Theater im Theater

Wie alle bekannten WM-Teilnehmer stellt sich Lindsey Vonn vor Beginn der Wettkämpfe in St. Moritz den Medien. Der Auftritt ist aussergewöhnlich, ein Spiegel ihres Lebens.

Das Mikrofon in der Hand, der Hund auf dem Schoss – Lindsey Vonn ist in ihrem Element.

Das Mikrofon in der Hand, der Hund auf dem Schoss – Lindsey Vonn ist in ihrem Element.

(Bild: Keystone)

Der Pullover weiss, die Kappe schwarz, das Logo des Kopf­sponsors unübersehbar: Lindsey Vonn betritt den Theatersaal eines Jugendstilhotels in St. Moritz, Hundedame Lucy an der Leine führend. Ihr Freund Kenan Smith, Assistenztrainer des American-Football-Teams Los Angeles Rams, zeichnet das Geschehen wie geschätzte vierzig TV-Profis mit einer Kamera auf.

«Chasing History», Jagd nach Geschichte, lautet das Motto der Veranstaltung; es wird auf die Wand hinter der Bühne projiziert. Gastgeber Eurosport – der Sender hat eine gleichnamige Realityserie über die vierfache Gesamtweltcupsiegerin produziert – schickt Jonathan Edwards als Moderator ins Rennen, den Dreisprung-Weltrekordler aus Grossbritannien, der die Athletin mit grossen Worten vorstellt.

Als «The one and only» bezeichnet er die 32-Jährige, es fallen die Adjektive «best» und «greatest»; wer die ­Augen schliesst, wähnt sich bei einem Auftritt von Donald Trump.

Podest oder Spital

Für Vonn ist es «wunderbar», in St. Moritz zu sein; sie spricht vom «lovely place», an dem sie oft gewonnen habe. Wobei es Wichtigeres gibt als die WM. Es ist In­gemar Stenmark, es sind die 86 Weltcupsiege des Schweden, welche die bei 77 Erfolgen haltende Amerikanerin antreiben. Rekorde jagen, Geschichte schreiben – aus diesen Gedanken schöpft sie Motivation. Stenmark sei krass, «so ein stiller, privater Mensch», erwidert sie auf die entsprechende Frage.

Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, weil Vonn das Gegenteil verkörpert, laut und ­öffentlich ist. Derweil Edwards über die ausgiebigen bis exzessiven Social-Media-Aktivitäten der Athletin parliert, schnuppert der auf ihrem Schoss sitzende «Ca­valier King Charles Spaniel» am eingeschalteten Mikrofon herum. Was Frauchen lächelnd mit einer Streicheleinheit quittiert.

Im November kam Vonn zu Fall, erlitt einen Bruch des rechten Oberarmknochens, der mit einer Metallplatte fixiert wurde. Nach der Operation konnte sie die Finger nicht mehr bewegen. Es sei ungewiss, ob die Hand zu hundert Prozent gesund werden würde, hielt sie Mitte Januar fest. «Klar, spüre ich gelegentlich den Arm, aber ich fühle mich gesund», lässt sie in St. Moritz verlauten.

Lindsey, die eiserne Lady, die zuerst den Schmerz und danach die Gegnerinnen besiegt. Das passt zur Inszenierung, spiegelt jedoch auch die Realität: Vonn sei sehr hart im Nehmen, sagt ihr ehe­maliger Trainer Stefan Abplan­alp. Oft steht sie mit je einem Bein auf dem Podest und im Spital. Es gibt kaum einen Grossanlass, an dem sie nur durch Leistung für Schlagzeilen gesorgt hat.

2005, an der WM in Bormio, kommt es zum Bruch mit ihrem Vater Alan Kildow, weil dieser seiner Tochter wider deren Willen ins Veltlin gefolgt ist. Ganz auszublenden vermag sie den Nebenschauplatz nicht; sie fährt zweimal knapp am Podest vorbei.

2006, an den Olympischen Spielen in Turin,stürzt sie im Abfahrtstraining. Per Helikopter wird sie ins Spital gebracht, es werden «nur» starke Prellungen registriert. Vonn beisst auf die Zähne, wird mit den Rängen 7 und 8 unter Wert geschlagen.

2007, an der WM in Are, muss sie der auf Wolke sieben schwebenden Anja Pärson in Super-G und Abfahrt den Vortritt lassen. Vor dem Slalom zieht sie sich im Training einen Kreuzbandriss zu.

