Ajax wirbelt erst - und behält dann die Ruhe

Die Holländer bringen sich im Halbfinal mit einem 1:0 bei Tottenham in eine komfortable Ausgangslage für das Rückspiel. Van de Beek gelingt das Tor des Abends schon nach 15 Minuten.

Die besten Szenen des ersten Halbfinal-Hinspiels in der Champions League. (Video: Teleclub)
Peter M. Birrer@tagesanzeiger

Auf einmal drohte noch ein Nackenschlag, noch ein Gegentor. Nach 78 Minuten war es, als David Neres, der Brasilianer bei Ajax, zum Abschluss kam. Der Ball flog aber nicht ins Tor, sondern an den Pfosten. Das ersparte Tottenham zwar das 0:2, und doch ist die Ausgangslage für die Londoner nicht eben günstig: Sie verloren im eigenen Stadion 0:1 und brauchen im Rückspiel in einer Woche eine klare Leistungssteigerung, um doch noch eine Chance auf den Einzug in den Champions-League-Final zu haben. Aus dem Gesicht von Trainer Mauricio Pochettino liess sich ablesen: Es war nicht der Auftritt, den er sich vorgestellt hatte.

Zwei seiner letzten drei Spiele in der Premier League verlor Tottenham, was zur Frage verleitete: Fehlt der Mannschaft etwa die Energie, um gegen Ajax zu bestehen? «Nein», sagte Pochettino, «in einem so grossen Spiel kannst du unmöglich müde sein. Es ist alles eine Frage des Kopfes.»

Allerdings zeigte der 47-Jährige auch gehörigen Respekt vor den Holländern, die bislang eine prächtige Champions-League-Saison absolviert haben. Die Kampagne beinhaltete nach einer Gruppenphase ohne Niederlage die Highlights mit den Erfolgen gegen Real Madrid im Achtel- und gegen Juventus im Viertelfinal. Die Holländer boten dabei spektakulären Fussball. Der Holländer Martin Jol, ehemaliger Trainer von Tottenham und Ajax, schrieb in einer «Guardian»-Kolumne: «Dieses Ajax kümmert es kein bisschen, ob der Gegner Real, Juventus oder nun eben Tottenham heisst. Wenn es gegen die ganz Grossen geht, ist dieses Team so gut, weil es unbeschwert bleibt.»

Ganz knapp nicht im Abseits: Van de Beek bleibt vor Lloris cool. (Quelle: Teleclub)

Ajax schnörkellos zum 1:0

Im neuen Tottenham-Stadion, das erst Anfang April eröffnet worden ist, sorgten 60000 Zuschauer für eine prickelnde Atmosphäre. Aber davon liess sich der Gast aus Amsterdam nicht einschüchtern, im Gegenteil. Er demonstrierte das Selbstbewusstsein wie zuletzt in diesem Wettbewerb, er bot erneut frechen, erfrischenden Offensivfussball - und seine Richtigkeit hatte es, dass er sich dafür früh belohnte. Passend war die Art und Weise: mit einem wunderbaren und schnörkellosen Angriff. Hakim Ziyech fand mit seinem präzisen Zuspiel den 22-jährigen Donny van de Beek, der erstaunlich viel Platz und viel Zeit bekam, um Goalie Hugo Lloris zu bezwingen.

Ajax hatte Spass am Spiel, kam nach 24 Minuten durch Van de Beek dem 2:0 nahe und brachte es in der ersten halben Stunde auf nahezu 70 Prozent Ballbesitz. Und Tottenham? War nicht in der Lage, eine passende Antwort zu geben. Ohne den verletzten Harry Kane und den gesperrten Heung-min Son blieb die Offensive lange inexistent und war die Vorstellung enttäuschend. Dazu kam eine weitere Schwächung: Der belgische Verteidiger Jan Vertonghen musste den Platz nach 39 Minuten verlassen, schwer gezeichnet nach einem Zusammenprall mit Ajax-Torhüter André Onana. Und doch kamen die Londoner noch vor der Pause etwas auf und durch Toby Alderweireld zur besten Chance. Der Kopfball des Belgiers flog über das Tor.

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Sichtbar wurden mit Beginn der zweiten Hälfte die Bemühungen der Spurs, mehr zu investieren. Gleichzeitig kam den Holländern ihre Leichtigkeit etwas abhanden. Sie schafften es nicht mehr, sich in der gegnerischen Platzhälfte festzusetzen und sahen sich zu mehr Abwehrarbeit gezwungen.

Trotzdem: In Gefahr gerieten die Amsterdamer kaum. Weil es Tottenham an Ideenreichtum und darum an Torchancen mangelte, um den Gegner in ernste Schwierigkeiten zu bringen. Ajax behielt die Nerven und die Ruhe. Und machte einen grossen Schritt Richtung Endspiel.

Telegramm

Tottenham Hotspur - Ajax Amsterdam 0:1 (0:1)

62'000 Zuschauer. - SR Lahoz (ESP).
Tor: 15. Van de Beek (Ziyech) 0:1.
Tottenham Hotspur: Lloris; Alderweireld, Sanchez, Vertonghen (39. Sissoko); Trippier (80. Foyth), Eriksen, Wanyama, Rose (79. Davies); Alli, Llorente, Lucas Moura.
Ajax Amsterdam: Onana; Veltman, De Ligt, Blind, Tagliafico; Van de Beek, Schöne (65. Mazraoui)), De Jong; Ziyech (87. Huntelaar), Tadic, Neres.
Bemerkungen: Tottenham ohne Kane (verletzt) und Son (gesperrt). 39. Vertonghen verletzt ausgeschieden. 78. Pfostenschuss Neres.
Verwarnungen: 30. Tagliafico (Foul), 63. Veltman (Foul)

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