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Die Betteltour ist zu Ende

Patric Niederhauser hat es geschafft, der 28-jährige Berner wird Profi-Rennfahrer bei Audi.

Patric Niederhauser verfügt über einen eigenen Simulator.
Patric Niederhauser verfügt über einen eigenen Simulator.
Christian Pfander
Der 28-Jährige aus Kirchdorf hat schon viele Pokale gewonnen. Die Trophäe für den Gesamtsieg am ADAC GT Masters ist jedoch seine wichtigste Auszeichnung.
Der 28-Jährige aus Kirchdorf hat schon viele Pokale gewonnen. Die Trophäe für den Gesamtsieg am ADAC GT Masters ist jedoch seine wichtigste Auszeichnung.
Christian Pfander
Der Berner gewann 2019 die deutsche Serie in einem Audi für HCB-Rutronik Racing. Als Belohnung wird Niederhauser 2020 nun Werksfahrer bei Audi Sport.
Der Berner gewann 2019 die deutsche Serie in einem Audi für HCB-Rutronik Racing. Als Belohnung wird Niederhauser 2020 nun Werksfahrer bei Audi Sport.
Robert Broger/SEPA.Media /Getty Images
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Der Gesamtsieg in der deutschen Serie ADAC GT Masters hat Auswirkungen. Der grösste Titel in der Karriere verhalf Patric Niederhauser quasi zu einem «Lotto-Sechser»: Der 28-Jährige aus Kirchdorf wird 2020 Werksfahrer von Audi Sport.

«Für Patric stellt der Aufstieg zum Profi eine schöne Belohnung für den Titel in Deutschland dar», hält Chris Reinke, Leiter Audi Sport Customer Racing, fest. Niederhauser sagt: «Ein Traum ist wahr geworden. Seit zehn Jahren habe ich darauf hingearbeitet, den Schritt in den Profisport realisieren zu können. Es war ein steiniger Weg mit Frust und Rückschlägen.»

Geklappt hat es erst im dritten Anlauf. 2016 war Niederhauser offizieller GT3-Junior-Fahrer von Lamborghini. Eigentlich hatte er die Zusage, bei den Italienern zum Werksfahrer aufzusteigen. «Während eines halben Jahres haben sie mir immer bestätigt, dass alles gut komme. Bis ich merkte, dass dies nur leere Versprechungen waren, stand ich im Februar 2017 ohne Cockpit da.»

Niederhauser fand dann ein erstes Mal Unterschlupf bei Audi und fuhr das ADAC GT Masters. «Ich setzte mich selber enorm unter Druck und sagte mir: Dieses Jahr muss ich es schaffen – jetzt muss ich Werksfahrer werden.»

Die Verkrampfung wirkte sich am Steuerrad aus. Der Berner realisierte, dass Resultate zwischen Platz 5 und 10 einem Fahrer nicht weiterhelfen, jedenfalls nicht als Sprungbrett für Beförderungen dienten.

«Zudem befand ich mich finanziell am Limit. Ich wusste, verursache ich einen gröberen Kratzer, ist die Saison beendet. Eine Reparatur nach einem Crash hätte ich nicht bezahlen können.»

2018 folgte der Wechsel in eine asiatische Rennserie. Niederhauser fuhr einen Mercedes. «Konkrete Gespräche gab es nie, aber natürlich hoffte ich in jenem Jahr insgeheim, Werksfahrer bei diesem Hersteller werden zu können.» Trotz der erfolgreichen Saison mit dem dritten Gesamtrang wurde auch daraus nichts.

Die Anstellung als Profi folgt nun erst nach dem Sieg beim ADAC GT Masters, das er mit dem Südafrikaner Kelvin van der Linde für das Audi-Kundenteam HCB-Rutronik Racing gefahren ist.

Die Erleichterung ist riesig, die Genugtuung enorm, und gleichwohl kann Niederhauser die Gefühle schlecht beschreiben. «Die Beförderung zum Werksfahrer zeichnete sich nach den Gesprächen ab, es gab nicht den ultimativen emotionalen Ausbruch, wie wenn man als Sieger auf der Ziellinie abgewinkt wird.»

Der frühe Traum von der F1

Als absolut glücklich bezeichnet Niederhauser seinen aktuellen Zustand. Bis anhin hatte er neben Siegen immer wieder Rückschläge zu verarbeiten. 2006 hatte er im Kart angefangen. Danach wechselte er 2010 in den Formel-Sport, fuhr als GP3-Fahrer in der zweithöchsten Nachwuchskategorie.

«Damals träumte ich noch von der Formel 1», sagt «Nidi». Diese Vision hat er längst begraben. «Wer heute nicht 20 Millionen mitbringt, muss sich gar nicht erst mit dem Gedanken an die Formel 1 befassen», glaubt er. Das hat er zwar akzeptiert, wurmt ihn aber doch etwas: «Gegen mehrere Piloten aus der Formel 1 bin ich früher gefahren – und war schneller als sie.»

Er erwähnt unter anderen den Kanadier Nicholas Latifi, der nun ein Cockpit bei Williams erhält. «Während es mit diesen Fahrern aufwärtsging, stand ich am Ende einer Saison immer ohne etwas da.» Der Grund war das Geld. Niederhauser musste jeden Winter sammeln, um sich die nächste Saison finanzieren zu können. Genug Mittel von Sponsoren und Gönnern fand er nie.

«Ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre meine Karriere längst vorbei.» Ausgerechnet, wie viel Geld er in seiner bisherigen Karriere ausgegeben hat, um sich irgendwo ein Cockpit zu finanzieren, hat er nie. «Aber ich könnte damit ein gutes Leben führen.»

20 Rennwochenenden

In seiner Freizeit arbeitet Nieder­hauser im elterlichen Betrieb, dem Sand- und Kieswerk in Kirchdorf. Zusätzlich zu den administrativen Aufgaben hat er im Sommer die Lastwagenprüfung absolviert und ist bei Bedarf eingesprungen. Das Geschäft liegt ihm weiterhin am Herzen, eine spätere Übernahme schliesst er nicht aus. Aber der Zeithorizont hat sich verschoben.

Jetzt ist Niederhauser einer von zehn GT-Werksfahrern bei Audi Sport. Das bedeutet, der deutsche Hersteller kann ihn überall einsetzen, auch bei den prestigeträchtigen 24-Stunden-Rennen von Daytona (USA), Bathurst (AUS), Nürburgring oder Spa. Gerne möchte er mit Van der Linde nochmals das GT Masters bestreiten, um als erstes Team den Titel zu verteidigen.

«Ich werde nächstes Jahr rund 20 Rennwochenenden haben, überall auf der Welt», erzählt Niederhauser. Was er verdient, darf er nicht sagen. Nach Marcel Fässler und Nico Müller ist er der nächste Schweizer Werksfahrer bei Audi. Einen solchen Status haben in der Schweiz nur noch Neel Jani (Porsche) und Sébastien Buemi (Renault).

Zum ersten Mal muss Niederhauser deshalb in diesem Winter nicht mehr von Tür zu Tür auf Betteltour. Der passionierte Kletterer kann sich auf die Saisonvorbereitung konzentrieren, schliesslich muss er im Rennauto weiterhin schnell sein, denn auch wenn Niederhauser lange auf seinen Aufstieg warten musste, weiss er: Im Motorsport kann sich die Situation schnell ändern.

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