Nadal, der Profiteur im Lazarett

Rafael Nadal hat das US Open souverän für sich entschieden. Der Weg des Mallorquiners zum Grand-Slam-Titel war deutlich einfacher als zuletzt auf dieser Stufe.

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Rafael Nadal schaute bereits wieder voraus, kaum hatte er den Pokal in die Höhe gestemmt. Das konnte dem Spanier nach dem Gewinn des US Open wahrlich nicht verübelt werden, denn den Final, den er vorher noch hatte spielen müssen, war ein Leichtes gewesen für den nun 16-maligen Grand-Slam-Sieger. Sein Gegner, der Südafrikaner Kevin Anderson, war bei seiner Endspielpremiere überfordert. Nicht einmal weil er besonders nervös gewirkt hätte, sondern weil er schlicht nicht ein solch guter Tennis­spieler ist wie Rafael Nadal.

6:3, 6:3, 6:4 lautete das Resultat am Ende zugunsten des Spaniers, und es hätte noch deutlich klarer ausfallen können, ja müssen. Man konnte Nadal also gar nicht böse sein, dass er bereits wieder nach vorne schaute und nicht gross zurück auf diesen ein­seitigen Final. Also sagte er: «Ich würde gern noch ein paar Jahre weiterspielen.»

Diese positive Gier nach Er­folgen, die Freude am Tennis, es sind Eigenschaften, die Nadal genauso innehat wie Roger Federer. Und es überrascht deshalb nach vier Major-Turnieren in diesem Jahr nicht, dass auch das letzte von einem dieser beiden Aus­nahmespieler gewonnen wurde. Denn wer Nadal in sieben Partien auch begegnete: Er hatte nicht ansatzweise das Format, um ihm gefährlich zu werden. Selbst Juan Martin del Potro konnte nichts gegen den Spanier ausrichten – nach spektakulären Partien war der Argentinier im Halbfinal nach gewonnenem Startsatz am Ende seiner Kräfte.

Keine starken Gegner

Ein interessantes Detail ist auch: Kein einziger Gegner des Sandkönigs war innerhalb der Top 20 klassiert. Der Triumph Nadals war also abzusehen, vor allem deshalb, weil Federer aufgrund seiner Rückenprobleme zu sehr mit sich beschäftigt war, um seine gewohnte Leistung abzurufen. Dabei war die Weltnummer 1 gar nicht überzeugend ins Turnier gestartet, wirkte fehleranfällig. Dass er selbst im Final und trotz des Gefühls, alles im Griff zu haben, auf Höhe der Linienrichter retournierte, es mutete merk­würdig an und zeigte, dass das Selbstvertrauen beim Spanier auch schon grösser war.

Rafael Nadal war der grosse Profiteur – und er war dies verdient. Er war der einzige gesunde Topspieler auf der Männertour, die einem Lazarett gleicht. Wenn das ausreicht dafür, die wichtigsten Trophäen im Tennis zu gewinnen: Da kann Nadal als Letzter etwas dafür, er hat nur seinen Job seriös ausgeführt. Kein Wunder, ist er äusserst zufrieden: «Dass ich im Sommer wieder die Nummer 1 wurde und nun das US Open gewinnen konnte, toppt alles.»

Er und Federer sind zweifelsohne die ganz grossen Gewinner dieses Jahres. Sie beide haben einen ordentlichen Teil der letzten Saison ausgelassen, um nach Verletzungen nicht nur wieder einigermassen fit zu werden, sondern um vollständig zu ge­nesen. Das hat sich ausbezahlt. Das Duo führt nun auch wieder die ATP-Weltrangliste an. Nadal bleibt die Nummer 1, Federer verbessert sich um einen Rang auf Platz 2.

Eine aufregende Vorstellung

Zum im Sommer prophezeiten Duell um den Platz auf dem Thron wird es aber wohl kaum kommen: Weil der Baselbieter aufgrund seiner körperlichen Probleme in den letzten Wochen zu wenig Tennis spielen konnte, hat er sich einen Rückstand von 1860 Punkten eingehandelt. Bei vier verbleibenden Turnieren auf ATP-Stufe – Shanghai, Basel, Paris-Bercy, London –, wo es ins­gesamt 4000 Zähler zu gewinnen gibt, kann er Nadal kaum über­holen. Das dürfte für Federer halb so schlimm sein, hat er doch immer wieder betont, dass dies für ihn nicht so wichtig sei. Für ihn zählen Titel mehr.

Vor allem jene an Grand Slams. Der Rekordsieger auf dieser Ebene mit 19 Erfolgen wird selbst­redend auch spüren, dass ihm Nadal auf den Fersen ist. Und mit dessen Ankündigung, noch ein paar Jahre spielen zu wollen, sind drei Längen Vorsprung nicht die Welt. Zudem darf nicht vergessen werden: Nadal ist erst 31, knapp fünf Jahre jünger als Federer. Herrschte lange die Meinung vor, aufgrund seiner kraftraubenden Spielweise werde seine Karriere zwangsläufig früher vorbei sein, traut sich dies heute niemand mehr zu behaupten.

Das Rennen um diesen Rekord wird weitergehen. Und wenn 2018 auch die grössten Konkurrenten wieder fit – aber auf hinteren Rängen der Weltrangliste – auf die Tour zurückkehren, kann es schon am Australian Open früh zu ganz abenteuerlichen Duellen kommen. Zurückblicken auf dieses US Open lohnt sich also nicht. Nur nach vorne. Denn die Vorstellung, was da kommen könnte, ist weit aufregender. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 22:48 Uhr

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