2009, an der WM in Val d’Isère,gewinnt sie Super-G und Abfahrt, ehe beim Feiern eine Champa­gnerflasche in die Brüche gehen, sie sich mit einer Scherbe eine Sehne im rechten Daumen durchtrennen wird.

2010, an den Olympischen Spielen in Vancouver, reist sie mit einer Schienbeinprellung an. Der Abfahrtsstart steht, zumindest offiziell, auf der Kippe. Vonn gewinnt Gold, die für US-Gemüter perfekte Dramaturgie beschert ihr gewaltige Resonanz.

2011, an der WM in Garmisch-Partenkirchen, dreht sich alles um Maria Riesch und deren Hauptsponsor Milka – Lila ohne Pause, gewissermassen. Was der mit einer Gehirnerschütterung angereisten Vonn missfällt. Es kommt zum Bruch einer jahrelangen Freundschaft; Gold gewinnt keine der Rivalinnen. Spätestens jetzt wird klar, dass sich der Ehrgeiz nicht auf das Sport­liche beschränkt. Acht Monate später kündet sie die Scheidung von Ehemann Thomas Vonn an.

2013, an der WM in Schladming, stürzt Vonn im Super-G schwer. Das rechte Knie erleidet einen Totalschaden, die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi finden ohne die Amerikanerin statt.

2015, an der WM in Beaver Creek, stehen ihr Anna Fenninger und Tina Maze vor der Sonne – auf der Piste. Ihre Liaison mit dem auf der Tribüne sitzenden Superstar Tiger Woods stellt alles Sportliche in den Schatten.

Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf, warum sich die Multimillionärin das noch antut. Die Antwort ist simpel wie trist. Der Skisport gebe ihr Halt, hat sie mehrfach gesagt. Es wirkt, als sei sie noch immer auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Ob sie, die immer im Rampenlicht stehe, manchmal die Normalität vermisse, will Edwards wissen.

«Nein, ich kenne es nicht anders. Das ist meine Normalität», er­widert Vonn. Hundedame Lucy regt sich kaum – trotz Blitzlichtgewitter. Sie scheint es auch nicht anders zu kennen. Aus dem Publikum wird die Frage zum Verhältnis zwischen ihr und Lara Gut gestellt. «Ich habe vor allen Konkurrentinnen Respekt», lässt sie verlauten.

Charmeoffensiven hören sich anders an. Vonn verrät, dass sie neben Super-G und Abfahrt auch die Kombination zu bestreiten gedenke. So weit, so fort; es folgt Wohlbekanntes und Belangloses. Das Theater im Theater ist eine Mischung aus Seifenoper und Tragikomödie.

Bleibt die die Aussicht auf den nächsten Akt. Die Vorgeschichte mit dem Abfahrtssieg in Garmisch – es handelte sich um das zweite Rennen nach der Ver­letzungspause – ist geschrieben. Fortsetzung folgt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, wie die Geschichte offenbart.

Das WM-Programm

Montag, 6. Februar: Eröffnungsfeier (18 Uhr).

Dienstag, 7. Februar: Super-G Frauen (12 Uhr).

Mittwoch, 8. Februar: Super-G Männer (12 Uhr).

Freitag, 10. Februar: Kombination Frauen. Abfahrt (10 Uhr) und Slalom (13 Uhr).

Samstag, 11. Februar: Abfahrt Männer (12 Uhr).

Sonntag, 12. Februar: Abfahrt Frauen (12 Uhr).

Montag, 13. Februar: Kombination Männer. Abfahrt (10 Uhr) und Slalom (13 Uhr).

Dienstag, 14. Februar: Nationenwettkampf (12 Uhr).

Donnerstag, 16. Februar: Riesenslalom Frauen. 1. Lauf (9.45 Uhr), 2. Lauf (13 Uhr).

Freitag, 17. Februar: Riesenslalom Männer. 1. Lauf (9.45 Uhr), 2. Lauf (13 Uhr).

Samstag, 18. Februar: Slalom Frauen. 1. Lauf (9.45 Uhr), 2. Lauf (13 Uhr).

Sonntag, 19. Februar: Slalom Männer. 1. Lauf (9.45 Uhr), 2. Lauf (13 Uhr). – Schlussfeier (15 Uhr).

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