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«Die Gegner fürchten Federer wieder»

Nick Bollettieri, der bekannteste Tenniscoach, spricht im Interview über die Turnierfavoriten Roger Federer und Andy Murray, das Stöhnen der Spielerinnen und sein besonderes Privatleben.

Nick Bollettieri, der Gründer der gleichnamigen Tennisakademie in Bradenton (Florida), hat zehn Spielerinnen und Spieler betreut, welche es zur Nummer 1 gebracht haben. Er ist zwar schon 77-jährig, aber noch kein bisschen müde. Ist er zu Hause, steht er jeden Tag um 4.20 Uhr auf, und auch in Wimbledon ist er ständig auf Achse – als Kolumnist, Analyst und TV-Kommentator. Während des Interviews musste er immer wieder aufstehen und alte Bekannte begrüssen. Besonders herzlich war dabei das Wiedersehen mit Oracene Price, der Mutter von Venus und Serena Williams.Wer gewinnt das Männerturnier?Nick Bollettieri: Es ist schwierig, nicht auf Roger Federer zu setzen. Für ihn sprechen die Statistik und das wiedergefundene Selbstvertrauen. Die Gegner fürchten Federer wieder, das ist zu spüren. Ich werte das als sehr gutes Zeichen.War das in letzter Zeit anders?Er machte eine schwierige Phase durch, und die Spieler hofften, seine Probleme ausnutzen zu können. Mittlerweile schauen sie wieder aufs Tableau und hoffen, den Namen Federer nicht in der Nähe zu sehen – mit gutem Grund. Ich bin schon länger der Meinung, dass Roger der Beste in der Tennisgeschichte oder zumindest ganz nahe dran ist. Seine Technik ist überragend, der Service sehr, sehr gut. Er versteht es, das Tempo zu wechseln, wie bisher kein anderer, und er deckt den Platz ab wie kaum ein Zweiter. Die einzige winzig kleine Schwäche erkenne ich genau wie einst bei Pete (Sampras) beim Rückhandreturn. Doch es ist zu spüren, dass er das Vertrauen in seine Rückhand wiedergefunden hat.Hat der Roland-Garros-Titel etwas an Ihrer Einschätzung geändert?Roger wollte diesen fehlenden Titel unbedingt holen, und er liess mit dem Erfolg seine Kritiker verstummen. Doch das Wichtigste war: Roger brauchte einen grossen Sieg, an welchem Grand-Slam-Turnier auch immer. Nun war es halt das French Open.Viele Experten sagen, als bester Tennisspieler komme nur in Frage, wer alle vier Majors gewonnen habe. Sind Sie damit einverstanden?Nicht unbedingt; Federer hatte schon vorher eine aussergewöhnliche Bilanz. Ein Fragezeichen hätte ich gesetzt, wenn er nach seiner schwierigen Phase nie mehr ein Grand-Slam-Event gewonnen hätte. Wenn einer, sagen wir, 22 Grand-Slam-Titel holt, kann doch niemand etwas in Frage stellen, das wäre ein Irrsinn. Aber es gibt immer Leute, die etwas zu kritisieren haben. Sie sind unbedeutend und wollen sich wichtig machen, indem sie negativ über andere sprechen. Roger Federer ist ein riesiger Gewinn für die ganze Sportwelt. Er ist ein tolles Vorbild für die Kinder, er vertritt seine Sponsoren wunderbar, er äussert sich immer respektvoll über seine Gegner, auch nach Niederlagen.Wie erklären Sie sich, dass Federer gegen Andy Murray die letzten vier Spiele verloren hat?Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären. Mein ehemaliger Spieler Brian Gottfried hatte Jimmy Connors zuerst geschlagen, verlor danach aber 16 Mal hintereinander. Manchmal ist es keine Frage des Talents, manchmal dringen Stil und Charakter eines Gegners in deinen Kopf ein. Das kann ein genauso gravierendes Problem sein wie eine Schwäche im Spiel. Aber ich denke, hier beginnt alles von vorne. Übrigens: Ich mag auch Andy Murray. Er ist ein Typ, der zu mir passt. Er ist ein wenig ein Rebell und erinnert mich deshalb an meinen Andre (Agassi).Federer hatte anfänglich gegen Lleyton Hewitt und David Nalbandian kein Mittel gefunden, doch letztlich fand er die Lösung. Wird er auch das Murray-Rätsel lösen können?Wenn ich so gut wäre wie Roger Federer, gäbe es keine Rätsel. Es wäre mir egal, gegen wenn ich spielen müsste. Ich würde denken: «Ich bin so verdammt gut. Mir ist egal, was du tust – ich schlage dich sowieso.»Kommt es zum Final Federer - Murray?Es ist noch ein weiter Weg; beide müssen noch fünf Runden überstehen. Es redet zwar schon jeder von diesem Duell, aber man sollte vorsichtig sein: Mein Tommy Haas ist gut in Form, Karlovic ist gefährlich, auf Andy Roddick muss man aufpassen, und Del Potro spielt stark und fürchtet keinen. Die beiden müssen auf der Hut sein, denn jeder Gegner hat Lust darauf, über Nacht berühmt zu werden. Ein Final zwischen Federer und Murray wäre grossartig, für die Fans, für die Fernsehstationen, für Grossbritannien, für den Sport. