Das Märchen auf dem Platz der Tränen

Mit dem 20. Grand-Slam-Titel sorgt Roger Federer am Australian Open für emotionelle Momente.

20. Grand-Slam-Titel: Federer kämpft nach seinem Sieg mit den Tränen. Video: Tamedia/Australian Open TV

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2017 war es der Unglaube, der aus Roger Federers Augen sprach, nach dem ­unwahrscheinlichen Comeback-Sieg über Rafael Nadal und dem unerwartetsten Grand-Slam-Titel der Karriere. Ein Jahr später gewann er nun das gleiche Turnier wieder in fünf Sätzen, und doch war alles anders. Es war ein Favoritensieg, gegen einen phasenweise unwiderstehlichen Marin Cilic, der ihn hart prüfte, auch mental. Wie stark der Titelverteidiger unter Druck stand, wurde während der Partie sichtbar – und erst recht ­danach, an der Siegerehrung.

Nun war es Erlösung, die aus ­Federers Blick sprach und ihn in Tränen ausbrechen liess, zusammen mit dem Ausmass des Erreichten. 20 Grand-Slam-Siege – diese Marke lag dominant über dem Abend, sorgte für eine feierliche, ­geschichtsträchtige Atmosphäre. Es war kein Unglaube in Federers Augen, es war Demut, Verblüffung und Dankbarkeit. Gegenüber den Zuschauern, gegenüber dem Schicksal, das ihn derart verwöhnt, und gegenüber seinem engsten Begleiterkreis. Als er seinem Team mit den Worten «I love you guys» dankte, kam auch der Moment, da er nicht weitersprechen konnte. Lange stand er da, überwältigt von Emotionen, während die Zuschauer gebannt applaudierten.

Erinnerungen an 2006

Schon einige Male hatte er auf diesem Court gewaltige Emotionen erlebt. 2004 hatte er hier seinen zweiten Grand-Slam-Titel geholt und war erstmals die Nummer 1 geworden. Zwei Jahre später hatte er sich an der Schulter von Rod Laver ausgeweint, nach dem hart erkämpften Sieg über den Aussenseiter Baghdatis. An diesen Moment sah er sich gestern stark erinnert. 2009 hatte ihn dann ­Nadal auf diesem Court unerwartet ­geschlagen, in fünf Sätzen, und da waren die Tränen bitter. «It’s killing me», hatte Federer nur noch stammeln können.

Und nun das: Nur zwölf Monate nach dem 18. Major-Titel holte er am gleichen Ort schon den 20. «Das Märchen geht weiter», sagte er zu den Zuschauern im Stadion, dessen Dach wegen der grossen Hitze geschlossen war. Und in dem sogar Rod Laver, die 79-jährige Tennislegende, das Handy zückte. Wie auch Ehefrau Mirka auf der Tribüne, wo sich sein Team in den Armen lag und auch seine Eltern alles nur hinter einem Tränenschleier erlebten.

Um 22.37 Uhr war der Match fertig, doch es wurde 1.11 Uhr, bis Federer nach den Ehren- und Fernsehinterview-Runden im Presseraum erschien. In diesem war der Final dann kein grosses Thema mehr, obwohl er grosse Unterhaltung, Spannung und drei markante Wendungen gebracht hatte. Federer bekannte, dass er bei diesem 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1, für das er 3:03 Stunden benötigt hatte, ungewöhnlich nervös gewesen war. Die Anspannung in den 36 Stunden zuvor habe ihn beinahe «aufgefressen».

Er gab auch zu, dass er im 2. und 4. Satz, in dem er schon 3:1 geführt hatte, den Fokus verlor, «meine Gedanken schwirrten überall herum». Möglicherweise hatte er es den Zuschauern zu verdanken, dass er im 5. Satz «die Blutung stoppen» konnte, wie er es ausdrückte. Entscheidend waren die ersten zwei Games, in denen er zuerst zwei Breakbälle abwehren und Cilic darauf zum 2:0 breaken – und brechen – konnte.

Auch wenn nackte Zahlen Federers jüngsten Erfolg nie erfassen können, ­dokumentieren sie dessen Tragweite. Von den nun 200 Grand-Slam-Turnieren in der 1968 begonnenen Profiära hat er damit ­jedes zehnte gewonnen, bei ­30 Finalteil-nahmen. Und doch bleiben ­Rekorde zu brechen. Ken Rosewall gewann als einziger Profi Major-Titel in noch ­höherem ­Alter. Sein Rekord datiert vom Australian Open 1972, da war er 37 Jahre und 62 Tage alt. Federer kann ihn erst – oder schon? – in einem Jahr ablösen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2018, 22:44 Uhr

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