Ein Kuss gegen die Krise

Lindsey Vonn verabschiedet sich mit einem tränenreichen TV-Interview von der WM. Trost findet sie bei Tiger Woods, der selbst an einem Tiefpunkt angelangt ist.

Endlich Zeit für offene Worte: Lindsey Vonn kann ihre Enttäuschung im Interview mit NBC Sports nicht verbergen.

Für einen Augenblick war es wieder da: dieses Lächeln, ein Anflug von Freude und der Jubel der Fans. Grün leuchtete die Zeit von Lindsey Vonn im Zielraum. Mit einem Kraftakt hatte die US-Amerikanerin ihre letzten Reserven angezapft und sich durch den zweiten Lauf im Riesenslalom geschlängelt. «Ich wollte noch einmal allen zeigen, was ich kann. Und ich tat es», sagte Vonn, die den ersten Durchgang auf Rang 27 abschloss. «Ich machte im ersten Lauf einen grosse Fehler, dafür ist mir im zweiten Lauf ein schnelles Rennen gelungen. Ich habe mir gewünscht, dass es im Ziel grün aufleuchtet und ihr mich anfeuert. Das habe ich bekommen.»

Lange hielt Vonns Freude nicht an: Schon die dritte Konkurrentin nach ihr verdrängte sie von der Spitze. Kurze Zeit später sorgte US-Shootingstar Mikaela Shiffrin für die neue Bestzeit, ehe die Österreicherin Kathrin Zettel die Führung übernahm und Vonns Traum von der zweiten WM-Medaille endgültig platzen liess. Ein Dutzend der Fahrerinnen hatte zu diesem Zeitpunkt den zweiten Lauf aber noch vor sich. Am Ende rutschte Vonn bis auf Rang 14 ab und resümierte: «Ich habe hart gekämpft und bin glücklich, dass ich mich steigern konnte. Es war nicht einfach für mich, schliesslich war es der erste Riesenslalom seit zwei Jahren.»

«Lindsey Vonn ist auch ein Mensch»

Der Auftritt im Riesenslalom war für Lindsey Vonn der letzte verzweifelte Versuch, die verkorkste WM versöhnlich abzuschliessen. Gold in Abfahrt, Gold im Super G und vielleicht noch eine Medaille in der Superkombination – so hatte sich die Rekord-Weltcupsiegerin das Drehbuch für die Heim-WM vorgestellt. Am Ende blieb ihr lediglich die Bronzemedaille aus dem Super-G. «Ich habe die Unterstützung der Fans genossen, aber vermutlich habe ich den Erfolg zu stark gesucht», sagte Vonn, als sie ihre Bilanz im Zielraum von Beaver Creek kommentierte. Als Vonn vor der Kamera von NBC Sports einen kurzen Halt machte, brach ihr unter Tränen die Stimme weg. «Es ist einfach enttäuschend – für mich, meine Familie und meine Fans», krächzte die 30-Jährige ins Mikrofon und flüchtete wenig später in die Arme von Tiger Woods.

Der US-Golfstar stand der Lokalmatadorin während der ganzen WM zur Seite und motivierte sie nach jeder Enttäuschung aufs Neue. So twitterte Vonn nach dem 5. Platz in der Abfahrt: «Auch wenn du Rückschläge und schlechte Tage hast, musst du daran glauben, dass irgendwann die Wende kommt.» Die Wende blieb aus und sorgte sogar bei der Konkurrenz für Mitleid. «Ich wünsche niemandem Misserfolg oder Schaden. Ich weiss, wie schwer es ist, zu Hause Erfolge zu haben oder eine WM zu fahren», so Anna Fenninger, die zweifache Weltmeisterin im Riesenslalom und Super-G. «Ich habe nicht daran gedacht, was sie gemacht hat, sondern geschaut, dass ich gut fahre. Ich finde es schön, zu sehen, dass auch eine Lindsey Vonn ein Mensch ist. Oft zeigt sie das nicht so richtig. Das ist ihr Weg, das Ganze zu bewältigen. Dennoch sieht man, dass nicht alles so leicht ist.»

Tiger Woods Auszeit

Die Anwesenheit von Tiger Woods schien bei Lindsey Vonn einen offenen Umgang mit den Emotionen auszulösen. Seit über einem Jahr bilden die beiden das Glamourpaar im US-Sport und betreten wann immer möglich jede öffentliche Bühne als Paar. «Lindsey ist sehr happy mit ihm. Sie passen gut zusammen und pushen sich gegenseitig. Vorstellen kann ich mir das», bestätigt Vonns Freundin Maria Höfl-Riesch. Selbst an Golfturnieren zeigt Vonn ihre Verbundenheit zu Woods und unterstützt ihn bei jeder Gelegenheit. Der Kampf zurück an die Weltspitze gestaltet sich fünf Jahre nach dem Sexskandal aber schwieriger als erwartet.

Zuletzt spielte der 14-fache Majorsieger die schlechteste Runde seiner Karriere und rutschte erstmals seit rund zwanzig Jahren aus den Top 60. «Ich muss jetzt eine Menge an meinem Spiel arbeiten und Zeit mit den Leuten verbringen, die mir wichtig sind. Ich will auf höchstem Level spielen, und wenn ich mich dafür bereit sehe, werde ich zurückkehren», sagt der 39-Jährige und freut sich auf die Zeit mit seiner Freundin. Für Woods wie auch für Vonn dürfte die gemeinsame Verarbeitung der Krise auch eine Kraftquelle sein, begonnen hat die Klausur mit einem Kuss im Zielraum.

sr

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