Der Höhenflug von Djokovic hat seine Logik

Ex-Profi Michel Kratochvil leidet wie Novak Djokovic an einer Glutenintoleranz. Für den Berner ist der Leistungssprung des Serben nach dessen Ernährungsanpassung keine Überraschung.

Novak Djokovic leidet an einer Glutenintoleranz.

Novak Djokovic leidet an einer Glutenintoleranz.

(Bild: Keystone)

Adrian Ruch

Was Novak Djokovic in dieser Saison leistet, ist beeindruckend, sehr beeindruckend sogar. Gestern war Kevin Anderson (ATP 36) an der Reihe – Djokovic gewährte dem Südafrikaner in Wimbledon beim 6:3, 6:4, 6:2-Erfolg eine Tennislektion. 43:1 lautet die Saisonbilanz des Serben; die meisten seiner Siege sind ähnlich deutlich ausgefallen wie jener gegen Anderson. Und es bedurfte in Paris schon Roger Federer in Höchstform, damit die sensationelle Siegesserie zu Ende ging. «Alles ist zusammengekommen, der mentale, der körperliche und der spielerische Bereich», erklärt die Nummer 2 ihre Leistungssteigerung. Zudem, pflegt Djokovic zu sagen, habe er das beste Team der Welt.

Leistungsfähig wie nie zuvor

Die entscheidende Person in dieser Crew könnte durchaus Igor Cetojevic sein. Der Ernährungsberater fand heraus, dass der Tennisprofi an einer Glutenintoleranz leidet, und strich daher Teig- und Brotwaren vom Menüplan. Seither hat Djokovic athletisch einen Quantensprung gemacht. Jahrelang hatte er als zerbrechlich gegolten und während seiner Partien oft die Hilfe des medizinischen Personals in Anspruch genommen. Roger Federer hat sich deswegen schon über den 24-Jährigen aus Belgrad geärgert, und Andy Roddick hatte sich am US Open 2008 deswegen sogar über Djokovic mokiert: «Vogelgrippe, Anthrax, Sars, gewöhnliche Erkältung – entweder verlangt er sehr oft den Physiotherapeuten oder er ist der mutigste Kerl in der Geschichte.» Tempi passati. Nun ist Djokovic derart fit, dass in Miami Rafael Nadal zuerst die Luft ausging. Wenn der Serbe gegenüber Nadal Vorteile im physischen Bereich hat, ist das, als ob Roddick eleganter spielen würde als Federer.

Michel Kratochvil erstaunt die Entwicklung des 24-Jährigen aus Belgrad nicht. Er selber leidet an der Glutenintoleranz, und weil er dies lange nicht gewusst hatte, wurde seine Tenniskarriere arg beeinträchtigt. «Nachdem ich damals die Ernährung umgestellt hatte, schnitt ich in den Konditionstests deutlich besser ab. Körperlich wirst du 15 bis 20 Prozent leistungsfähiger – das lässt sich messen.» Anders als für Djokovic kam für Kratochvil die entscheidende Diagnose zu spät; seine Knie waren bereits zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Bei falscher Ernährung kann sich die Glutenunverträglichkeit, auch Zöliakie genannt, in vielfacher Hinsicht auswirken: Es kann unter anderem Durchfall, chronische Müdigkeit, Kraftlosigkeit auftreten, doch die Krankheit kann auch das Immunsystem schwächen und langfristig sogar den Bewegungsapparat angreifen. Kratochvil erinnert sich, 2004 nach einem Match gegenRoddick in Indianapolis in Ohnmacht gefallen zu sein. «Im Nachhinein ist mir klar, weshalb ich in Asien und in Wimbledon, wo ich jeweils vorwiegend Reis und Sushi ass, meine besten Resultate realisierte», sagt der Berner, der einst die Nummer 35 der Welt war.

Wer häufig Probleme mit der Verdauung hat und sich dauernd schlapp fühlt, kann einerseits im Match nicht sein Potenzial ausschöpfen und anderseits im Training nicht an die Grenzen gehen. Das ist für einen Spitzensportler ein enormes Handicap. «Dass sich Djokovic dennoch jahrelang in den Top 3 behauptete, ist bewundernswert und zeigt, wie stark und talentiert er ist», meint Michel Kratochvil.

Selbstbewusst wie nie zuvor

Dass Djokovics Höhenflug rund ein halbes Jahr, nachdem die Krankheit entdeckt worden war, begann, ist kaum Zufall. Auf höchstem Niveau werden im Tennis Partien oft im Kopf entschieden. Und wer weiss, dass er stärker und ausdauernder geworden ist, vielleicht auch mehr trainiert hat, verfügt automatisch über mehr Selbstvertrauen, das sich durch jeden Sieg weiter steigert. Für den etwas leichter und drahtiger gewordenen Serben wurde der Erfolg fast zum Selbstläufer. Die Zweifel, die sich zuvor wegen der physischen Probleme zwischen den Ohren eingenistet hatten, sind verflogen. «Ich fühle mich selbstbewusster denn je», sagt der 24-Jährige, der auf Rasen noch keinen Titel geholt hat. Er trete in Wimbledon mit einer anderen Einstellung an als in den Jahren zuvor. «Es ist einfacher auf den Court zu gehen, wenn du an dich glaubst und weisst, dass du jeden schlagen kannst.» Für dieses Gefühl verzichtet Novak Djokovic gerne auf Pizza.

Berner Zeitung

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