Federer: «Es prickelt, wenn Wimbledon ansteht»

Roger Federers Verhältnis zu Wimbledon wird oft als innige Liebe beschrieben. Doch selbst beim Rasenkönig ging es eine Weile, bis die Beziehung gediehen war.

Voller Vorfreude: Roger ­Federer, in Wimbledon wie ein Rockstar verehrt, hat das Traditions­turnier schon als Junior ins Herz geschlossen.

Voller Vorfreude: Roger ­Federer, in Wimbledon wie ein Rockstar verehrt, hat das Traditions­turnier schon als Junior ins Herz geschlossen.

(Bild: Getty Images)

Sebastian Briellmann

In der Schweiz hat ein junger Spieler kaum einen Bezug zur Rasenunterlage – wie war das bei Ihnen?Roger Federer:Nicht anders. Ich spielte mit knapp 17 das erste Mal auf Gras. In Queen’s, an einem Einladungsturnier für Junioren. Es folgte ein Turnier in Roehampton, wo ich in den Halbfinal kam, und danach das Wimbledon-Junioren-Turnier. Dieses konnte ich gewinnen, 1998 war das. Vorher hatte ich nie die Möglichkeit, auf Gras zu spielen.

In der Schweiz gibt es keine ­Rasencourts . . . . . . doch, doch, ich kenne schon ein paar. Aber wir reden da von Plätzen, die sich irgendwo in einem Garten befinden – streng genommen können diese auch nicht als Rasenplätze bezeichnet werden.

Für einen Profi also ungeeignet. Ja. Einen offiziellen Rasenplatz in einem Tennisclub gibt es in der Schweiz nicht. Wir müssen ja schon darum kämpfen, halbwegs normale Hartplätze im Freien zu finden. Es gibt heutzutage zwar schon mehr, aber es nähme mich wunder, wie viele professionelle Hartplätze es derzeit in den Vereinen hierzulande gibt.

«Wir müssen  ja schon darum  kämpfen, halbwegs normale Hartplätze im Freien zu finden.»Roger Federer

Ist die Schweiz eine ­Sandplatznation? Praktisch ausschliesslich. Früher spielten wir ja auch noch auf Teppich oder Granulatbelägen. Was wir nicht vergessen dürfen: Das kostet alles viel Geld. Professionellere Beläge machen die Bälle schneller kaputt, die Schuhe leiden ebenfalls darunter.

Haben Sie mal mit dem ­Gedanken gespielt, sich selber einen Rasenplatz zuzulegen? Das Problem mit dieser Unterlage ist: Sie erfordert ungemein viel Pflege – und dann ist die Saison auf Rasen erst noch sehr kurz. Ein Sommergewitter – und schon kannst du am nächsten Tag nicht spielen. In Wimbledon ist alles perfekt geplant. Beginnt es zu regnen, kommt sofort eine Plane über den Platz. Stellen Sie sich das in einem Club vor: Wer könnte sich ständig darum kümmern?

Also lohnt es sich schlicht nicht? Ich glaube nicht, nein. Wissen Sie, es ist kein Problem für einen Hobbyspieler, wenn es ein bisschen regnet, der Belag weich wird. Aber für Profis bringt es nichts. Deshalb ist es viel ein­facher, wenn du fünf Tage nach England trainieren gehst und wieder zurückkommst. Dort findest du bessere Bedingungen vor, weil man sich das ganze Jahr um die Pflege kümmert – und es ist erst noch billiger.

Woher kommt Ihre Faszination fürs Rasentennis und speziell für Wimbledon? Ich denke, das kommt daher, dass dieser Belag für uns Schweizer so unerreichbar scheint. Ich habe mir immer vorgestellt: Wie fühlt sich das wohl an? Wie springt der Ball ab? Ich kannte ja nur den ­Rasen aus dem eigenen Garten und jenen vom Fussball. Ich hatte immer das Gefühl, das muss etwas Gediegenes sein – weil nur die Besten je auf Rasen ­spielen dürfen.

Wie war denn Ihr erstes Erlebnis damals in Queen’s – spürten Sie sofort eine Verbundenheit? Es war, um ehrlich zu sein: okay. Ich gewann eine Partie und schied anschliessend aus. So richtig kam die Verbundenheit deswegen nach dem Wimbledon-Sieg als Junior. Da habe ich mich so richtig ins Rasentennis verliebt. Einen Bezug gab es aber immer, wegen Boris Becker, Stefan Edberg und Pete Sam­pras, meinen Lieblingsspielern.

Der Anfang war aber ­schwierig. Zu Beginn hatte ich meine Mühe, 1999, 2000 und 2002 bin ich jeweils in der ersten Runde ausgeschieden. Die Rasensaison ist so kurz: Selbst die Besten brauchen ein paar Jahre, um sich daran zu gewöhnen.

Eine Liebe auf den zweiten Blick also? Nein, schon auf den ersten – wegen des Juniorensieges. Beim Sand war es eher auf den zweiten, da bin ich zwar mit aufgewachsen, habe aber die ersten Partien auf der Profitour verloren.

Verteufelt man auch den ­heiligen Wimbledon-Rasen manchmal? Logisch, wenn der Ball verspringt oder der Gegner schon wieder auf die Linie serviert und man chancenlos ist. Aber bei mir hielt sich der Frust in Grenzen, muss ich schon sagen, weil ich in den letzten 15 Jahren meistens sehr erfolgreich war. Es ist wichtig, Platzfehler ­akzeptieren zu können. Es gehört dazu. Da muss ich positiv bleiben, sonst bin ich am meisten in Gefahr. Es kommt selten gut, auf Rasen mit der Angst im Rücken und dem Prinzip Hoffnung zu spielen. Es braucht auf dieser Unterlage Selbstvertrauen. Es ist auf Gras mental für alle schwierig.

