Zwischen Kränzen und Krücken

Immer mehr Schwinger fallen verletzt aus – gemäss Athleten und Medizinern ist die Sportart gefährlicher geworden.

Nach seinem Sieg hilft Curdin Orlik Hüne Christian Stucki auf die Beine. Der Seeländer hat sich im Kampf am Knie verletzt.

Nach seinem Sieg hilft Curdin Orlik Hüne Christian Stucki auf die Beine. Der Seeländer hat sich im Kampf am Knie verletzt. Bild: Marcel Bieri/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Und wer heil geblieben ist, sollte Tag für Tag Holz anfassen!

Meniskusschaden, ausgerenkte Schulter, Kreuzbandriss, Hüftleiden, Knorpelschaden, kaputte Innen- und Aussenbänder, Bandscheibenvorfall, Nackenbeschwerden, Schlüsselbeinbruch, Oberschenkelzerrung, geprellte Rippen, Muskelfaserriss. Und so weiter. Schwinger, die verletzt ausfallen, es hat sie in den letzten Wochen und Monaten etwas gar häufig gegeben. Diverse Akteure aus sämtlichen Teilverbänden haben mit Problemen zu kämpfen, und blickt man weiter zurück, wird deutlich, dass kein Berner Spitzenschwinger in den letzten Jahren von Unfällen und gesundheitlichen Rückschlägen verschont geblieben ist.

Von A wie Anderegg Simon bis Z wie Zenger Niklaus hat es alle erwischt, die meisten mehrmals. Die Rücktritte Matthias Sempachs, Matthias Siegenthalers und Philipp Reussers waren – beim einen mehr, beim anderen weniger – die Folge davon. Wenngleich entsprechende Statistiken fehlen, macht es den Anschein, dass die Liste der havarierten Sägemehlakrobaten immer länger wird. Was die Frage aufwirft: Ist der Schwingsport gefährlicher geworden?

Die Angst beim Zusehen

Bernhard Kämpf, Jonas Lengacher, Niklaus Zenger – die drei Oberländer eint das Ziel, übermorgen am Heimfest in Interlaken (siehe Infobox) vorne mitmischen zu wollen. Aber auch die Tatsache, die vergangene Saison verpasst zu haben. Von übermässiger Verletzungsgefahr wollen die Hünen nichts wissen. Kämpf vergleicht das Risiko mit jenem im Fussball, Lengacher meint, Kampfsport sei nun mal Kampfsport, und Zenger sagt, er rate jedem Kind, mit Schwingen zu beginnen. Bei aller Schönfärberei jedoch fügt er an: «Würde man der Suva Videos von bestimmten Gängen zeigen, dann dürften dort die Alarmglocken läuten.»

Zehnmal bereits hat sich Zenger operieren lassen müssen, er hat mehrere Saisons verpasst, «wohl fast 40 Kranzfeste», wie er nachrechnet. Knie und Hüfte sind seine Baustellen, Folgeschäden nicht gänzlich auszuschliessen. Was er tue, sei nicht das Allergesündeste, «hätte ich bis jetzt Yoga gemacht und nicht geschwungen, ginge es meinem Körper sicher besser». Zenger gilt als Spezialist für sogenannte Hakenschwünge, bei denen die Knie stark beansprucht werden, sich immer wieder mal verdrehen.

Sein Vertrauensarzt Martin Rüegsegger, der unter anderen auch Lengacher behandelt hat und die Eishockeyprofis der SCL Tigers betreut, hält den Schwingsport durchaus für gefährlich. «Manchmal wird mir beim Zuschauen angst und bange. Die Belastung für die Gelenke ist enorm, die Intensität und die Wucht, mit der gekämpft wird, können Schaden anrichten. Zumal zwischen den Gegnern teils Gewichtsunterschiede von über 50 Kilo bestehen.»

Die angepassten Regeln

Wie die Eidgenossen Kämpf und Zenger vertritt Rüegsegger die Ansicht, dass mittlerweile mehr Kräfte auf die Schwinger einwirken, weil diese muskulöser geworden sind. Der Trainingsaufwand hat zugenommen, es wird tendenziell kompromissloser agiert. Dadurch sind die meisten Akteure robuster und physisch stärker, was der Prävention von Verletzungen dienlich ist. Allerdings ist die Belastung weitaus grösser und der Sportler daher anfälliger geworden.

Einer, der vergleichen kann, ist Niklaus Gasser (58), mittlerweile technischer Leiter des oberaargauischen Gauverbands, 1987 und 1996 Gewinner des Unspunnen- respektive Kilchberg-Schwingets. Früher hätten die Spitzenschwinger nicht weniger trainiert als die dominanten Figuren dieser Tage, der Fokus sei jedoch vielmehr auf technische Einheiten gelegt worden. «Heute gehen fast alle in den Kraftraum, manche übertreiben es.» Der zweifache Brünig-Sieger Kämpf bestätigt, dass einige falsch trainieren würden, sich daraus Folgeschäden ergeben könnten. Vorab im Jungschwingeralter seien Kraftübungen mit dem eigenen Körpergewicht zuweilen sinnvoller als an den Geräten.

Derweil ist Rüegsegger überrascht, dass sich nicht noch mehr Blessuren ereignen, vorab im Bereich der Halswirbelsäule, welche nicht nur beim Verteidigen ex- trem beansprucht wird. Diesbezüglich hat der Eidgenössische Schwingerverband reagiert und das Regulativ angepasst, gewisse Schwünge sind mittlerweile verboten, vorab solche, die den Bereich der Wirbelsäule besonders gefährden. Zudem befindet sich mehr Sägemehl in den Ringen, was den Aufprall dämpfen soll.

Die zu hohe Belastung

Immer bedeutender wird die Regeneration. Nicht nur beim ambitionierten Mittelschwinger Lengacher kommt diese neben Familie und eigener Metzgerei sowie einer Handvoll Einheiten pro Woche und den Wettkämpfen dann und wann zu kurz. Es ist das Schicksal eines Amateursportlers, der wie ein Profi trainiert und mit ein Erklärungsansatz für die länger werdenden Verletzungsbulletins. 20 Monate lang fiel Lengacher wegen schwerer Kniebeschwerden aus, Ende 2017 trat er zurück. Anfang dieses Jahres gab er sein Comeback, was nicht alle verstanden, Ende Saison soll definitiv Schluss sein.

Die meisten Spitzenschwinger haben ihr Arbeitspensum derweil heruntergeschraubt, bei ihnen jedoch sind der erhöhte Druck, die Verpflichtungen gegenüber Sponsoren nicht zu unterschätzen.

Einige forcieren womöglich zu stark, gerade in heiklen Situationen, wenn der Körper nach Ruhe verlangt. «Mittlerweile trainieren alle intensiv. Daher denken viele, es liege nicht drin, einmal zurückzulehnen», sagt Lengacher.

Im Bernbiet ist das Problem erkannt worden. Die Athleten werden angehalten, nach Verletzungen nichts zu überstürzen – zumal es in der Vergangenheit einige kurz nach dem Comeback wieder erwischt hat. Die Anzahl der Kaderzusammenzüge ist erhöht worden, vorab die Akteure der zweiten und dritten Garde, welche nicht über den Betreuerstab eines Stucki, Wenger oder Glarner verfügen, werden mit der modernen Trainingslehre vertraut gemacht. Experte Gasser aber stellt klar: «Schwingen ist ein gefährlicher Sport. Es kann immer etwas passieren.» Holz anfassen hin oder her.

Erstellt: 12.07.2019, 12:45 Uhr

«Oberländisches» in Interlaken – eine Angelegenheit für die Einheimischen

Das sechste und letzte Gauverbandsfest der Saison dürfte eine Sache für die Oberländer werden. An ihrem Heimfest in Interlaken stellen sie fünf von sieben «Eidgenossen», Bernhard Kämpf, Kilian Wenger und Simon Anderegg sind die Favoriten. Auch Schwingerkönig Matthias Glarner gilt es zu beachten, hinsichtlich der Titelverteidigung in Zug absolviert er einen wegweisenden Formtest.

Das «Oberländische» ist etwas weniger stark besetzt als auch schon. Einerseits, weil im Bernbiet diverse Schwinger verletzt pausieren müssen, andererseits finden am Sonntag zwei weitere prestigeträchtige Kranzfeste statt. Die Emmentaler Matthias Aeschbacher und Patrick Schenk gastieren in Leukerbad, am Südwestschweizer Teilverbandsfest werden sie es mit den besten Romands, aber unter anderen auch mit Joel Wicki, Samuel Giger und Patrick Räbmatter zu tun bekommen. Auf der Rigi sind derweil etwa Pirmin Reichmuth, Christian Schuler, Nick Alpiger und Daniel Bösch gemeldet.

In Interlaken, wo das 100-jährige Bestehen des lokalen Schwingklubs zelebriert wird, beginnt das Fest am Sonntag um 8 Uhr. Im Anschwingen trifft Glarner auf Simon Mathys, Wenger misst sich mit Fabian Staudenmann. Der Schlussgang ist für 17 Uhr vorgesehen.

Auf dieser Webseite wird ein Liveticker angeboten. (phr)

Spitzenpaarungen 1. Gang:


  • Matthias Glarner - Simon Mathys.

  • Kilian Wenger - Fabian Staudenmann.

  • Bernhard Kämpf - Michael Wiget.

  • Simon Anderegg - Stefan Studer.

  • Niklaus Zenger - Werner Schlegel.

  • Willy Graber - Philipp Aellen.

  • Remo Stalder - Patrick Gobeli.

Artikel zum Thema

Remo Käser erlitt Bandscheibenvorfall

Der Emmentaler Schwinger hat sich am Nordostschweizer Fest eine Nackenverletzung zugezogen. Trotzdem will er am «Eidgenössischen» im August angreifen. Mehr...

Der «vergessene Eidgenosse» tritt zurück

«Der richtige Zeitpunkt ist gekommen»: Schwinger Hansruedi Lauper gibt per sofort seinen Rücktritt bekannt. Mehr...

Rücktritt vom Rücktritt

Drei Jahre nach seinem letzten Kranzfest trat Jonas Lengacher am «Bernjurassischen» wieder an. Das Resultat kann sich sehen lassen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog So machen Sie mehr aus Ihrem Vorsorgegeld

Sweet Home Mehr als Fensterkleider

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Wasser marsch! Die Feuerwehr bekämpft einen Brand auf dem Gelände einer Abfallentsorgung im österreichischen Mettmach. (16. Juli 2019)
(Bild: APA / Manfred Fesl) Mehr...