Sohn Basels, Liebling der Welt

Warum Roger Federer populärer denn je ist – nicht nur an den Swiss Indoors, wo er gegen Del Potro heute den achten Titel anstrebt.

Nach nur 60 Minuten und einer Machtdemonstration gegen den Belgier David Goffin zog Roger Federer ins Endspiel der Swiss Indoors ein – dieses spielt er heute um 15 Uhr. (Video: Tamedia)
René Stauffer@staffsky

Erst dem Publikum gelang, was der belgische Top-10-Spieler David Goffin in Basel vergeblich versucht hatte: Es konnte Roger ­Federer – wenn auch nur kurz – stoppen. Eine nicht enden wollende stehende Ovation verzögerte das Platzinterview mit Heinz Günthardt nach diesem 6:1, 6:2 immer weiter. Und als dieser dann sagte, er habe Hühnerhaut angesichts der Stimmung und ­Federers einstündiger Galavorstellung, glaubte man es ihm sogar.

Dass der 19-fache Grand-Slam-Sieger mit 36 Jahren noch immer so viel ins Tennis investiert und zudem so brillant spielt wie schon fast die gesamte Saison, hat seiner Popularität neuen Schub verliehen. Nicht nur in Basel, wo er heute um 15 Uhr gegen Juan Martin Del Potro den 95. Turniersieg anstrebt – es wäre ­bereits der siebte der Saison.

«Das Publikum in Basel ist einfach speziell, und es ist ein Privileg für mich, dass ich hier noch ­immer spielen kann», erklärte Federer. Aber was ist es, das die Schweizer Zuschauer von denen in Shanghai, New York oder Wimbledon unterscheidet? Die SoZ machte sich auf Spurensuche, befragte dazu Tennis­experten und auch Federer selber, der auf Twitter schon über zehn Millionen Follower hat.

Die Schweiz: «In vielen Stuben Freude bereiten»

Der nun 13-fache Basel-Finalist weiss es selber: «In der Schweiz habe ich einen einzigartigen Status. Weil ich von hier komme, wissen die Leute viele Details von mir – über die Familie, wo ich wohne usw. Dinge, die ich gar nicht unbedingt teilen möchte.» Die Schweizer Medien seien auch diejenigen, die er am genausten verfolge. «Deshalb denke ich, dass ich mein Image hier ziemlich gut kenne.» Er ist damit zufrieden: «Da ich weltweit grosse Erfolge hatte, aber immer wieder den Weg in die Schweiz fand und noch hier wohne, geniesse ich ein ziemlich hohes Ansehen.» Das sei ihm wichtig und freue ihn. «Ich möchte ja auch Freude verbreiten im Land. Zum Glück werden viele meiner Matches am Fernsehen gezeigt. Das gibt mir die Chance, in die Stube vieler Leute zu kommen, das ist etwas Schönes.»

Australien: Er erinnert an die grosse Ära des Landes

Am populärsten sei er seines Wissens in Australien, sagt Federer. «Tennis ist dort offenbar der beliebteste Sport, und ich bin gemäss einer Statistik der populärste Athlet des Landes.» Australien sei für ihn auch speziell. Er fühle sich dem Land sehr verbunden, zumal zwei seiner Coaches Australier waren, der tödlich verunglückte Peter Carter und Tony Roche.

Der australische Tennisjournalist Leo Schlink bestätigt diese Einschätzung. «Zudem erinnert Federer in seiner Art und seinem Spiel viele der älteren Zuschauer an die goldene Ära des australischen Tennis. Auch seine enge Beziehung zu Rod Laver und anderen Legenden sowie der Respekt, den er ihnen entgegenbringt, verschaffen ihm Sympathien.»

Viele australische Tennisfans seien sich bewusst, dass Federers Eltern einst beinahe in ihr Land ausgewandert wären. Und seine Rivalität mit dem nicht sehr beliebten Lleyton Hewitt habe ihn schon früh bekannt gemacht.

China: Umjubelter Entwicklungshelfer

Etwa 3000 Autogrammwünsche werden von Federers Eltern dieses Jahr per Post erfüllt, nachdem diese Zahl in den vergangenen Jahren eingebrochen war. «Die meisten Anfragen kommen aus China, Taiwan und Deutschland», sagt der Vater. Zhang Bendou, weit gereister Tennisjournalist Chinas, betont, wie eng die Beziehung Federers speziell zu Shanghai ist. «Er wuchs mit diesem Turnier auf. Schon 2002 spielte er hier das Saisonfinale, und 2005 kam er extra zur Einweihung des Qi-Zhong-Stadions. Er hat das Turnier stets unterstützt.» Federers Popularität gehe in China weit über das Tennis hinaus.

Die chinesischen Fans seien extrem geduldig und enthusiastisch, sagt Federer. Und auch sehr kreativ, wenn es um Geschenke für ihn gehe. «Einige warteten die ganze Nacht auf mich, als ich um vier oder fünf Uhr morgens abflog.» Er setzt sich bewusst für das Tennis in Asien ein. «Dieser Sport ist dort noch nicht so etabliert wie etwa in England oder Australien. Ich spielte auch immer wieder in Shanghai, Bangkok oder Tokio, um Asien als wichtigen Markt darzustellen.» Er bedauert aber, dass es fast keine asiatischen Topspieler gibt. «Eventuell schafft es ja der Chinese Wu Yibing, der eben das US Open der Junioren gewonnen hat.»

