Dritte, nicht Vierte

Lara Gut gewinnt Bronze im Super-G. Sie sagt: «Es ist cool.» Ihr Gesicht sagt etwas anderes. Cheftrainer Hans Flatscher sagt: «Lara hat Bronze gewonnen, nicht Gold verloren.»

Rührende Szene: Lara Gut, die geschlagene Favoritin, wischt der von ihren Gefühlen übermannten Siegerin Nicole Schmidhofer Tränen aus dem Gesicht.

Rührende Szene: Lara Gut, die geschlagene Favoritin, wischt der von ihren Gefühlen übermannten Siegerin Nicole Schmidhofer Tränen aus dem Gesicht.

(Bild: Keystone)

Irgendwann war klar, dass Lara Gut eine Medaille gewinnt, aber nicht die Medaille. In der Leaderbox standen zu der Zeit Nicole Schmidhofer, die Erste, und Tina Weirather, die Zweite. Sie sahen aus wie zwei Siegerinnen. Dann war über den Stadionbildschirm Lara Gut, die Dritte, zu sehen – sie sass irgendwo hinter einer Glasscheibe, und es war nicht klar, ob sie winkte oder abwinkte.

Zur Blumenzeremonie – die Siegerehrung findet abends im Dorfkern statt – kam Gut noch einmal ins Stadion, sie stand auf das Podest und knipste ein Lachen an. Neben ihr winkten und jubelten Weirather und Schmidhofer. Zu dritt standen sie auf dem Podest, aber vom Gefühl her war Lara Gut allein. Hinter den drei Frauen leuchteten die Corviglia und eine rote Sponsorenfassade, die ein Soldat aufrecht hielt. Fassaden können leicht einstürzen.

Ein paar Minuten später wartete Lara Gut, eingepackt in eine dicke Ski­jacke und ein Dächlikäppli, auf ihren Auftritt an der Pressekonferenz der Siegerinnen. Sie stand in der Ecke einer überfüllten Halle – oben auf der Bühne war noch Tina Weirather an der Reihe.

Weirather strahlte in den Saal hinein: «Endlich, endlich! Ich bin überglücklich!» Lara Gut hielt ein Plüschtier in der Hand und blickte auf den Boden. Ins Mikrofon sagte sie dann: «Es ist Bronze, nicht ein vierter Platz. Es ist cool.» Sie lächelte, wirkte müde und gefasst.

Lara Gut war auf den dritten Rang gefahren, sie hatte die erste Medaille für die Schweiz geholt an dieser WM im eigenen Land. Aber die Szenen und die Signale, die sie nach dem Rennen aussendete, widersprachen sich.

Kein Gold

In den ersten drei Super-Gs dieser Saison hatte es keine bessere Fahrerin gegeben als Lara Gut, dann stürzte sie in Cortina und verletzte sich. Vor dem Rennen in St. Moritz sagte sie nun: «Ich bin bereit. Neben der Piste habe ich Schmerzen, aber auf der Piste werde ich hundertprozentig da sein.»

Weil Gut seit ihrem Sturz nicht mehr Ski gefahren war, wusste auch sie selber nicht, ob sie ihrer Prognose trauen konnte. Lara Gut hatte in ihrer Karriere vier Medaillen an Weltmeisterschaften gewonnen – drei aus Silber, eine aus Bronze. Sie ist 25 Jahre alt, und sie fährt nur noch für Gold.

Als sie gestern Mittag oben am Start stand, lag Tina Weirather im ersten Rang – als sie nach nahezu fehlerloser Fahrt im Ziel ankam, war der Stand unverändert. 0,03 Sekunden hatten gefehlt für die Führung, die Anzeige leuchtete rot statt grün. Gut warf sich in die Abschrankung und schnaufte: Sie hatte keine Ahnung, was diese Zeit wert war, aber sie war geschlagen. Das Publikum applaudierte, aber sollte es jubeln? Lara Gut liess die Frage offen.

Oben an der Piste stand Hans Flatscher, der Cheftrainer, und sagte in die Fernsehkamera: «Lara hat Bronze gewonnen, nicht Gold verloren. Ich bin gottenfroh, haben wir diese Medaille gemacht. Der Druck war enorm hoch.» Es war ihm anzusehen, dass diese Medaille für Swiss-Ski wichtiger war als für Lara Gut.

«Total versaut»

Pauli Gut, der Vater und Privattrainer, sagte: «Man muss doch zufrieden sein mit der Medaille. Klar, ihr Ziel war Gold. Heute fehlte etwas, aber es gibt ja noch andere Rennen.» Laute Erleichterung beim Verband, leise Enttäuschung im Privatteam.

Es war die Zusammenfassung des Tages. Lara Gut sagte es so: «Ich hätte am liebsten ganz gut angefangen, aber jetzt ist es: gut.» Sie hatte ­gerade das Land ein bisschen ­zufriedener gemacht, aber sich selber noch nicht.

«Ich hätte am liebsten ganz gut angefangen, aber jetzt ist es: gut.»Lara Gut

Die Pressekonferenz war inzwischen fortgeschritten – Gut sollte ihre Fahrt beschreiben. «Der Schnee war komisch. Wenn ich zu aktiv fuhr, verbiss sich der Ski. Wenn ich es laufen liess, hatte ich das Gefühl, nicht beschleunigen zu können.» Aber, sagte sie dann noch einmal, «ich bin Dritte geworden, nicht Vierte. I’m happy.» Sie drückte dazu auf ihrem Plüschtier herum. Es sah aus, als hätten Mimik und Worte nichts miteinander zu tun.

Als sie ins Ziel gekommen war, hatte Lara Gut gedacht, sie hätte die Fahrt «total versaut». Am Ende reichte es für eine Medaille. Der erste Eindruck hatte sie getäuscht.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt