«Mit seinem grenzenlosen Ehrgeiz hat er sich schwer geschadet»

Heinz Bühlmann, der ehemalige Vertrauensarzt von Martina Hingis, sagt, wie man Roger Federer therapieren kann. Und wie seine Chancen auf die Teilnahme am Davis-Cup-Final stehen.

Roger Federer ging in seinem Match gegen Stan Wawrinka ans Limit.

Roger Federer ging in seinem Match gegen Stan Wawrinka ans Limit.

(Bild: Keystone)

Thomas Niggl@tagesanzeiger

Heinz Bühlmann, was ist mit Roger Federer am Samstag während des Spiels gegen Stan Wawrinka passiert?
Wenn ein Spieler in vollem Tempo ans Netz eilen muss, wozu Federer oft gezwungen wurde, gerät sein Körper aus der Balance und schnellt nach vorne, was für die langen Rückenmuskeln extrem gefährlich ist. Dann kann sich der Körper nicht mehr aufrichten, was dann eben den schmerzhaften Zwick und eine Entzündung zur Folge hat. Ich befürchte, dass das bei Federer geschehen ist.

Federer wehrte gegen Wawrinka vier Matchbälle ab, aber offenbar verspürte er bereits starke Schmerzen. Wie konnte er das entscheidende Tiebreak überhaupt zu Ende spielen?
Durch seine starke Psyche konnte er die letzten Reserven mobilisieren und ans Limit gehen. Im Hinblick auf den Davis-Cup-Final in Lille gegen die Franzosen hätte er das Spiel jedoch vorzeitig abbrechen müssen. Federer ist ein unglaublich ehrgeiziger Mensch, wie wir ja alle wissen. Aber im Nachhinein hat er sich diesmal mit seinem grenzenlosen Ehrgeiz schwer geschadet.

Haben Sie gewusst, dass Roger Federer in über 1200 Spielen noch nie vorzeitig aufgegeben hat?
Ja, das ist mir bekannt. Aber diesmal hätte er es tun sollen.

Wenn Federer so ehrgeizig ist, warum hat er für den Final gegen Djokovic am Sonntag dann Forfait erklärt?
Er ist offenbar erschrocken und hat realisiert, wo er steht.

Welche Massnahmen kann man jetzt bei Federer treffen?
Er braucht jetzt vor allem sehr viel Therapie. Seine verhärtete Muskulatur muss massiert und regelrecht geknetet werden.

Können bei einer Entzündung, wie Sie sie bei Federer vermuten, nicht auch Cortisonspritzen Linderung verschaffen?
Spritzen würde ich in diesem Fall primär nicht einsetzen, sondern wie gesagt, eine intensive Pflege und Therapie forcieren.

Welche Chancen räumen Sie Federer ein, um gegen Frankreich überhaupt spielen zu können?
Keine allzu grossen, ich bin da sehr skeptisch. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es für Federer bis am Freitag reicht.

Weshalb?
Neben der Therapie muss er natürlich auch trainieren können. Er kann am Freitag nicht einfach hinstehen und sagen: Hallo Freunde, da bin ich, das geht auch ohne Training. Aber die Verletzung ist ja nicht das einzige Problem.

Wie meinen Sie das?
Erschwerend kommt hinzu, dass Federer sich vom Hartplatz wieder auf Sand umgewöhnen muss. Und das braucht nun mal intensive Trainings. Die Franzosen haben sehr wohl gewusst, weshalb sie den Davis-Cup-Final gegen die Schweizer kurz nach dem ATP-Finale von London auf Sand austragen. Spiele auf Sand sind enorm kräfteraubend. Da muss man topfit und durchtrainiert sein. Bei Federer habe ich da meine grössten Bedenken.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt