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Hingis' dritter Abschied

Martina Hingis wird nach dem WTA-Masters in Singapur ihre Karriere beenden. Mit ihr verabschiedet sich eine herausragende Schweizer Sportlerin, die auf 23 bewegte Karriere-Jahre zurückblickt.

Abgang mit einem Lächeln: Nach den WTA-Finals in Singapur beendet Martina Hingis ihre Karriere.
Abgang mit einem Lächeln: Nach den WTA-Finals in Singapur beendet Martina Hingis ihre Karriere.
GettyImages

Da war sie wieder, diese grossartige Spielkunst von Martina Hingis, die das Tennis-Publikum seit dem Debüt der Ostschweizerin auf der Tour 1994 immer wieder fasziniert hat. Bei 30:30 im letzten Game: Da gelang der 37-Jährigen aus schwieriger Position ein brillanter Vorhand-Longline-Passierball. Unerreichbar, das Staunen unter den Zuschauern der WTA-Finals in Singapur war gross, wenige Sekunden später machte Chan Yung-Jan mit einem Vorhandvolley den Halbfinaleinzug perfekt.

Ihre Partnerin habe gespielt wie «eine Kriegerin am Netz», sagte Hingis im Platzinterview. Das macht die grosse Stärke dieses Teams aus: Beide ergänzen sich perfekt. Martina Hingis ist – wie immer in ihrer Doppelkarriere – für die technischen Finessen zuständig. Um optimale Leistung zu erzielen, braucht sie aber als Ergänzung eine Powerspielerin. So wie Chan und so wie vorher Sania Mirza, mit der sie in eineinhalb Jahren 14 Turniere gewann.

Eine Marke, die sie mit Chan bei gleichbleibender Leistung wohl im nächsten Frühling übertroffen hätte. Doch da ist der Konjunktiv, und zwar schon seit Jahresanfang. Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hatte Hingis ihre neue Partnerin darüber informiert, dass dies sehr wahrscheinlich ihre letzte Saison auf der Tour sei. Der Harmonie tat dies keinen Abbruch, neun Turniere gewannen die beiden bisher, das Jubiläum ist in Singapur noch möglich. Am prestigeträchtigsten war natürlich die Trophäe beim US Open.

Ein spanisches Leck

Hingis gewann an jenem September-Wochenende in New York ihre Major-Titel 24 und 25. Zehn davon holte sie in Doppel und Mixed, nachdem sie 2013 ihr zweites Comeback gestartet hatte. Sie hatte in den Monaten zuvor als Coach von Anastasia Pawljutschenkowa und Sabine Lisicki gemerkt, dass sie im Doppel immer noch mit den Allerbesten mitzuhalten vermochte. «Diese Erfahrungen haben mir sehr geholfen, aber ich wusste auch, dass ich nicht beides gleichzeitig machen konnte.» Also wurde aus der Trainerin wieder eine Spielerin.

Besser hätten die letzten drei Jahre kaum verlaufen können und so ist der erneute Rücktritt von Hingis aus ihrer Sicht logisch. «Man soll auf dem Höhepunkt aufhören. Die Leistungen der letzten drei Jahre wären ohnehin kaum zu toppen.» Als Nummer 1 der Doppel-Weltrangliste gibt sie ihren Abschied. Ein «Goodbye» sei es aber nicht: «Wie die Vergangenheit zeigt, war ich nie in der Lage, dem Tennis lange fern zu bleiben. Ich freue mich, zu sehen, welche Möglichkeiten und Herausforderungen vor mir liegen», sagt sie

Die Gruppe von Leuten, die vom Rücktritts-Entschluss wussten, hatte sich in den letzten zwei Wochen stetig vergrössert. Am Donnerstag vermeldete die spanische Zeitung «Marca» die Neuigkeit zuerst auf Twitter. Das «Leck» lag bei einer spanischen Doppelspielerin. Im Prinzip hätte der Entscheid erst nach Turnierende kommuniziert werden sollen, aber «das ist nicht so schlimm. Ich hatte schon erwartet, dass etwas rausgeht.» Nach Spielschluss konnte sie darüber lachen, aber vorher hatte sie doch etwas Druck verspürt: «Es wäre besonders ärgerlich gewesen, heute auszuscheiden.»

Mit dem Abschied als Nummer 1 der Doppel-Weltrangliste schliesst sich ein zwei Jahrzehnte umspannender Kreis. Ende März 1997 war Hingis im Einzel erstmals die Nummer 1 geworden, mit 16 Jahren und 6 Monaten als jüngste Spielerin aller Zeiten. Acht Wochen zuvor hatte sie in Australien ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen, nachdem sie im Final Mary Pierce zur Statistin degradiert hatte.

Veränderte Prioritäten

Es folgten im Einzel vier weitere Major-Titel, dazu sieben Endspiele, 43 Einzelturniersiege insgesamt und 209 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. Dank Martina Hingis markierte das Land der Skifahrer, Kunstturner und Bobfahrer erstmals auch sportliche Globalpräsenz. Hingis war jung, sportlich, aber auch ungestüm und manchmal etwas zu forsch: Beachtliche Teile der Schweiz taten sich schwer mit dem Shootingstar.

Dessen Vita bestand nicht nur aus Höhepunkten: 1999 kassierte Hingis im French-Open-Final gegen Steffi Graf eine der bittersten Niederlagen und musste sich vom unfairen Publikum auspfeifen lassen, weil sie das No-Go begangen hatte und auf die andere Platzseite gestürmt war, um einen Abdruck zu kontrollieren. Es ist der einzige grosse Titel, der ihr bis heute fehlt. Mit 22 Jahren folgte dann der Rücktritt wegen Fussproblemen und zwei Jahre nach der ersten Rückkehr der erneute Abgang nach einer positiven Dopingprobe in Wimbledon.

Nun also gibt es spätestens am Sonntag, zum Ende der WTA-Finals, einen dritten Abschied. Und wie Hingis betonte, wird es kein weiteres Comeback geben. 23 Jahre auf Profistufe sind genug und gerade das permanente Reisen zehrte zunehmend an der Substanz. «Zudem verändern sich meine Prioritäten», sagte sie lachend. Wie auf dem Court ist die 37-Jährige auch abseits glücklich – mit dem gleich alten Zuger Arzt Harald Leemann.

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