«Wichtig ist, dass Belinda Spass hat»

Der Slowake Vladimir Platenik (42) ist als neuer Coach von Belinda Bencic davon überzeugt, dass sie das gewisse Etwas hat.

Neuer Coach: Vladimir Platenik sieht in Belinda Bencic noch viel Potenzial.

Neuer Coach: Vladimir Platenik sieht in Belinda Bencic noch viel Potenzial.

Ihre Zusammenarbeit mit Belinda Bencic hat sich in Wimbledon mit zwei Siegen gut angelassen. Hätten Sie das so erwartet?
Es gehört auch ein bisschen Glück dazu. Ihre Matchs waren knapp. Aber so ist das im Tennis: Es entscheiden zwei, drei Bälle. Und wenn man mental stark bleibt, gewinnt man solche Spiele. Wir begannen nach Roland Garros miteinander zu arbeiten, sprachen sehr viel. Wir kamen eine Woche vor dem Turnier nach Wimbledon, haben sehr gut trainiert. Belinda war oft verletzt gewesen, aber ich denke, jetzt ist sie auf einem guten Weg. Sie will arbeiten, vertraut dem Konditionstrainer. Und ich glaube, sie vertraut auch mir ein bisschen. ­(lächelt)

Worauf haben Sie Ihren Fokus gelegt?
Ich bin mitten in der Saison dazugestossen. Da kann man nicht so viel verändern. Aber ein wichtiger Punkt ist der Aufschlag, den sehe ich als Schwäche. Das Spiel ist in den letzten zwei, drei Jahren zusehends aggressiver geworden. Und wenn Belinda vom ersten Ball an unter Druck ist, wird es schwer. Ohne einen guten Aufschlag geht gar nichts, vor allem nicht auf Rasen. Da können wir den Hebel einfach ansetzen.

Und sonst?
Natürlich arbeiten wir an ihrer physischen und psychischen Verfassung. ­Hoffentlich können wir die Saison retten und dann im Winter eine gute Vorbereitung haben, damit sie nächstes Jahr auf ihrem Toplevel ist. Aber sie lernt schnell, spielt schon recht gut. Ich muss ihr das Tennis nicht mehr beibringen. Sie war schon in den Top 10. Das ist eine andere ­Sache als bei Daria Kasatkina, die ich von Rang 400 auf 20 brachte. Bei ­Belinda geht es um Details. Wichtig ist auch, dass sie Spass hat.

Hatte Sie den verloren?
Belinda war schon früh in den Top 10, hat viele überrascht. Aber wie man so schön sagt: Es ist einfacher, nach vorne zu kommen, als sich dort vorne zu bestätigen. Denn dann kommen die ganzen Erwartungen dazu. Das passierte wahrscheinlich bei Belinda. Und bei all diesem Stress wird man depressiv, verliert den Spass. Wir arbeiten sehr hart, aber die Freude ist für mich essenziell.

Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Ihr Vater sprach mich schon vor zwei Jahren an, als ich noch mit Kasatkina arbeitete. Er sagte, er wäre interessiert, wenn das mit Kasatkina nicht gut laufe. Aber als es bei mir fertig war, hatte Belinda ein, zwei Monate zuvor den englischen Trainer (Iain Hughes) engagiert. Doch sie verstanden sich nicht, und nach ihrer Trennung war es ­logisch, dass ich angefragt wurde.

Wie schätzen Sie Bencic ein? Als Kämpferin? Sie scheint diese engen Situationen in Matchs zu lieben.
Ob sie sie liebt, weiss ich nicht. (lacht) Aber es ist schon so: Viele können sehr gut spielen. Aber die Besten spielen sehr gut in den schwierigsten Situationen. Das zeigte Belinda gegen Riske. Sie hat das gewisse Etwas. Und deshalb hat sie ein grosses Potenzial. Aber sie ist noch weit, weit entfernt von der Spielerin, die sie sein könnte.

Wie steht es um ihre körperliche Verfassung?
Sie fiel wegen des Fusses acht Wochen aus, sass in dieser Zeit viel auf dem Velo. Da hat sie mindestens fünf Kilo abgenommen. Sie hat Spass mit dem Fitnesstrainer. Wir gehen auch zusammen joggen, auch ich muss etwas tun. Ich hatte letztes Jahr eine schwere Zeit. Wir reisen 30 Wochen um die Welt. Und wenn man Probleme hat im Team wie ich mit dem Bruder von Kasatkina, geht das nicht spurlos an einem vorbei. Ich wollte lange nicht loslassen, weil ich so viel für diese Spielerin geopfert hatte. Aber letztlich war es unvermeidlich.

Bei Bencic haben Sie keine Bedenken, dass es Probleme geben könnte mit Ihrem Umfeld?
Ihr Vater wollte ja, dass ich mit ihr trainiere. Ich glaube, alle sind zufrieden. Es war ein guter Start. Aber wir müssen auch zusammenhalten, wenn es nicht läuft. Ich habe zu Belinda gesagt, dass sie lernen muss, die Entscheidungen zu treffen. Im Leben wie auf dem Platz.

Belinda Bencic läuft vorbei und fragt: «Was erzählt er so?»

Nur gute Dinge über Sie.
Sie läuft schmunzelnd davon.

Wenn Belinda verliert und kämpft, ist das für mich okay. Aber wenn sie aufgibt, akzeptiere ich das nicht. Weder im Match noch im Training. Im slowakischen Davis-Cup-Team war Miloslav ­Mecir unser Captain. Er sagte etwas Schlaues: «Nur fünf, sechs Wochen im Jahr spürte ich den Ball so richtig. Den Rest der Zeit kämpfte ich.»

Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?
Von 16 bis 21 verbrachte ich jedes Jahr zwei, drei Monate in der Schweiz, spielte da Satellite-Turniere. Ich wohnte bei Bekannten in Herisau. An den Turnieren war ich oft mit deutschsprachigen Spielern zusammen. Mit ­Severin Lüthi, Ivo Heuberger, Stefan Koubek. Ich hatte schon als kleiner Junge Deutsch gelernt. Weil wir an der Grenze zu Österreich wohnten, bekamen wir das österreichische TV-Signal. Das Programm im Kommunismus war miserabel, ich wollte die Filme auf ORF schauen. Ich verstand aber nichts, also wollte ich so schnell wie möglich Deutsch lernen. Ich war topmotiviert, als mich meine Eltern in den Sommerferien in einen Deutschkurs steckten, weil sie kaum Zeit hatten für mich.

Mit Bencic sprechen Sie aber ­Slowakisch.
Ja. Aber manchmal zum Spass auch Deutsch. (lacht)

Tages-Anzeiger

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