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so weit kommt, ist vielleicht 75 Prozent, höchstens. Es kann noch viel passieren.Der Druck auf Murray ist am Heimturnier gewaltig. Trauen Sie ihm zu, ihn zu ertragen?Ja, er hat die richtige Persönlichkeit. Er kann mit den Erwartungen umgehen. Er ist ein Nonkonformist; er hat den britischen Tennisverband verlassen und selber ein Team zusammengestellt. Das war ein wichtiger Schritt, denn wenn du die Leute selber anstellst, wirst du besser auf sie hören.Das Stöhnen der Spielerinnen ist derzeit in Wimbledon ein grosses Thema.Wissen Sie was? Weil mich sowieso jeder beschuldigt, ich würde das Stöhnen fördern, habe ich in meine Akademie angerufen und aufgetragen, sofort einen Stöhnkurs ins Programm aufzunehmen (lacht). Im Ernst: Ich bin froh, hat Michelle (Larcher de Brito) ihren ersten Match ohne viel Lärm gewonnen. Maria (Scharapowa) hingegen war deutlich zu hören. Aber wenn jemand so gross ist und so gut aussieht wie sie, werden sich zumindest die Männer nicht beklagen.Verstehen Sie, dass die Kritik am Stöhnen, die schon zur Zeit von Monica Seles aktuell war, neu aufgeflammt ist? Martina Navratilova sagte sogar, lautes Stöhnen sei Betrug.Sie sollte nicht von Betrug sprechen. Ich arbeitete mit Moncia schon, als sie ein kleines Mädchen war, sie würde nie jemanden betrügen. Aber wir haben einen Punkt erreicht, an dem eine Grenze überschritten wird. Meiner Meinung nach müssten jene Spieler reklamieren, die sich gestört fühlen.Sie haben zehn Spieler beraten, welche die Nummer 1 wurden. Was bedeutet Ihnen das?Ich hoffe, dass mein Erfolg nicht an dieser Zahl gemessen wird. Sondern am Einfluss, den ich auf Coachs und Kinder habe, und an allem, was in meinem ganzen Leben passiert ist. Dass ich die erste Akademie hatte, in der Spieler wohnen können.Dabei waren Sie früher nicht Tenniscoach, sondern Fallschirmjäger.Eigentlich wollte ich Kampfpilot werden, aber ich scheiterte in der schriftlichen Prüfung. So ging ich zu den Fallschirmjägern. Wir waren alles Freiwillige, und jeder dachte, er sei speziell. Ich mochte diese Gruppe von Kerlen, in der jeder dachte, er sei der Beste. Wenn du denkst, du bist der Beste, kannst du manchmal der Beste sein. Die Disziplin, das harte Training und die Philosophie der Fallschirmjäger halfen mir später dabei, Tennis zu unterrichten.Wie ist Ihre Philosophie als Coach?In der Armee hatte ich gelernt, viel zu fordern. Was immer ich von meinen Studenten verlange – ich selber gebe noch mehr. Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen.Welcher Ihrer Spieler arbeitete am härtesten? Wahrscheinlich Seles und Courier. Aber auch Venus und Serena (Williams) arbeiten extrem hart. Bei Andre (Agassi) waren die Trainings mehr auf die Qualität ausgerichtet. Boris Becker war akribisch, seine Trainings waren sehr gut geplant. Maria Scharapowa trainiert lange, sie mag harte Trainings. Und Hingis war einfach schlau, eine brillante Denkerin.Arbeitete sie auch mit Ihnen?Sie war einmal bei mir, vor dem letzten Masters in New York. Ihre Mutter, Frau Molitor, bat mich, ihrer Tochter die Spielfreude wiederzugeben. Ich sagte Martina, sie müsse fühlen, dass sie es wieder packen könne. Sie verbrachte eine Woche mit mir. Ich flog dann selber nach New York und sah zu, wie sie gewann. Danach sagte sie: «Ich verdanke diesen Titel zwei Leuten, meiner Mutter und Nick, der dafür sorgte, dass ich mich wieder gut fühlte und die Lust am Spielen zurückkam.»Ist in Ihrer Akademie schon eine elfte Nummer 1 in Sicht?Das ist schwierig vorauszusagen, denn im Tennis kämpft man gegen die gesamte Welt. Tschechien, Serbien, China, Japan; Indien kommt immer mehr auf Wir haben schon einige exzellente Spieler. Aber mit zehn aufzuhören wäre auch nicht so schlecht. Es gibt wenige Coachs, die erfolgreicher waren. Momentan sehe ich meine Rolle aber mehr darin, meine Informationen an Coachs und Eltern weiterzugeben, über die Motivation und das Leben zu sprechen, das nach dem Tennis ja weitergeht.Sie verfolgen auch ein Projekt, das sich mit übergewichtigen Kindern beschäftigt.Ich führe mit meiner Frau das Camp Kaizen, in das wir 28 übergewichtige Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren aufnehmen. Die leben wie in den 50er-Jahren, ohne Radio, TV, Computer. Das Problem der übergewichtigen Kinder in den USA ist immens.Haben Sie selber auch Kinder?Ja, fünf. Und jetzt sind wir daran, noch eines aus Äthiopien zu adoptieren. Aber vergessen Sie nicht, das ist schon meine achte Frau. Sie sollten mich jetzt fragen, ob ich die Nummer 9 suche (lacht).Interview: Adrian RuchRené StaufferWimbledon>

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