Trügerischer Glanz

Dass es den Schweizern an der Ski-WM läuft, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass zu viel von zu wenigen abhängt.

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René Hauri@tagesanzeiger

Es ist Grossanlass und die Ski-Schweiz im Hoch. Allmählich wird das ein Dauerzustand. Vier Medaillen gab es im House of Switzerland im Herzen des mittelschwedischen Dörfchens Are schon zu bejubeln. Da wird zu Ländler, mit Fondue im Bauch und Blick auf den Medaillenspiegel gefeiert bis in die Nacht hinein. An erster Stelle dieser Tabelle prangt das rote Viereck mit weissem Kreuz. Und heute sowie morgen zum Abschluss stehen mit den Slaloms die letzten Rennen auf dem Programm, mit denen die Bilanz noch verbessert werden kann. Mit Wendy Holdener und den zu Podestfahrern gereiften Daniel Yule, Ramon Zenhäusern und Loïc Meillard sind die Chancen dazu intakt.

Es wäre die Fortsetzung eines Höhenflugs an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, der in den letzten Jahren einsetzte. Das ist bemerkenswert. Und: total unschweizerisch. Dann bereit zu sein, wenn es um Medaillen geht, ist die Eigenschaft vor allem der Nordamerikaner, die in der Heimat nur wahrgenommen werden, wenn sie mit einer Menge Edelmetall um den Hals zurückkehren. Aber Schweizer und Winner-Mentalität? Daran muss man sich erst gewöhnen.

Vor zwei Jahren an der WM in St. Moritz gab es sieben Medaillen, davon drei goldene: So gut war die Schweiz 28 Jahre lang nicht mehr gewesen. An den Olympischen Spielen in Pyeongchang holte die Delegation weitere sieben Medaillen. Nun mag auch die WM in Are gut verlaufen sein und vielleicht gar glänzend enden.

Unausgeschöpftes Kontingent

Nur darf das in keiner Weise kaschieren, welche Probleme sich stellen. Das Bild der Schweizer im grellsten Scheinwerferlicht einer WM hat wenig mit der Realität im Alltag des Weltcups zu tun. Kombinationsmedaillen und Erfolge beim Team-Event, der in Parallelrennen ausgetragen wird, schönen die Bilanzen. Disziplinen also, die im Weltcup kaum gefahren werden. Ohne die Exploits von Corinne Suter, die noch nie auf dem Podest gestanden hatte und nun in Super-G und Abfahrt Medaillen gewann, wäre die Bilanz ernüchternder.

Gar trüb sieht es im Weltcup aus und dort um den Vergleich mit den Österreichern. Mit ihnen muss sich der Schweizer Verband messen, ist er doch bezüglich Budget und Organisation ähnlich aufgestellt. Die Realität ist: fast 3500 Weltcuppunkte Rückstand auf den Nachbarn. Oder: mehr als ein Drittel weniger Punkte. Eine qualitativ gute Breite fehlt noch immer.

Symptomatisch dafür steht, dass im Riesenslalom und im heutigen Slalom der Frauen nicht einmal das Kontingent von vier Fahrerinnen ausgeschöpft wird. Es hängt zu viel von zu wenigen Athletinnen ab. Dasselbe Bild – noch zugespitzter – präsentiert sich bei den Männern, die im Weltcup hinter Frankreich Rang 3 belegen. Während die jungen Techniker um Yule, Zenhäusern und Meillard erwachsen geworden sind und sich ordentlich schlagen in der Weltspitze, hat sich die Königsdisziplin Abfahrt als Baustelle entpuppt. Mauro Caviezel wusste Anfang Winter zu gefallen und nahm etwas Last von Alleinunterhalter Beat Feuz. Doch wieder hängt alles nur am Emmentaler, der mit seinem elffach operierten linken Knie die einzige Stütze ist. Liefert er nicht – wie an dieser WM geschehen –, tendiert die Chance auf Erfolg gegen null.

Zu viel verlangt

Caviezel ist 30, Feuz 32 – und der Rest des Teams weit weg. Die Generation, die nachkommt, hat eine grosse Lücke zu füllen, knapp sechs Jahre fehlen. Noch kann sie sich hinter den Routiniers verstecken, allzu lange aber nicht mehr. Als Carlo Janka, ein Routinier ausser Form, diese Woche sagte, die Stimmung im Team lasse zu wünschen übrig, war das ein weiteres Warnsignal. Mit Cheftrainer Thomas Stauffer und Gruppentrainer Andy Evers haben zwei hervorragende Spezialisten das Sagen, allerdings zwei nüchterne, verschwiegene. Emotionalität gehört aber genauso in ein Team wie sachliche Analysen.

Es mögen ein paar Junge nachstossen. In anderen Ländern setzen Jugendliche aber viel konsequenter auf Spitzensport. Dass in der Schweiz die Ausbildung Vorrang hat vor dem Sport, mag auf den ersten Blick vernünftig sein. Auf den zweiten ist diese Haltung von unnötiger Angst getrieben. Eine Ausbildung kann ein Spitzensportler auch nach seiner Karriere machen. Es gibt auch kaum einen Athleten, der im Leben danach in seinen erlernten Beruf zurückkehrt. Niemand kann sich vorstellen, dass Beat Feuz jemals als Maurer arbeiten wird.

Wären Eltern mutiger, gäbe es mehr starken Nachwuchs und müsste ein Marco Odermatt nicht schon fast als Heilsbringer herhalten – er ist 21. Dass einem derart jungen Talent – zumindest von der Öffentlichkeit – kaum Zeit gegeben wird, sich zu entwickeln, ehe Resultate auf der höchsten Stufe gefordert werden, zeigt eines: dass es um die Schweizer Mannschaft nicht allzu gut steht. Vielleicht wären die Schweizer also besser auch in anderen Bereichen etwas unschweizerischer.

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