Von wenigen wird viel erwartet

Micha Jegge schreibt über die Perspektiven der Schweizer Skifahrer.

Weltmeisterschaften im eigenen Land haben für die Hauptdarsteller zwei Seiten. Die Vorfreude ist ebenso gross, wie die Erwartungen hoch sind. Der Heimvorteil muss als solcher betrachtet, der Druck in positive Energie umgewandelt werden. Was selbst für abgebrühte Routiniers nicht einfach ist, wie sich an den letzten Titelkämpfen in St. Moritz herausstellte.

Der Riesen­slalom war die Paradedisziplin der Einheimischen, die favorisierten Titelhalter Sonja Nef und Michael von Grünigen jedoch blieben vor 14 Jahren ohne Medaillengewinn. Wer an den Goldregen von Crans-Montana erinnert und festhält, damals sei es doch auch nicht so schwierig gewesen, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Anno 1987 war die Schweiz unumstritten die Nummer 1,die ungleich kleinere Szene von interner Rivalität geprägt. Pirmin Zurbriggen, Peter Müller, Franz Heinzer oder gar Karl Alpiger? Michela Figini oder Maria Walliser, Vreni Schneider oder Erika Hess? Die Frage lautete nicht, ob es einem Schweizer gelingen wird, aufs Podest zu fahren.

Sondern, welche Schweizerin oder welcher Schweizer auf dem obersten Treppchen stehen wird. Es versteht sich von selbst, dass jeder den Platz an der Sonne für sich beanspruchte. Nervosität hatte vor diesem Hintergrund keinen Platz. Unterlaufen Lara Gut – um das extremste von mehreren Beispielen zu nennen – im Super-G vom Dienstag Fehler, ist selbst durch die rot-weisse Brille keine Schweizerin in Sicht, welche davon profitieren, sich selbst schmücken könnte.

Gut oder gar nichts lautet die Prognose aus helvetischer Optik. Da kann vermeintlich Einfaches schwierig werden. Zumal sich mehr Leute mit Mikrofon oder Kamera in der Hand auf dem Wettkampfgelände einfinden werden, als es an den Weltcuprennen im kanadischen Lake Louise jeweils Zuschauer hat.

Trotzdem: Swiss-Ski ist verhältnismässig gut aufgestellt. Seit Hans Flatscher und Thomas Stauffer die Cheftrainerposten innehaben, ist es ruhig geblieben. Kritik wird, wenn es sie denn gibt, sachlich ­geäussert. Es wirkt, als zögen alle am gleichen Strick, was im Skiverband keineswegs selbstverständlich ist.

Gesamtweltcupsiegerin Gut gehört wie Mikaela Shiffrin, Marcel Hirscher und Henrik Kristoffersen zu den die Gegenwart prägenden Ausnahmekönnern. Beat Feuz liesse sich vermutlich derselben Kategorie zuordnen, wären die Knieverletzungen nicht gewesen – in St. Moritz kämpft der Emmentaler um die Medaillen. Carlo Janka hat ebenfalls Rückschläge en masse weggesteckt, der Bündner darf als gefährlicher Aussenseiter bezeichnet werden.

Wendy Holdeners Weg von der Juniorenweltmeisterin in die Slalom-Weltelite ist halbwegs linear verlaufen, die Schwyzerin ist ein Beispiel für gute Verbandsarbeit. Im Schatten der 23-Jährigen tummeln sich rund ein Dutzend Talente, die noch einen oder zwei Schritte vor sich haben. Womit wir beim Kernproblem angelangt wären.

Der Schweiz fehlt eine ganze Generation, die Folgen treten vorab im Riesenslalom und im Slalom der Männer zutage.Von den Hoffnungsträgern ist Justin Murisier mit Jahrgang 1992 der älteste. Kristoffersen ausgeklammert, ist der ebenfalls 1992 geborene Franzose Mathieu Faivre von den Weltbesten der jüngste. 24 Schweizer wurden für die WM selektioniert, lediglich 6 sind älter als 25.

4 gehören ins mittlere Alterssegment, Seniorenstatus geniessen nur Patrick Küng (33) und Fabienne Suter (32). Wobei der Glarner in der Abfahrt keineswegs aus der Norm fällt, Mitfavorit Hannes Reichelt beispielsweise dreieinhalb Jahre älter ist. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang sowie die Weltmeisterschaft 2019 in Are sind die Aussichten erfreulich. In den nächsten zwei Wochen hingegen wird von wenigen viel erwartet.

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