Unter Andersdenkenden

Benjamin Lüthi absolvierte während seiner Zeit bei GC ein Studium – ohne Einwilligung des Klubs. Im Dezember be­endete der 28-jährige Berner seine Karriere.

Ist er jetzt glücklicher als noch vor einem halben Jahr? Benjamin Lüthi muss nicht lange überlegen, um antworten zu können.

Vor sechs Monaten hatte er, was hierzulande Hunderttausende einen Traumjob nennen. Er war Fussballprofi bei GC, verdiente gutes Geld – auch wenn er nicht der gehobenen Lohnklasse angehörte. Doch Glücksmomente verspürte er kaum noch. Ein Sieg brachte Genugtuung, das schon. Aber nur kurzzeitig. Der vermeintliche Traumjob wurde immer mehr zur Belastung. Lüthi spricht von einem Teufelskreis. Weil sich die fehlende Freude auf seine Darbietungen auswirkte.

Und ihn diese wiederum, wenn sie schlecht ausfielen, weiter herunterzogen. Als der Aussen­verteidiger letzten Herbst nach einer hohen Niederlage wieder einmal eine Krise durchmachte, sagte er sich: «Das kann es nicht sein. Was tue ich da eigentlich?» Daraufhin fällte er den Entscheid, der schon länger gereift war, und hörte auf. Mitte Dezember stand er im Spiel gegen Lugano letztmals auf dem Platz.

Mit den Büchern im Bus

Es ist Mittwoch. Benjamin Lüthi sitzt in einem Café am Zürcher Limmatplatz. Nach dem Jahreswechsel weilte er mehrere Wochen in Neuseeland. Länger auf Reisen gehen, den Wunsch hatte er schon lange gehegt. Als Profi blieb er unerfüllt. Lüthi sagt: «Mir fehlte der ultimative Fokus auf den Fussball. Mich hat immer das Leben daneben angezogen.» Jetzt, da er seine Karriere be­endet hat, muss er keine Kom­promisse mehr eingehen.

Dazu gehört auch, dass sich der 28-Jährige ab Sommer vollumfänglich seinem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Zürich widmen kann. Bei GC musste er seine Nebentätigkeit verschweigen. Zwar hatte er seine Pläne bei Pierluigi Tami einmal kurz angesprochen, der frühere Trainer gab ihm jedoch zu verstehen, dass er davon nichts hielt. Lüthi schrieb sich dennoch ein.

Weil er fand: «Ich kann in der Freizeit machen, was ich will. Sofern ich meinen Verpflichtungen nachkomme.» Während sich die Teamkollegen auf den Fahrten zu Partien unterhielten, nahm Lüthi die Bücher zur Hand, lernte – unbemerkt von Tami. Sprüche seiner Kameraden musste sich der Sohn von FC-Thun-Präsident Markus Lüthi keine anhören. Auch wenn sich die wenigsten erklären konnten, warum Lüthi die Zeit neben dem Platz mit Lernen verbrachte.

«Für sie war das sehr weit weg. Ihre Konzentration galt ausschliesslich dem Fussball», sagt er. Bei GC befand er sich unter Andersdenken. Im Team fühlte er sich dennoch wohl. Auch wenn er anprangert, dass sich jeder zuallererst mit sich selber beschäftigt, nach dem Training sofort auf das Handy starrt. «Aber das war nicht der Grund, warum ich aufgehört habe.»

Im Café am Limmatplatz hat sich Lüthi als Kellner beworben. Er will in nächster Zeit verschiedene Tätigkeiten ausprobieren, Kontakte pflegen, sich besser kennen lernen. Benjamin Lüthi findet, er führe jetzt ein glückliches Leben.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.04.2017, 11:53 Uhr

Artikel zum Thema

Sind Eishockeyspieler fleissiger als Fussballer?

Wie eine Umfrage unter den Klubs der höchsten Spiel­klassen ergeben hat, ist eine Nebentätigkeit im Schweizer Eishockey verbreiteter als im Fussball. Mehr...

Kommentare

Blogs

Dummheit als Ware

Sweet Home 15 geniale Ideen für die Küche

Service

Schnelle Info für zwischendurch

Lesen Sie die Nachrichten aus der Region in Echtzeit.

Die Welt in Bildern

Reif für die Insel: Die philippinische Insel Boracay ist wieder für Touristen geöffnet.Sie war wegen massiver Umweltprobleme geschlossen worden. Viele Hotels und Geschäfte sollen ihr Abwasser samt Fäkalien jahrelang ins Meer geleitet haben. Hier ist die vulkanische Formation Williy's Rock' auf der Insel zu sehen. (16. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Mark R. Cristino) Mehr...