Federers selbstverliebter Internet-Klon

Roger Federers fiktives zweites Ich ist ein eitler Geck, der Rafael Nadal rät, bis 2019 zu pausieren und so viel Lindt-Schokolade wie nur möglich zu essen.

  • loading indicator
Alexander Kühn@alexkuehnzh

Haben Sie sich auch schon gefragt, was nach grossen Siegen oder ärgerlichen Niederlagen wirklich in Roger Federer vorgeht? Dann könnte Sie das fiktive zweite Ich des Schweizer Tennisstars interessieren, das ein Parodist unter dem Namen PseudoFed auf Twitter und in einem Blog zu Wort kommen lässt. Der Spötter hat – natürlich ohne die Billigung des echten Federer – eine Schattenpersönlichkeit geschaffen, die vordergründig bescheiden ist, dabei aber selbstverliebt, bisweilen kindisch und vor allem ein schlechter Verlierer ist.

So twitterte der Pseudo-Roger während des von starkem Wind und durch die Luft wirbelnden Gegenständen geprägten US-Open-Halbfinals zwischen Andy Murray und Tomas Berdych, er werfe ständig Einschlagspapierchen von Lindor-Kugeln aufs Feld, und fragte: «Hat jemand noch eine Windmaschine?» Der Parodist suggerierte damit, hinter den besonders für Federers Bezwinger Berdych höchst unangenehmen Bedingungen stecke nicht der Wetter-, sondern der Tennisgott aus der Schweiz.

Der Hintergrund des beissenden Spotts

Anders als der deutsche Fussballtrainer Michael Oenning, der vor Gericht ging, weil ein Spassvogel unter seinem Namen via Twitter allerlei Unsinn in die Welt setzte, hat Federer keine Handhabe gegen den ungebetenen Klon, der sich über ihn lustig macht. Schliesslich nennt dieser sich ja nicht Roger Federer, sondern PseudoFed mit dem Vermerk «Not Roger Federer». Dass es den Pseudo-Federer überhaupt gibt, liegt wohl vor allem daran, dass der 17-fache Major-Champion in seiner Karriere keine echten Angriffspunkte geliefert hat und sich daher die Erschaffung eines digitalen Ersatzes mit offensichtlichen Charakterschwächen anbietet. Während der echte Djokovic in Roland Garros aus Ärger über unnötige Fehler im Final mit dem Racket die Pausenbank malträtierte und der echte Rafael Nadal auf dem Court stets ein wahres Arsenal an Ticks abfeuert, muss sich im Falle Federers eben der gefälschte Roger daneben benehmen.

Der beissende Spott hat natürlich einen Hintergrund im wirklichen Leben: Federers Erklärung für sein Ausscheiden gegen Berdych in den Viertelfinals von Wimbledon im vorletzten Jahr, die auch einen Hinweis auf eine nicht ganz ausgeheilte Oberschenkelverletzung enthielt und die Leistung des Tschechen nach Meinung spitzfindiger Kritiker nicht genug würdigte. Auch nach der neuerlichen Niederlage gegen Berdych vergangene Woche in New York, habe der Schweizer die Gründe zu sehr bei sich als in der Stärke des Kontrahenten gesehen, monierte etwa Kevin Mitchell vom britischen «Guardian».

Ratschläge für Nadal

Doch zurück zu PseudoFed. Der schrieb im August einen offenen Brief an Rafael Nadal und drückte mit plumper Heuchelei sein Bedauern über die Knieverletzung und die damit verbundene Zwangspause des French-Open-Champions aus. Nadal solle doch am besten gleich auch Novak Djokovic und Andy Murray dazu bewegen, dem Tennis für eine Weile den Rücken zu kehren, schliesslich gebe es Wichtigeres im Leben, als immer nur Tennis (durchgestrichen: gegen ihn zu gewinnen). «Geniesst euer Leben, dann fühlt ihr euch viel frischer, wenn ihr 2019 zurückkehrt», so der Pseudo-Federer. Er schicke auch ein paar Koffer mit Lindt-Schokolade. «Ich verspreche, das wird deine Genesung nicht beeinträchtigen. Bitte iss so viel, wie du kannst. Kümmer dich nicht um das US Open oder das Australian Open. Und lass auch Roland Garros sein.»

Der Blogger liefert natürlich auch eine Erklärung dafür, warum Federer am US Open schon in den Viertelfinals scheiterte. Nicht er selbst, sondern ein Doppelgänger habe in New York gespielt. Er habe die Stadt nur zum Shopping aufgesucht und entschieden, auf das Turnier zu verzichten. Schliesslich habe er all seine Saisonziele schon erreicht gehabt: die Nummer 1 der Setzliste zu werden, an den Olympischen Spielen die Platinmedaille zu gewinnen und zu lernen, wie man Cannelloni mit Ricotta und Spinat kocht.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt