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Eine Träne für die Stierkampfarena

Im Zuge der Modernisierung des Stade Roland Garros wird der Court 1 bald zerstört. Grund genug für einen Augenschein im legendären Stadion.

Intime Atmosphäre: Die Zuschauer sind sehr nahe am Geschehen.
Intime Atmosphäre: Die Zuschauer sind sehr nahe am Geschehen.
zvg

Der Court 1 in Paris ist dem Römer Kolosseum nachempfunden. Wer einen Sitz in einer der ersten Reihen ergattert, erlebt Weltklassetennis wie sonst wohl nirgends und realisiert, dass das Fernsehen die Realität trotz hochauflösender Kameras nur unvollkommen wiedergeben kann.

Der Raum hinter den Grund- und neben den Seitenlinien ist vergleichsweise gering und entspricht nicht modernen Standards. Kein Wunder, das Stadion mit einer Kapazität von 3802 Zuschauern, im Volksmund «Stierkampfarena» genannt, wurde 1983 erbaut.

Wer sich als stiller Beobachter auf einem Platz nahe der Grundlinie setzt, der ist nicht nur dabei, sondern quasi mittendrin im Geschehen, wie ein Besuch der Partie zwischen Pablo Carreno Busta (ATP 21) gegen Grigor Dimitrov (ATP 13) zeigt.

Wenn der Ball ruht, lässt sich die Mimik der Protagonisten erkennen, und meistens sind ihre Selbstgespräche zu hören. Während der Rallys ist die unbeschreiblichen Intensität zu spüren, mit der sich die beiden duellieren.

Die Füsse wirbeln zuerst durch den Sand, gehen dann in ein Rutschen über und wechseln schliesslich rasant die Richtung. Die Filzkugeln fliegen mit einem Affenzahn und oft auch mit extremem Drall auf die Tennisprofis zu, welche mit einer Wucht auf die Bälle dreschen, dass einem vom Zuschauen und Zuhören die Schulter zu schmerzen beginnt. Mit einer speziell feinen Nase liesse sich wohl sogar das Deodorant der modernen Gladiatoren erraten.

Aus psychologischer Sicht interessant ist das Verhalten der Athleten. Obwohl an Grand-Slam-Turnieren bei den Männern auf drei Gewinnsätze gespielt wird, gibt es zumindest in diesem Match kein Abtasten. Schon im zweiten Game ballt Dimitrov zweimal die Faust, und Coach Daniel Vallverdu ruft seinem Arbeitgeber immer wieder aufmunternde Worte zu.

Wer gut lauscht, stellt fest, dass der Bulgare Dimitrov in seiner Muttersprache zu sich redet, wenn er mit dem Schicksal hadert, aber auf englisches Vokabular zurückgreift, um sich anzuspornen.

Er überlässt nichts dem Zufall, selbst das Abwischen des Schweisses an Fingern und Gesicht geschieht mit höchster Präzision – und jedes Mal genau gleich. Letztlich nützt alles nichts, der Spanier gewinnt in drei Sätzen. Doch das ist quasi die langweiligste Erkenntnis; denn das hätte der Tennisbegeisterte auch am TV oder sogar mit einem Blick in den Teletext erfahren.

Der schon fast intime Augenschein erhöht nicht nur den Respekt vor den Filzballkünstlern, sondern auch vor anderen, die das Spektakel möglich machen. Linienrichter müssen hochkonzentriert sein, und ihr Job ist gerade bei rasanten Aufschlägen extrem knifflig.

Und zuweilen wird der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe noch erhöht, wenn ein Bein des Spielers die Sicht beeinträchtigt. Faszinierend ist auch, mit welcher Fingerfertigkeit und in welchem Tempo die Ballkinder sich die Filzkugeln zurollen. Zudem dürfen sie in den kurzen Spielpausen die Profis nicht aus den Augen lassen, damit sie anhand derer Handbewegungen erkennen können, ob sie das Handtuch bringen müssen.

Am gleichen Tag spielt auch noch Dominic Thiem in der Stierkampfarena. Der Österreicher spricht anschliessend von einem «legendären Stadium. Es ist wirklich schade, wird es mit Bulldozern platt gemacht. Es handelt sich um einen der schönsten Tennisplätze auf der Tour.» Was Thiem anspricht: Im Zug der Modernisierung des Stade Roland Garros muss der Court 1 weichen.

Im Umfeld des dereinst überdachten Court Philippe Chatrier wird mehr freier Raum für die Besucher benötigt. Ersetzt wird das Pariser Kolosseum durch eine neue Arena im angrenzenden botanischen Garten.

«Wenigstens konnte ich doch noch einmal auf diesem Court spielen», berichtet Thiem, «aber denke ich daran, dass er bald weg ist, werde ich sentimental.» Da ist der 23-Jährige nicht der Einzige.

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