Wie Griesgram Lendl seinem Schützling Murray die Angst nahm

Noch nie ging Andy Murray mit so viel Selbstvertrauen in einen Major-Final wie heute am US Open. Woran das liegt – und wessen Verdienst das ist.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Andy Murray könnte den Tennisexperten dieser Welt heute einen grossen Gefallen tun. Besiegt er den serbischen Titelverteidiger Novak Djokovic, muss keiner von ihnen mehr die leidige Frage beantworten, wann denn endlich wieder ein Brite einen Grand-Slam-Titel holen werde. Die Chancen des Olympiasiegers stehen nicht schlecht: Er besitzt ein «verdammt gutes Händchen», wie John McEnroe bemerkte, einen starken Service, eine gewaltige Vorhand, eine exzellente Rückhand und endlich auch das Selbstbewusstsein, seine Waffen für den Angriff zu gebrauchen.

«Ich denke, er greift mehr an als früher. Er ist jetzt mental aggressiver auf dem Court. Das ist vielleicht das Einzige, was ihm gefehlt hat», sagt Djokovic über seinen Rivalen. Und das ist vor allem der Verdienst des einstigen Weltranglistenersten Ivan Lendl, der seit Beginn dieses Jahres mit Murray zusammenarbeitet und dem einst zögerlichen und gegen grosse Kaliber zu Passivität neigenden Schotten die Angst vor der Offensive genommen hat. «Murray glaubt nun, dass er ein Sieger ist, das hat er vorher nicht getan. Lendl hat ihm Gelassenheit, Glauben und Ruhe gebracht», schildert die US-Trainerlegende Nick Bollettieri gegenüber der BBC.

«Djokovic kann sein Niveau in einem Grand-Slam-Final stets heben»

Der Deutsche Michael Stich, seines Zeichens Wimbledonsieger 1991, ist ebenfalls sicher, dass Murray auf psychischer Ebene unter dem griesgrämig wirkenden Lendl einen grossen Schritt nach vorne gemacht hat. «Ich glaube nicht, dass er an seine früheren Finalniederlagen denken wird. Er wird sich nur an seinen Sieg bei Olympia erinnern – und darauf wird er sein Selbstvertrauen gründen», so Stich. «Djokovic kann sein Niveau in einem Grand-Slam-Final stets heben, er weiss, was es zum Sieg braucht. Aber auch Murray weiss, dass er in dieser Form und mit diesem Selbstbewusstsein gewinnen kann.»

Der Skeptischste in der BBC-Expertenrunde war Murrays früherer Trainer Miles Maclagan. Er erklärte, der Weltranglistenvierte werde nervöser sein als Djokovic. «Schliesslich ist der Unterschied zwischen null und einem Grand-Slam-Titel viel grösser als jener zwischen fünf und sechs. Andy muss mit seinem ersten Service Gratispunkte holen und ans Netz kommen, um die Ballwechsel abzuschliessen, da beide so gut retournieren.»

Die Niederlage, die Mut machte

Murrays aktueller Coach Lendl glaubt fest an seinen Schützling: «Nach dem verlorenen Wimbledon-Final gegen Federer habe ich ihm gesagt, er solle stolz auf sich sein, auf die Art wie er mit dem Druck umging und spielte. Es war ein grosser Unterschied zwischen dieser Niederlage und jener gegen Djokovic in Australien im vergangenen Jahr.» Dass ihm der ersehnte Wimbledon-Triumph noch entglitten sei, habe Murray geschmerzt, doch er habe die nötigen Lehren gezogen. Unter anderem, dass er durchgehend offensiv agieren muss.

In den Augen der Wettanbieter ist Djokovic (Quote 1,5;1) gegenüber Murray (2,5:1) recht klar zu favorisieren. Das letzte Duell der beiden entschied aber der vermeintliche Aussenseiter aus Schottland in den olympischen Halbfinals mit 7:5, 7:5 für sich. In den Australian-Open-Halbfinals hatte sich Djokovic im Januar mit 6:3, 3:6, 6:7, 6:1, 7:5 durchgesetzt. «Dieser Match war schwierig, mental und physisch», erinnert sich der Serbe. «Bis zum letzten Ball war nicht ersichtlich, wer gewinnen würde. Unser Spiel ist sehr ähnlich, und wir kennen einander genau. Ich denke, es gibt diesmal keinen klaren Favoriten.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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