusive Siegerzeit ein.

Ab diesem Zeitpunkt ist das Resultat auf den Anzeigetafeln im Stadion und auf den Fernsehgeräten in den Wohnstuben offiziell. Fehlentscheide können sich die verantwortlichen Zeitmess-Spezialisten und Kampfrichter nicht erlauben.

Wie anspruchsvoll die Arbeit der Zeitmesser ist, konnte der Autor dieses Artikels selber erfahren. Er durfte exklusiv als sogenannter Photo Finish Operator von Omega an einem simulierten 100-Meter-Lauf teilnehmen.

Hier das Video dazu:

Video: Enrique Muñoz García/Florine Schönmann

Dieser Offizielle bestimmt anhand des Zielfotos die Reihenfolge, in der die Sportler über die Ziellinie gelaufen sind. Weiter weist der Zielfotobediener den Läufern die gemessenen Zeiten zu.

Hightech mitten auf der grünen Wiese

Die Simulation findet in den ­Labors von Swiss Timing SA im bernjurassischen Corgémont statt. Das Klischee passt: Mitten auf der grünen Wiese entwickelt und produziert die Firma mit ihren 450 Mitarbeitern Zeitmesstechnologie für die Swatch Group. In Sichtweite des Haupteingangs weiden Pferde.

Die Marke Omega wie Swiss Timing gehören zum Uhrenkonzern aus Biel. An den diesjährigen Olympischen Spielen in Rio de Janeiro wird Omega zum 27. Mal als offizieller Zeitmesser auftreten (siehe Kasten).

Auf dem Bildschirm erscheint plötzlich ein Zielfoto mit acht Läufern. Unverkennbar ist ihre verrenkte Haltung mit nach vorne gestreckten Oberkörpern. Die Zeit wird gestoppt, wenn ein Läufer mit seinem Rumpf die Ziellinie überquert.

Zuerst gilt es, den Sieger herauszufinden. Mit gedrückter rechter Maustaste muss ein Ausschnitt über dem Brustkorb des Läufers ganz rechts im Bild gezogen werden. Es öffnet sich ein neues Fenster mit dem vergrösserten Oberkörper des Athleten. Nun ist auch der Zeitstempel als dünne Linie eingeblendet.

Auf die hundertstel Sekunde genau

Mit der linken Maustaste muss als Nächstes der Zeitstempel an den äussersten Punkt des Oberkörpers des Läufers gezogen ­werden. «Achtung, das ist die Schulter, nicht der Brustkorb», ermahnt Alain Zobrist, Leiter Omega Timing, den angespannten Photo Finish Operator. Noch einige Pixel nach links, dann ist der Zeitstempel richtig platziert. Unten am Bild erscheint die gemessene Zeit auf die hundertstel Sekunde genau.

Damit ist die offizielle Zeitmessung aber noch lange nicht abgeschlossen. In einem nächsten Schritt muss die Zeit dem richtigen Läufer zugewiesen werden. Beim Loslassen der linken Maustaste ist ein drittes Fenster mit einer Liste aller teilnehmenden Läufer erschienen.

Neben den Namen sind auch die Bahnnummern, die Startnummern und die Länder der Athleten aufgeführt. Mit den Pfeiltasten können die acht Namen ausgewählt werden. Die gedrückte Eingabetaste bestätigt die Angaben.

Wenn es nur so einfach wäre. Auf dem Zielbild sind ausgerechnet Teile der vierstelligen Startnummer des Siegers durch Körperteile der Gegner verdeckt. Es sind einzig zwei Zahlen erkennbar. Die Hoffnung auf eine schnelle und eindeutige Identifikation – verflogen.

Der Tipp des geduldigen Aufpassers folgt sogleich: «Versuchen Sie herauszufinden, in welcher Startnummer die beiden Ziffern vorkommen. Wenn das nicht reicht, orientieren Sie sich an der Bahnnummer auf dem Zielfoto», sagt Zobrist.

Tatsächlich: Die zwei Nummern passen zu einem fiktiven südafrikanischen Läufer. Schnell Enter drücken. Endlich ist der Sieger offiziell bekannt.

Als Zielbildbediener durchgefallen

Etwa 90 Sekunden dauerte der ganze Vorgang. Weitere dreieinhalb Minuten sind nötig, um die gestoppten Zeiten den restlichen sieben Läufern zuzuweisen. Für Olympische Spiele ist diese Leistung – ungenügend. «Unsere Zeitnehmer haben in der Regel 15 Sekunden Zeit, um bei einem 100-Meter-Lauf die ersten drei Athleten fehlerfrei zu bestimmen», sagt Zobrist.

Um die Fehlerquote der Menschen zu verringern, kommen in Rio de Janeiro neue Technologien zum Einsatz. Erstmals verwendet Omega die Zielbildkamera Scan ’O’ Vision Myria. Dieses Gerät schiesst 10 000 digitale Bilder pro Sekunde.

An den Winterspielen in Sotschi 2014 waren es lediglich 2000 Bilder. Dadurch erhalten die Zielfotos eine noch höhere Auflösung. Dies hilft den Kampfrichtern und Zielbild­bedienern, bei knappen Einlaufreihenfolgen die Positionen der Athleten noch schneller und genauer zu bestimmen.

Neu in Rio: Die elektronische Zielscheibe

Im Bogenschiessen stellt Omega zum ersten Mal elektronische Zielscheiben auf. Bis jetzt entschieden die Kampfrichter von blossem Auge und mit speziellen Zielfernrohren, wo genau die Pfeile getroffen haben.

Das neue System von Omega tastet die Zielscheibe den Längs- und Querweg ab. Das führt zu einer Genauigkeit von plus/minus 0,2 Millimetern bei der Bestimmung der Position des Einschusses. Da kann das menschliche Auge nicht mehr mithalten. Zudem liefert die elektronische Zielscheibe die Resultate in Sekundenschnelle.

«28 Weltmeisterschaften in zwei Wochen»

Die Zeitmessung an Olympischen Spielen sei vergleichbar mit dem Aufwand für «28 Weltmeisterschaften in zwei Wochen», sagt Zobrist. Damit Omega in Rio de Janeiro jedes Resultat korrekt messen kann, braucht es einiges an Menschen und Material: Nötig sind 450 Tonnen Ausrüstung, 200 Kilometer Kabel, 480 offizielle Zeitmesser und 850 Freiwillige.

Das Engagement von Omega als offizieller Zeitnehmer dauert noch bis und mit zu den Sommerspielen 2020 in Tokio. Spätestens in vier Jahren muss die Muttergesellschaft Swatch Group den Vertrag mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK) verlängern, falls die Partnerschaft andauern soll.

Die Swatch Group investiert von 2010 bis 2020 total etwa eine Milliarde Franken in den Auftritt von Omega als Zeitnehmer. Es ist kein Sponsoring im klassischen Sinn. Vielmehr erbringt die Uhrengruppe für das IOK Zeitmessdienstleistungen.

Auch wenn es für eine Anstellung als Photo Finish Operator bei Omega nicht reicht: Der Respekt und die Anerkennung für die unermüdlichen Zeitmess-Spe­zialisten an den Olympischen Spielen sind sprunghaft ge­stiegen.

Berner Zeitung

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