Unterschätzt – das war einmal

Severin Lüthi wurde als Coach lange unterschätzt. Heute ist der Berner eine der wichtigsten Figuren im Schweizer Tennis. Derzeit will er Roger Federer zum 7.WM-Titel verhelfen, nächste Woche mit dem Davis-Cup-Team Sportgeschichte schreiben.

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Adrian Ruch

London bietet viele Sehenswürdigkeiten, doch Severin Lüthi sieht dieser Tage vorwiegend die auf der Greenwich-Halbinsel gelegene O2-Arena – von innen. Er steht als Coach Roger Federers auf dem Trainingsplatz, beobachtet die Gegner, bespricht mit seinem Chef die Taktik und analysiert die Matchs. All diese Arbeiten müssen seriös erledigt werden, immerhin wird derzeit an der Themse der Tennis-Weltmeister ermittelt.

Doch Lüthi ist eben nicht «nur» der Trainer des Superstars, er ist auch freundschaftlicher Berater Stanislas Wawrinkas, und vor allem ist er Captain der helvetischen Davis-Cup-Equipe. Und mit dieser will er nächste Woche in Lille Historisches vollbringen, hat die Schweiz die «hässlichste Salatschüssel der Welt» doch noch nie gewonnen.

In der Funktion als Captain hat Lüthi derzeit viel um die Ohren. Der 38-Jährige organisiert mit Teammanagerin Fabienne Benoit, die auch für die ATP tätig ist, in London hinter den Kulissen vieles, damit in Lille alles klappen wird. Zudem ist Lüthi, der Wawrinkas Partien jeweils an der Seite von dessen Coach Magnus Norman verfolgt, bei den Medien ein gefragter Mann. Und nebenbei steht er noch in Kontakt mit den anderen Teammitgliedern, die sich derzeit in Basel auf den Davis-Cup-Final vorbereiten. Obwohl er zwangsläufig zum Hansdampf in allen Gassen mutiert ist, bleibt Lüthi ruhig. Das Wort «Stress» nimmt er nicht in den Mund; er sagt nur: «Es ist viel los derzeit.»

Nachfolger von Marc Rosset

«Unaufgeregt», «bescheiden», «zuverlässig» sind Worte, die Severin Lüthi gut beschreiben. «Seve ist eine sehr wichtige Person für mich. Er macht seinen Job sehr professionell und kennt mich ausgezeichnet», sagte Federer schon vor vier Jahren über den Berner. Wie sehr der Baselbieter Lüthi schätzt, beweist allein die seit 2007 andauernde Zusammenarbeit. Auch als er José Higueras, Paul Annacone und zuletzt Stefan Edberg verpflichtete, wollte Federer Lüthi stets an seiner Seite haben.

Lüthi, der in Stettlen aufgewachsen ist und für den TC Deisswil die ersten Tennismatchs bestritten hat, stellt sich selber nicht in den Vordergrund. Als er 2005 zum Davis-Cup-Captain ernannt wurde, meinte er, das sei eine Ehre, er werde nun aber seine Bedeutung nicht überschätzen. «Letztlich gewinnen und verlieren die Spieler, die auf dem Platz stehen.» So oder ähnlich spricht er auch heute noch, obwohl er mittlerweile eine enorm wichtige Rolle spielt. «Jetzt trage ich viel mehr Verantwortung als am Anfang; ich treffe mehr Entscheidungen. Ich bin in alles involviert. Die Anforderungen ändern sich ständig.»

Der Beginn seiner Amtszeit war nicht einfach. Die Teammitglieder hatten einstimmig entschieden, Marc Rosset zu entmachten. Federer war es dann, der den damaligen Assitenzcoach anrief und ihn fragte, ob er sich vorstellen könnte, den Job zu übernehmen. «Ich verspürte kein schlechtes Gewissen Rosset gegenüber, denn ich hatte ihn nicht rausgemobbt», erzählt Lüthi, «aber ich trat ein schweres Erbe an, vor allem in der Westschweiz.» In den Medien der Romandie erschienen in der ersten Phase seiner Amtszeit zahlreiche polemische Artikel, der Berner wurde bösartig als Marionette Federers abgestempelt. Etliche Journalisten konnten nicht verstehen, dass der Olympiasieger durch den Berner Meister abgelöst worden war. Immer wieder wurde Lüthi gefragt, ob er sich diese Aufgabe zutraue. «Das Gute war, dass ich mir zu Beginn nicht zu viele Fragen stellte. Ich hatte Lust, diesen Job zu machen, und packte die Sache an», sagt er rückblickend.

Sieg gegen Gustavo Kuerten

Sportlich lief beim Debüt alles rund. Die Schweiz empfing in Genf Grossbritannien. Federer begann gegen Alan Mackin, die Nummer 262 der Welt. «Als Roger bei 6:0, 6:0, 1:0 beim Seitenwechsel zur Bank kam, fragte er mich schmunzelnd: ‹Gefällt es dir als Davis-Cup-Captain?›» Federer siegte 6:0, 6:0, 6:2, die Schweiz triumphierte am Ende 5:0. «Das war ein toller Einstand und ein grossartiges Erlebnis, weil für mich alles neu war», erzählt er.

Der Erfolg änderte nichts daran, dass Lüthi lange unterschätzt wurde. Das hat zwei Gründe: seine zurückhaltende Art und seine Vergangenheit. Viele Davis-Cup-Captains waren zuvor erfolgreiche Profis. Auch Lüthi war ein begabter Tennisspieler; als Junior schlug er die spätere Nummer 1 Gustavo Kuerten. Trotzdem nimmt sich sein Palmarès vergleichsweise bescheiden aus: Junioren-Schweizer-Meister, Berner Meister, NLA-Meister im Interclub sind die wichtigsten Titel.

Mittlerweile hat er das Nationalteam 21-mal betreut, wobei die Bilanz mit 13 Siegen und 8 Niederlagen positiv ist. Rückschläge blieben freilich nicht aus. «Die Niederlagen in Kasachstan und Tschechien waren bitter. Wegen Roger wird immer vom Davis-Cup-Titel gesprochen; wenn du aus der Weltgruppe absteigst, ist es eine schwierige Situation.» Als emotionale Höhepunkte nennt Lüthi drei Partien: «Besonders schön waren die zwei Begegnungen, die wir nach 1:2-Rückstand noch gewannen – 2011 in Australien und dieses Jahr gegen Kasachstan. Und dann war das Heimspiel gegen Portugal sehr speziell. Für mich als SCB-Fan war es fantastisch, im Berner Eisstadion vor fast vollen Rängen antreten zu können.»

Realistisches Selbstbild

Das ganz grosse Highlight steht indes erst bevor – hoffentlich. Doch auch eine Woche vor dem Duell mit Frankreich wirkt Severin Lüthi unaufgeregt. «Schon jetzt werde ich anders angesehen, weil wir im Davis-Cup-Final stehen. Und ob wir reüssieren, hat noch einmal einen grossen Einfluss darauf, wie ich wahrgenommen werde. Aber es ändert nichts daran, wie ich mich selber sehe. Ich bin keine andere Person, wenn wir den Titel holen.» Wer nun glaubt, dem 38-Jährigen mangle es an Ehrgeiz, irrt gewaltig. Denn er fügt an: «Ich will so oder so immer gewinnen, sei es den Wohlensee-Cup oder den Davis-Cup.»

Berner Zeitung

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