«Das ist wie ein Virus»

Fabio Fognini, der Italien gegen die Schweiz in Genf anführt, rastet immer wieder aus. Das will er nun ändern.

Fabio Fognini pflegt sein Image als Bösewicht nicht, er ärgert sich über seine Ausbrüche – hier am US Open. Foto: Keystone
René Stauffer@staffsky

Den Serben Filip Krajinovic beschimpfte er in Hamburg als «Scheisszigeuner». In Indian Wells und Madrid legte er sich mit dem Schiedsrichter an, in Spanien bedrohte er diesen mit den Worten: «Wenn ich diesen Match verliere, hast du ein Problem.» In Wimbledon erhielt er für drei verschiedene Vergehen die ­Rekordbusse von 27'500 Dollar – unter anderem, weil er den Rasenplatz arg ­beschädigt hatte. Am US Open ging das Temperament wieder mit ihm durch: Während der Niederlage gegen Adrian Mannarino in Runde 2 drosch er einen Ball in Richtung eines Linienrichters, malträtierte sein Racket und wurde ­erneut gebüsst. Alles Vorfälle dieser Saison, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Doch Fabio Fognini, 27-jähriger Top-20-­Spieler aus San Remo, hat auch ein anderes Gesicht: Abseits der Courts gilt er als freundlich, unkompliziert, lustig. Gaël Monfils, ein Weggefährte seit ­Jugendjahren, sagt: «Er ist ein Goldjunge. Sehr nett und grosszügig. Aber plötzlich kann er heisslaufen.» Als Tennisspieler wird ihm ein fast grenzenloses ­Talent attestiert, eine ­fantastische Hand, ein gutes Auge und ­superschnelle Beine. «Er kann aus jeder Lage verblüffende Winner schlagen», lobte ihn Rafael Nadal. Kürzlich liess sich Fognini vom Magazin «Cosmopolitan» nackt ablichten, um auf die Gefahren von Krebs für Männer aufmerksam zu machen.

Im Kampf mit sich selber

Auf sein mieses Image angesprochen, gibt sich der wegen seines Äusseren auch schon als «Alain Delon des Tennis» bezeichnete Hitzkopf in Genf, wo er das italienische Davis-Cup-Team anführt, einsichtig und selbstkritisch. «Ich weiss, dass ich manchmal die Kontrolle verliere. Aber ich weiss auch, wenn ich falsch liege, und entschuldige mich dann – wenn auch manchmal spät.» Er sei sich auch bewusst, dass er an sich arbeiten müsse, und das tue er. Allerdings: «Das ist wie ein Virus, das man im Körper hat. Sein Temperament zu verändern, braucht Zeit, genau wie es Zeit braucht, eine Verletzung auszuheilen.»

Fabio Fognini verliert auf dem Platz immer wieder die Kontrolle – hier gegenüber einem Schiedsrichter in Indian Wells. (Video: Youtube/Alexandre Cossenza)

Im Gegensatz zu Spielern wie John McEnroe, Jimmy Connors oder Ilie Nastase, die ihr Image als Bösewichte der Courts einst kultivierten, leidet ­Fognini darunter. Gerade in Italien werde er oft nur noch darauf reduziert, weil vielerorts nur noch negativ über ihn berichtet werde. «Viele Leute haben deshalb ein falsches Bild von mir, und das würde ich gerne ändern. Denn wer mich kennt, der weiss, dass ich ein lustiger Kerl bin und sehr einfach im Umgang.»

Die vielen Bussen stören ihn weniger. «Geld ist nicht wichtig, ich spiele nicht wegen des Geldes. Mir gefällt mein Job, ich mag Wettkämpfe und hasse es, zu ­verlieren. Aber manchmal, wenn ich ­einen schlechten Tag habe und nichts läuft, hilft mir mein Temperament. Dann brauche ich einen Adrenalinschub, um aufzuwachen.» Er wisse, dass das nicht korrekt sei. «Aber meistens schaden meine Ausbrüche nur mir selber, weil ich danach schlechter spiele.»

Das Versprechen an die Eltern

Dennoch ist die Möglichkeit gross, dass Fognini sich in Genf von seiner besten Seite zeigt. Sein erneutes Ausrasten beim US Open könnte der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. «Nach meiner Rückkehr aus New York vor einer Woche habe ich Mama, Papa und meiner Freundin das Versprechen gegeben, dass ich mich ­ändern werde», erzählt er. Und lacht laut auf, bevor er fortfährt: «Mein Vater ist eben sehr verärgert, wenn er solche Szenen von mir sieht.» Seine Freundin ist die Spitzenspielerin Flavia Pennetta, die eben mit Martina Hingis im Doppelfinal von Flushing Meadows stand.

Sollte er, wie es Roger ­Federer in jungen Jahren gelang, sein Temperament zügeln können, würde für ihn alles ­einfacher, davon ist Fognini überzeugt. «Meine Karriere wäre viel problemloser, wahrscheinlich würde ich auch bessere Resultate erzielen.» Obwohl er schon 39 Siege verbuchen konnte, kann er mit dieser Saison nicht wirklich zufrieden sein. Nachdem er letztes Jahr Turniere in Hamburg und Stuttgart gewann, Anfang Jahr in Viña del Mar seinen dritten Titel holte und auch in München im Endspiel stand, war er auf Rang 13 geklettert und hatte gute Chancen, als erster Italiener seit 35 Jahren und Corrado Barazzutti – der als Davis-Cup-Captain in Genf ist – in die Top 10 vorzustossen.

Diese gute Ausgangslage vergab er. Möglicherweise verkrampfte er sich, kurz vor dem grossen Ziel. «Die Top 10 zu erreichen, ist ein Traum von mir», gibt er zu. Das Kernstück der europäischen Sandsaison missriet ihm gründlich, in Madrid, Rom und Paris gewann er lediglich zwei Partien. Seine grössten Erfolge feierte er im Davis-Cup, in dem er beim Sieg in Argentinien an drei Punkten beteiligt war und gegen Grossbritannien in Neapel beide Einzel gewann, dabei auch Andy Murray klar besiegte (6:3, 6:3, 6:4). Gegen Federer (0:2) und Wawrinka (1:3) tat sich Fognini bisher ziemlich schwer, wobei er die letzte Begegnung mit dem Lausanner in Acapulco 2013 auf Sand gewann. «Ich wusste, dass er sehr gut spielen kann. Aber dass er fast in die Top 10 kam, überraschte mich schon», sagte gestern ­Federer. Dass Fognini ­gelegentlich ausflippe, sei für ihn kein Thema, «es ist eher einfach lustig».

Am Freitag Wawrinka fordern

Der Davis-Cup sei schon sehr wichtig für ihn, sagt der Norditaliener, der in Arma di Taggia und Barcelona wohnt. «Aber jeder weiss, dass es für uns in Genf kompliziert wird. Wir treffen auf den besten Spieler der Geschichte und Wawrinka. Andererseits haben wir keine hohen ­Erwartungen und verdienen es, hier zu sein.» Er könne lediglich «am Freitag rausgehen und versuchen, Wawrinka das Leben so schwer wie möglich zu ­machen, dann sehen wir weiter». Und sich bemühen, seinem Vater Fulvio, ­einem Geschäftsmann mit eigener Firma, nicht weiteren Ärger zu bereiten.

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