«Es lohnt sich dranzubleiben»

Mit dem Team Thun Berner Oberland führt Stefanie Kipf die NLB an. Die 32-Jährige ist nicht nur treffsicher, sondern will auch die Situation der Frauen verbessern.

Stefanie Kipf liegt der Frauenfussball am Herzen.

Stefanie Kipf liegt der Frauenfussball am Herzen.

(Bild: Marco Raho)

Wenn sie dem Frauenfussball helfen könne, sei sie gern dabei, sagt Stefanie Kipf, als wir sie für einen Termin anfragen. So geht es in dem Gespräch auch primär um den Fussball und die Frauen, die ihn spielen und dafür wenig bis gar nichts erhalten: wenig Aufmerksamkeit und keine Entlöhnung.

Im Gegenteil: Stefanie Kipf zahlt auch als NLB-Spielerin des Frauenteams Thun Berner Oberland einen Jahresbeitrag von 550 Franken, muss Matchsponsoren gewinnen und 100 Franken Sponsorengeld organisieren. Sie habe mit zwei NLA-Spielerinnen von YB zusammengewohnt, «auch sie haben nichts bekommen», erzählt Kipf.

Frauenfussball: Die Begrifflichkeit allein ist schwierig, weil eben Frauenfussball suggeriert, anders zu sein als einfach Fussball, und dieses einfache Fussballspiel ist Männern vorbehalten. «Es sollte dann eigentlich auch Männerfussball heissen», sagt Kipf.

Ganz nebenbei Torschützenkönigin

Stefanie Kipf ist RAV-Beraterin in Bümpliz, gleichzeitig führt sie in der NLB die Liste der Torschützinnen mit 10 Treffern an, 8 Tore aus drei Cupspielen kommen dazu. In der vergangenen Saison wurde Kipf mit 29 Treffern aus 27 Ligaspielen Torschützenkönigin, wie sie das bereits in der Saison 2015/2016 war, damals noch bei den Femina Kickers Worb. Die Treffsicherheit der Stürmerin ist bemerkenswert. «Ich schiesse, ohne zu überlegen», sagt sie dazu.

Es ist nicht erstaunlich, dass Kipf auch die Möglichkeit gehabt hätte, in der NLA zu spielen. «Ich habe immer wieder Angebote bekommen. YB, Basel und Zuchwil, als dieses noch in der obersten Liga spielte, hatten Interesse.» Angenommen hat sie die Angebote nicht. Als sie im besten Fussballerinnenalter gewesen sei, habe der Frauenfussball noch weniger Anerkennung erhalten als heute und in der obersten Liga Aufwand und Ertrag noch viel weniger gestimmt.

«Wer oben Fussball spielen wollte und daneben eine berufliche Karriere anstrebte, musste einen wahnsinnigen Ehrgeiz haben. Diesen Aufwand zu betreiben, war ich nicht bereit gewesen», sagt Kipf, heute gebe es mit Lehren, die auf Sportlerinnen und Sportler abgestimmt sind, und Sportgymnasium ganz andere Möglichkeiten. Und für eine Karriere im Ausland sei sie zu sehr ein «Heimhöck» gewesen, wie Kipf formuliert, mit 19 habe sie nicht den Mut und nicht genügend Selbstbewusstsein gehabt, einen Anlauf in einer Liga ausserhalb der Schweiz zu nehmen.

Etwa wie die 33-jährige Martina Moser, die nach Freiburg, Wolfsburg und Hoffenheim nun seit 2017 beim FC Zürich spielt und mit Kipf zusammen bei den Junioren des FC Biglen ange­fangen hat.

Tapetenwechsel nach fast 20 Jahren

Durch einen Nachbarsjungen kam Kipf zum FC Biglen, in ihrer Familie war nicht Fussball, sondern Unihockey Trumpf. Bis zu den D-Junioren konnte sie mit Moser in einem Team mit den Buben spielen. Weil es an einem Mädchenteam mangelte, wandte sie sich anschliessend kurz dem Volleyball zu, doch per Zufall kam sie schliesslich auf das Frauenteam des SC Worb, heute die Femina Kickers. Bis im Sommer 2018 spielte sie dort. Bis zum Wechsel zu den Frauen FC Thun Berner Oberland.

Nach fast zwanzig Jahren bei Worb mit nur einem eineinhalbjährigen Ab­stecher zu Kirchberg entschied sie sich für diese Veränderung. Wegen eines Autounfalls hatte sie einen Grossteil der Saison 2016/2017 verpasst, danach war sie in Worb nicht mehr richtig ins Team gekommen, der Trainer hatte sie oft nicht und sonst als Aussenläuferin eingesetzt. «Das ist nicht meine Position, ich bin Stürmerin», so Kipf. Thun-Trainer Hugo Kostezer, der mehrmals Interesse signalisiert hatte, überzeugte Kipf zum Wechsel.

Seither läuft es wieder. Die 32-Jährige sagt, sie hoffe, dass sie noch einige Saisons machen könne. Danach will sie sich weiter für den Frauenfussball einsetzen. Obwohl sich schon einiges verbessert hat, gibt es noch viel zu tun. Ihr Ziel: das Profitum für die Frauen in der Schweiz. «Es ist ein harter Brocken, aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt dranzubleiben.» Vor Saisonbeginn wurden die Top-11-Spielerinnen und die Torschützenköniginnen von NLA und NLB zum Season Launch eingeladen. Erstmals hat Stefanie Kipf da als erfolgreichste Schützin der zweithöchsten Liga für ihren Einsatz als Fussballerin auch etwas erhalten: einen 100-Franken-Gutschein eines Sportartikelhändlers.

Berner Zeitung

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