Lehrling im Profiteam

Marc Hirschi fährt am Samstag erstmals den Frühjahrs-Radrennklassiker Mailand–Sanremo. Der 20-jährige Jungprofi aus Ittigen muss im deutschen Team Sunweb noch eine Helferrolle übernehmen.

Marc Hirschi fährt jetzt in ganz Europa Rennen und ist nicht mehr so oft in Bern.

Marc Hirschi fährt jetzt in ganz Europa Rennen und ist nicht mehr so oft in Bern.

(Bild: Raphael Moser)

Peter Berger@PeterBerger67

Als Treffpunkt hat Marc Hirschi ein kleines Restaurant in der Stadt Bern ausgewählt. Er hat nicht gewusst, dass das Lokal wegen Umbauarbeiten geschlossen ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn Hirschi ist jetzt Profi, gehört zum deutsch-holländischen World-Team Sunweb und ist viel unterwegs.

Bern ist für den 20-jährigen Ittiger nicht mehr der Alltagsort. Im vergangenen Sommer hat er in der Bundesstadt die Sport-KV-Lehre bei der Schweizer Armee abgeschlossen. Sofort danach folgten die grossen Erfolge: U-23-Europameister und U-23-Weltmeister ist er im zweiten Halbjahr 2018 geworden. Deshalb holte ihn Sunweb früher als geplant vom Nachwuchs- ins Profiteam und stattete ihn mit einem Dreijahresvertrag aus.

Die vergangenen vier Monate bereitete er sich mehrheitlich privat auf Mallorca auf seine erste World-Tour-Saison vor, so wie das viele Radrennfahrer machen. Zusammen mit dem gleichaltrigen Frutiger Joel Sutter und zwei Deutschen mietete er schon im November ein Apartment. «Das Wetter und damit die Trainingsbedingungen sind dort im Winter besser als in der Schweiz», begründet Hirschi diesen Schritt. Viermal flog er in dieser Zeit für jeweils ein einwöchiges Trainingslager mit dem Team an die Costa Blanca nach Calpe.

Das Reisen und Leben aus dem Koffer findet Hirschi spannend. «In zehn Jahren sage ich vielleicht etwas anders.» Jetzt war er das erste Mal derart lange weg. Mutter Erika liess den Zögling ohne Bedenken ziehen: «Er hat alles selber organisiert. Das ist eine seiner Stärken.» Auch bezüglich der Ernährung in der Fremde machte sie sich keine Sorgen. «Marc kann gut kochen, das ist kein Problem.»

Tipps vom Vater

Nur im Dezember für die Credit Suisse Sports Awards und über Neujahr kam Hirschi für ein paar Tage in die Schweiz. Ist er im Land, wohnt er immer noch daheim in Ittigen. «Im Moment passt das noch», sagt er. Dass er den Titel für den «Newcomer des Jahres» dem Leichtathleten Julien Wanders überlassen musste, störte ihn nicht. «Klar hätte ich gerne gewonnen. Aber die Konkurrenz war stark, und Julien hat den Titel verdient.» Nicht alle, vor allem aus der Radsportszene, goutierten die Wahl. Nicht so Hirschi: «Ich fand es cool, dass ich dabei sein durfte und einmal all die grossen Schweizer Sportler treffen konnte.»

Diese Aussage ist symptomatisch für den jungen Berner. «Er ist kein Angeber, manchmal ist er fast zu ruhig und bescheiden», meint die Mutter. Das bestätigte sich an der nächsten Ehrung. Der Radrennclub Bern feierte vor zwei Wochen sein erfolgreiches Mitglied in einem Hotel in der Innenstadt. Hirschi war mit den Eltern und den drei Geschwistern anwesend. Obwohl sich alles um ihn drehte, blieb er unaufgeregt und zurückhaltend.

