Ein Duo wie Feuer und Eis

Italien tritt als klarer Aussenseiter zum Davis-Cup-Halbfinal gegen die Schweiz in Genf an. Die kleinen Hoffnungen ruhen dabei vor allem auf den so unterschiedlichen Charakteren Fabio Fognini und Andreas Seppi.

Unberechenbar: Fabio Fognini ist im Guten wie im Schlechten zu allem fähig. Konstant: Andreas Seppi ist der ruhende Pol bei den Azzurri.

Unberechenbar: Fabio Fognini ist im Guten wie im Schlechten zu allem fähig. Konstant: Andreas Seppi ist der ruhende Pol bei den Azzurri.

(Bild: Keystone)

Gegensätze ziehen sich an, besagt ein altes Sprichwort. Wenn dieses Diktum auch bezüglich des italienischen Davis-Cup-Teams Gültigkeit hat, dann müssen Fabio Fognini und Andreas Seppi schlichtweg unzertrennlich sein. «Es stimmt, man kann sagen, dass wir wie Feuer und Eis sind. Wir sind schon zwei komplett unterschiedliche Persönlichkeiten», charakterisierte Seppi unlängst am Rande des Turniers von Toronto die derzeit beiden besten männlichen italienischen Tennisspieler gegenüber dieser Zeitung.

Tatsächlich könnten die Unterschiede kaum grösser sein. Hier Fognini, der 27-Jährige aus Sanremo, mit reichlich Talent gesegnet, einem hervorragenden Auge und der Fähigkeit, an einem guten Tag jederzeit die Allerbesten auf dem Planeten in Verlegenheit zu bringen, allerdings auch mit der schlechten Angewohnheit, in einer «giornata no» nachgerade unterirdisches Niveau zu erreichen und lediglich durch Wutausbrüche auf Betriebstemperatur zu kommen.

Dort Seppi, der 30-jährige Südtiroler, ein Muster an Beständigkeit, sehr ausgeglichen, aber mit nur seltenen Ausschlägen auf der Exploitskala. «Fabio ist sehr, sehr emotional auf dem Platz», sagt Seppi, «ich hingegen zeige nur ganz selten Regungen. Es braucht Spieler wie ihn auf der Tour und vielleicht auch solche, die eher etwas stiller sind. Ich denke, wir haben einen guten Mix.»

Fognini wie Balotelli?

Dass die Italiener einen Mix haben, steht ausser Frage. Wie gut dieser ist, wird sich weisen. Die meisten Hoffnungen ruhen auf einem extrem unberechenbaren Spieler, und Liebhaber italienischen Sports werden sich mit Schrecken daran erinnern, dass dies heuer schon einmal ordentlich danebenging. An der WM in Brasilien legte Cesare Prandelli das Schicksal einer ganzen Nation in die Füsse (und Köpfe) der genial-wahnsinnigen Mario Balotelli und Antonio Cassano und erlitt damit brutal Schiffbruch.

Fognini wie Balotelli? Auf den ersten Blick ist dieser Vergleich zwischen dem ligurischen Anhänger von Inter Mailand und dem exzentrischen Ex-AC-Milan-Stürmer weit hergeholt. Es gibt aber durchaus Parallelen. Beide sind nicht gerade dafür bekannt, in schwierigen Situationen die Ärmel hochzukrempeln. Auf Fognini trifft dies ganz besonders zu, wenn er in Rückstand ist, wehrt er sich oft nicht gegen die drohende Niederlage, ja streift die Grenze zum Abschenken immer wieder. Zuletzt stellte er dies in Cincinnati unter Beweis, als er Milos Raonic 1:6, 0:6 unterlag, und auch beim US Open hielt sich seine Lust auf Widerstand gegen Adrian Mannarino in Grenzen (3:6, 4:6, 1:6).

Keine Einzelfälle, wie eine genauere und etwas spezielle Analyse seiner Niederlagen in diesem Jahr ergibt. In den Partien, die er verlor, gewann er in 22 Sätzen maximal zwei Games, nur in 18 Sätzen konnte er drei Games oder mehr verbuchen, einem Stan Wawrinka oder einem Rafael Nadal würde wohl beim blossen Anblick dieser Statistik schlecht. Dass sich beispielsweise auch Kollege Seppi ungleich stärker wehrte, zeigt dessen Ratio. Er hat nur 12 Sätze klar verloren, in den übrigen 43 hat er mindestens drei Games gewonnen. Noch extremer in die andere Richtung geht das Verhältnis bei Roger Federer (3:21).

Die Chance von Bolelli

Dass Fognini auch ganz anders kann, zeigte er mi dem Turniersieg in Vina del Mar, zwei weiteren Finals und einer 4:0-Bilanz im Davis-Cup. Allerdings fühlt sich der Mann mit den grossen Ausholbewegungen in der Halle nicht gerade wohl, ausser einer Finalqualifikation hat er indoor noch keine Stricke zerrissen.

Während der in der Halle starke Seppi praktisch gesetzt ist, könnte Captain Corrado Barazzutti für die zweite Singleposition für Simone Bolelli optieren, der sich von einer komplizierten Handgelenkoperation erholt hat und am US Open auch Tommy Robredo forderte. Der vierte Mann, Paolo Lorenzi, einst als «weitgehend talentfrei» bezeichnet, ist trotz respektabler Fortschritte keine echte Alternative.

Die Ausgangslage ist klar, ein italienischer Sieg gegen ein Schweizer Team in Bestbesetzung würde irgendwo zwischen gewaltiger Überraschung und Sensation rangieren. Seppi schätzt die Ausgangslage denn auch realistisch ein: «Favoriten sind wir in dieser Partie sicher nicht. Roger und Stan sind die Nummer 3 und 4 der Welt und haben Heimvorteil. Aber wir werden alles geben und gehen auf den Platz, um zu gewinnen.» Versteckte Durchhalteparolen könnte man meinen. Andererseits: Über die Mischung, die es für einen solchen Coup wohl braucht, verfügen die Italiener definitiv.

Berner Zeitung

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