Wie ein wenig Plastik das Tennis revolutionierte

Hintergrund

Noch nie zeichnete sich das Männertennis durch eine derartige Intensität und Qualität aus wie heute. Das liegt längst nicht nur am Talent von Ausnahmekönnern wie Roger Federer oder Novak Djokovic.

54 Schläge – der längste Ballwechsel des US-Open-Finals. Video: Youtube.

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Der längste Ballwechsel im US-Open-Final zwischen Andy Murray und Novak Djokovic umfasste nicht weniger als 54 Schläge. Und auch sonst gab es am letzten Grand-Slam-Turnier der Saison zahlreiche Rallyes zu sehen, bei denen man sich fragte, wie es der in die Defensive Gedrängte immer wieder schaffte, sich aus seiner unangenehmen Lage zu befreien. Natürlich ist dies zu einem Teil ein Verdienst der Spieler, die extrem viel in ihre Beinarbeit investieren – Djokovic etwa ist häufig in einer Position zu sehen, die nahe an den Spagat herankommt, ohne dass er dadurch aus der Balance geraten würde. Zum anderen spielt aber die moderne Technologie eine enorme Rolle, wie der frühere Weltranglistenerste und heutige US-Davis-Cup-Captain Jim Courier betont.

«Rackets und Saiten sind inzwischen eine schöne Hochzeit eingegangen. Als in den Achtzigern die Rackets mit Profilrahmen und mehr Power auf den Markt kamen, konnten die meisten Profis damit noch nicht spielen. Sie konnten diese Schläger nicht kontrollieren. Erst nachdem es auch auf dem Gebiet der Saiten grössere Veränderungen gegeben hatte, waren sie in der Lage, die Power auch umzusetzen und zu maximieren», sagte Courier in einem Videointerview mit dem Fachportal Tennis.com. Dies sei ein Grund dafür, dass wir heute Schläge zu sehen bekämen, die früher auch für wirklich begabte Spieler technisch gar nicht möglich gewesen seien. Es gebe ja Daten, die belegen, dass die Polyester-Saiten dem Ball mehr Rotation mitgeben. So könnten ihn die Spieler auch dann noch kontrollieren, wenn sie mit grosser Kraft schlagen.

«Die Option des neutralisierenden Balls gab es nicht»

«Die neuen Saiten erlauben es den Spielern, Rackets mit geradezu nuklearer Power zu wählen. Spieler mit weniger Schlägerkopfbeschleunigung können den Ball mit sehr wenig Kraftaufwand und sehr viel Power spielen. Wir sehen unglaubliche Rallyes, weil die Spieler aus eigentlich defensiven Positionen exzellente neutralisierende Schläge machen können», schildert Courier. «Saiten und Racket ermöglichen es ihnen, den Ball mit genug Tempo und Spin tief in die gegnerische Hälfte zu spielen, um zurück in den Ballwechsel zu kommen. Mit einem dünnen Rahmen und Darm- oder Nylonsaiten musste man versuchen, einen Winner zu schlagen, oder man spielte einen schwachen Ball. Die Option des neutralisierenden Balls gab es aber nicht.»

Das legendäre Spaghetti-Racket und seine Folgen

Die Bemühungen, den Spielern Schläge mit grossem Druck zu ermöglichen, die dennoch nicht zu lang geraten, sind seit jeher die Triebfeder bei der Entwicklung von Tennisschlägern und -saiten. Natürlich förderte dieser Forschungstrieb wiederholt auch geradezu groteske Geräte zutage. Im Jahr 1977 etwa sorgte eine Neuerung aus Deutschland für Aufsehen, die als Spaghetti-Racket in die Geschichte eingehen und einen Skandal auslösen sollte. Charakteristisch für das Spaghetti-Racket waren die doppelten vertikalen Saiten, unterstützt durch fünf, sechs durch sie geführte Quersaiten. Befestigt wurde die Konstruktion unter anderem mit Plastikröhrchen, deren Optik die zeitgenössischen Betrachter – daher der Name – an Spaghetti erinnerte.

Durch die neuartige Bespannung liess sich mit einem Spaghetti-Racket ein extremer Spin erzielen. Das heisst, der Ball liess sich extrem hart schlagen, ohne deswegen im Out zu landen. Zudem vollführte er eine eigentümliche und für den Gegner sehr schwierig zu berechnende Flugbahn. Erfunden hat das Bespannungssystem ein deutscher Tüftler und Tennisamateur namens Werner Fischer, der erste Spieler, der sich des Konstrukts an einem Grand-Slam-Turnier bediente, war am French Open 1977 der Australier Barry Phillips-Moore.

Im Oktober desselben Jahres verbot der Tennis-Weltverband das Spaghetti-Racket. Kurz zuvor hatte es im Final des Turniers von Aix-en-Provence einen Skandal heraufbeschworen. Der Argentinier Guillermo Vilas, bis dahin auf Sand 57 Spiele in Serie unbesiegt, gab den Best-of-5-Match gegen Ilie Nastase beim Stand von 1:6, 5:7 auf, da er seinem rumänischen Kontrahenten vorwarf, sich mit dem Spaghetti-Racket einen unfairen Vorteil verschafft zu haben. Vilas' Manager Ion Tiriac war federführend bei der Durchsetzung des Verbots. «Ich habe nicht gegen Nastase verloren, sondern gegen dieses entsetzliche Racket», betonte Vilas noch jahrelang.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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