Auf dem Velo ist das anders. Der Schweizer Nationaltrainer Danilo Hondo nennt ihn den «Killer», weil er Situationen schnell erfasst und im richtigen Moment attackiert. «Dieser Instinkt ist eine Begabung», weiss Hirschi. Sein Vater hält ergänzend fest: «Ich habe ihn schon früh gelehrt, während eines Rennens die anderen Fahrer zu beobachten.» Hobbyrennfahrer Heinz Hirschi animierte seine Kinder zum Velofahren. «Nur bei Marc spürte man die Begeisterung für diesen Sport schnell. Mit 14 Jahren ist er mir schon davongefahren.» Noch heute setzen sich Vater und Sohn bei Gelegenheit zusammen aufs Rad. «Für Marc ist das dann jeweils eine lockere Ausfahrt», sagt der Papa.

«Er war immer der Kleinste mit dem Bike, seine Leistungen waren aber schnell herausragend.»Simon Hasler. Der Präsident des Radrennclubs Bern trainierte und förderte Marc Hirschi in jungen Jahren.

Angefangen hatte der Junior mit Mountainbiken. Trainer Simon Hasler erinnert sich: «Sein Talent war schon damals erkennbar. Er war immer der Kleinste mit dem Bike, seine Leistungen waren aber schnell herausragend. Heute beeindruckt er mit seiner souveränen, aktiven und cleveren Art, Rad zu fahren.» Hasler spricht damit ebenfalls Hirschis Rennübersicht an. Die Tipps des Vaters haben offenbar gewirkt. «Ich versuche das Rennen zu lesen, lenke meine Aufmerksamkeit auf die Gegner, statt mir dauernd Gedanken darüber zu machen, wie ich noch über den nächsten Berg kommen soll», erklärt Marc Hirschi.

Informatiker Heinz Hirschi erstellte dem Sohn früh ein Tagebuch. Darin wurden Puls- und Wattzahlen festgehalten; mit der Absicht, richtig zu trainieren. Der Filius gesteht, dass er manchmal ungeduldig sei, die Gefahr des Übertrainierens bestehe. Heute überwachen seine Trainer bei Sunweb die Leistungsdaten. Das Team mit den Stars Tom Dumoulin und Michael Matthews ist bestrebt, den Jungprofi behutsam aufzubauen. «Für mich geht es darum, dass ich mich zum kompletten Fahrer weiterentwickle.» Vor allem am Berg und im Zeitfahren müsse er noch besser werden. «Eigentlich jedoch in allen Bereichen.» Dabei bezeichnen ihn Experten schon jetzt als echten Allrounder.

Vorderhand wird Hirschi eine Helferrolle ausüben. Er muss dafür sorgen, dass die Teamleader ihre Ziele erreichen. «Ich stehe nicht im Fokus, diese Zeit muss ich nutzen, um zu lernen, damit ich in ein paar Jahren hoffentlich auch als Leader starten kann.»

An der Tour de Suisse

Am Samstag fährt Hirschi nach der Algarve-Rundfahrt (Rang 31) und der Strade Bianche (73.) mit Mailand–Sanremo sein drittes World-Tour-Rennen. Der Klassiker zählt zu den fünf Monumenten des Radsports. «Das ist ein Highlight für mich», schwärmt er. Ein weiterer Höhepunkt in dieser Saison wird die erstmalige Teilnahme an der Tour de Suisse sein. Und im Herbst will er an der U-23-WM seinen Titel verteidigen. Die Elite-WM 2020 in Aigle komme dagegen für ihn noch zu früh. «Schön wäre es, wenn ich dabei sein könnte.» Anders sieht es für die Heim-WM 2024 in Zürich aus. «Die ist dann ein grosses Ziel für mich. Dann werde ich mit 26 Jahren auch in einem guten Alter sein.» Im Radsport wird das Höchstleistungsalter ungefähr mit 28 Jahren erreicht. Aber bei Marc Hirschis Karriere war ja bisher alles etwas früher.

Berner Zeitung

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