Frankreich: Ein Künstler, der Molières Sprache beherrscht

Frankreich ist das Land, in dem es im Verhältnis zur Einwohnerzahl am meisten lizenzierte Spieler hat. Federer: «Alle sind irgendwie verbunden mit dem Tennis, der Sport ist extrem populär. Und wenn du dann noch x-mal auf dem Centre Court von Roland Garros antreten kannst, wirst du selber auch populär.» Vielleicht habe seine Beliebtheit an der Seine auch damit zu tun, dass er sich bemühe, mit allen gut umzugehen, spekuliert er. «Und es könnte hilfreich sein, dass ich mich mit meinem Französisch durchkämpfe.»

Gemäss Julien Reboullet von der Zeitung «L’Equipe» ist die Tatsache, dass Federer gut und auf erfrischende Art Französisch spricht, ein wichtiger Popularitätsfaktor. Aber längst nicht der einzige. Reboullet zählt auf: «Wuchs er nicht nahe zur Grenze Frankreichs auf? Hatte er nicht mit Christophe Freyss früh einen französischen Trainer? Schlug er nicht als ersten Gegner einen Franzosen, Raoux? Holte er nicht den ersten Finalsieg gegen Boutter, einen Franzosen? Und sind seine Initialen nicht RF, wie République Française?»

Etwas ernsthafter führt Reboullet an, dass auch Federers Eleganz, Virtuosität und Vielseitigkeit ihm die Liebe vieler Franzosen eingetragen hätten. «Frankreich liebt eben Künstler.»

USA: Den Erfolgen auf dem Court folgten die daneben

In den USA ist das anders: «They love a winner», sagt Federer. «Als sie merkten, dass am US Open nicht mehr immer ein Amerikaner gewinnen würde, mussten sie halt einen anderen Spieler ins Herz schliessen. Und ich war der, der das Turnier fünfmal in Folge gewann.» Um in den USA mehr als respektiert zu werden, müsse man aber auch neben dem Platz erfolgreich sein. «Am Anfang wurde ich dafür kritisiert, dass ich nicht viele Verträge hatte. Dann kam Gillette, und andere internationale Verträge folgten. Das Image ist in den USA enorm wichtig.»

Christopher Cleary, Tennis­experte der «New York Times», weist darauf hin, wie weit es Federer im schwierigen US-Markt gebracht hat. «Es braucht enorm viel, um als Nichtamerikaner ein echter Sportstar zu werden, angesichts der grossen Konkurrenz. Einfacher wäre es in Teamsportarten wie Basketball, Baseball oder Eishockey. Und Roger hat das sogar in einer Einzelsportart geschafft, die während seiner Karriere in den USA an Bedeutung verloren hat.»

Federers Bekanntheit spiegle seine Erfolge, seine Langlebigkeit, seinen Stil und seine skandalfreie Karriere, glaubt Clarey. «Und es hilft, dass er Englisch spricht, als wäre es seine Muttersprache.» ­Federer sei in den USA der bekannteste ausländische Tennisstar seit Björn Borg. «Wenn es um ihn geht, denken die Leute nicht zwingend daran, dass er ein Schweizer ist. Er ist einfach Federer und noch öfter Roger. Und das ist ein ziemliches Statement in einem derart gesättigten Markt wie unserem.»

England: Mit jedem Sieg in Wimbledon etwas mehr Brite

Als Wimbledonsieger, sagt ­Federer, komme man in England immer gut an. «Die Briten kennen und schätzen das Tennis, und das Publikum ist sehr fachkundig.» Einen Ausnahmestatus hat er auf der Britischen Insel schon seit dem ersten seiner inzwischen acht Wimbledonsiege, im Jahr 2003. «Für die meisten Briten bedeutet Tennis Wimbledon», sagt die britische Tennisexpertin Alix Ramsay. «Jeder, der hier Erfolg hat, wird für uns sogleich zum Superstar.»

Federer habe auch sofort alle Anforderungen erfüllt. «Er spielte wunderbares Tennis, war ein Gentleman auf und neben dem Court und umwerfend erfolgreich. Und mit jedem Sieg beanspruchten ihn die Briten etwas mehr für sich. Er mag zwar Schweizer sein, aber er gewinnt unser Turnier, und deshalb ist er beinahe einer von uns.» Im Gegensatz zu Pete Sampras, der wenig Emotionen zeigte, gefalle es den Briten auch, wie Federer 2003 nach dem ersten Titel Tränen vergossen habe, so Ramsay. «Und weil sie grossen Respekt für die Geschichte haben, wollten sie, dass er immer noch mehr Rekorde bricht, weil sie damit ein Teil seiner Geschichte wurden.»

Deutschland: Leider von der falschen Seite des Rheins

Seit Boris Becker war in Deutschland kein Tennisspieler mehr so beliebt wie Federer. «Ein Grund der engen Beziehung ist sicher die gemeinsame Sprache», sagt die Tennisjournalistin Doris Henkel. «Zudem bestritt er bei uns im Lauf der Jahre auch alle grossen Turniere, und das mit viel Erfolg.» Allein in Deutschland gewann Federer 14 Turniere (davon 9 in Halle) – nur in den USA war er erfolgreicher. Kein Wunder, sagt Henkel, dass viele in Deutschland dächten: «Hätte dieser Federer nicht auf unserer Seite des Rheins zur Welt kommen können?»

SonntagsZeitung

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