«Man bittet dich vor dem Spiel höflichst, das Racket doch wenn möglich nicht  auf dem Rasen zu zerhacken, sonst gehe der Platz kaputt.»Roger Federer

Besichtigen Sie im Vorfeld den Rasen, um ein gutes Gefühl zu bekommen oder die Unebenheiten zu testen? Nein, nein, das ist alles immer in etwa gleich. Und so präzise können wir dann auch nicht immer spielen (lacht). Ganz ehrlich: Du kannst nicht immer auf eine Unebenheit servieren, das geht einfach nicht. Was man weiss: Hart nach hinten in die Mitte, das ist immer gut, weil der Ball verspringen könnte. In Stuttgart war es praktisch unmöglich, einen Linienball zu kontrollieren. In Wimbledon wird das zum Glück wieder besser.

Nicht nur der Rasen gilt an der Church Road als mystisch, ­sondern der Anlass als Ganzes. Wann haben Sie das erstmals wahrgenommen? Zuerst über das Fernsehen natürlich. Als ich dann das erste Mal dort war, war alles sehr respektvoll. Der Zuschauer ist enorm tennisaffin, mehr als an anderen Orten. Du spürst die grosse Tradition. Die Fans haben früher auf der Strasse gecampt, um ein Billett zu ergattern. Die drehten schier durch, wenn sie anschliessend die Besten live sehen durften. Mir als jungem Spieler ging es gleich. Bis heute gilt: Es prickelt ­richtiggehend, wenn Wimbledon ­ansteht.

Auch architektonisch ist die ­ehrwürdige Anlage ­speziell. Es ist wie ein Puzzle, ein Labyrinth – alles in den traditionellen Farben gehalten, Grün und Violett. Und überall der Efeu, die Blumen – jeder Grashalm hat seinen Platz. Wenn nicht, kümmert sich ein Gärtner darum. Das Feeling ist einfach herrlich. Du hörst das Raunen, das sich von Stadion zu Stadion überträgt, die Menschen mit ihrem britischen Charme: Das passt.

Gefällt Ihnen das Traditionelle an diesem ­Turnier? Einmal wurde Ihnen die ­farbigen Schuhsohlen ­verboten. Ja, das mag ich – auch wenn die Regeln strikter sind als anderswo. Man bittet dich vor dem Spiel auch höflichst, das Racket doch wenn möglich nicht auf dem Rasen zu zerhacken, sonst gehe der Platz kaputt. Aber die Verantwortlichen leben nicht in der Vergangenheit. Das viele verdiente Geld wird auch investiert. Neue Stadien, neue Dächer. Ebenso wurde uns Spielern Respekt entgegengebracht, indem das Preisgeld – wie bei den anderen Grand-Slam-Events – erhöht wurde.

Vermissen Sie auf der Anlage dennoch etwas von früher? Sicher den Court 2, den Friedhof der Stars, wo die besten Spieler oft ausgeschieden sind. Vielleicht auch deshalb, weil ich dort ­meinen Juniorentitel gewonnen ­habe.

Lässt sich das Traditionelle ­überhaupt erhalten? Ja. Ich finde, das sieht man auch. Ein Beispiel: Als sie die Fassade des Centre-Courts renoviert haben, blieb der Stil derselbe. Der Unterschied zu vorher ist kaum zu sehen. Das ist gut.

«Es kommt selten gut, auf Rasen  mit der Angst im Rücken und dem Prinzip Hoffnung zu spielen.»Roger Federer

Sie gelten als entdeckungs­freudig, Sie kennen London ­sicher gut. Nein, leider nicht, eher schlecht sogar. Der Weg von Wimbledon in die City ist einfach zu weit, der Verkehr macht es nicht einfacher. Wenn ich etwas von der Innenstadt sehe, dann an den World Tour Finals. New York und Paris kenne ich viel besser, weil ich dort im Zentrum wohne, Melbourne ist ebenfalls überschaubarer.

Haben Sie dennoch Sehenswürdigkeiten im Kopf, die Sie sich gerne anschauen würden? Während Wimbledon eher weniger, in dieser Zeit bin ich schon sehr seriös. Wegen meines Rückens mag ich auch nicht zwei Stunden im Auto verbringen. Der Verkehr macht mich zudem müde. Deshalb bleibe ich lieber in meinem Haus und geniesse die Zeit mit Familie und Freunden. London kann ich mir auch noch ein anderes Mal genauer anschauen gehen.

Wie ist es mit dem Essen? Sie probieren auf der ganzen Welt gerne die örtliche Küche aus. England gilt ja aber nicht gerade als kulinarisches Mekka. Wir haben seit ein paar Jahren einen eigenen Koch, das vereinfacht vieles. Wir müssen deswegen in unserem grossen Team nicht immer einkaufen oder in ein Restaurant gehen – oder spätabends die Küche aufräumen. Das war ein super Entscheid. Ich erinnere mich gut: Einmal musste ich bei der Fussball-WM 2006 während Schweiz - Togo für alle einkaufen gehen. Ich dachte mir: Das kann es doch nicht sein, dass ich dieses Spiel verpasse.

Ein English Breakfast wäre ja auch nicht die perfekte Matchvorbereitung. Genau.

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