Die Ärztin sattelt um

Marlen Reusser hat die Operationssäle verlassen. Sie ist jetzt Radprofi. Ihr Ziel: die Olympischen Spiele.

Peter Berger@PeterBerger67

Marlen Reusser fokussiert jetzt voll auf ihre Radsportkarriere. (Foto: Manuel Zingg)

Als die Anfrage aus Aigle kam, war Marlen Reusser zuerst überrascht. Mittlerweile gehört sie schon seit Februar zum Team des Weltverbandes. Die UCI unterhält am Sitz in Waadtland ein eigenes Trainingszentrum (WCC) mit einem Frauenteam. «Ich weiss noch heute nicht, wieso ich berücksichtigt worden bin. Die haben wohl ein Auge auf mich geworfen, weil ich die schnellste Amateurin an der WM gewesen bin», sagt Reusser.

Die 27-Jährige ist die Älteste und einzige Schweizerin im Team, dem eine Irin sowie je eine junge Fahrerin aus Trinidad und Tobago, Paraguay, Äthiopien, Eritrea, Weissrussland und Argentinien angehören. «Wir verstehen uns gut. Da sich jede noch entwickeln muss, haben wir keine bestimmte Leaderin. Wir müssen nicht eine Siegfahrerin unterstützen, sondern können unsere eigene Chance wahrnehmen.»

Ökologisches Gewissen

Die erstmalige Aufnahme in ein Team hat für Reusser weitreichende Folgen. Sie musste ihre Tätigkeit als Ärztin einstellen. Zuvor hatte sie im Regionalspital Emmental in Langnau mit einem 50-Prozent-Pensum sowie noch kurze Zeit in einer Arztpraxis gearbeitet. Den Sport betrieb sie in der Freizeit. Das hat Reusser indes nicht daran gehindert, 2017 in ihrer ersten Saison gleich Schweizer Meisterin im Zeitfahren zu werden. Ein verhängnisvoller Sturz im April 2018 mit einem komplizierten Beckenbruch bremste den Aufschwung.

Rund vier Monate später resultierte an der WM in Innsbruck trotzdem der 17. Rang. Und nun geht sie mit dem WCC-Team der UCI an den Start. Vor einem Monat belegte sie an der Rundfahrt in Thailand den fünften Gesamtrang. Freudensprünge machte Reusser deswegen jedoch keine. «Für ein Dreitagesrennen nach Thailand zu fliegen, ist absurd. Für die Hinreise benötigten wir 30, für die Rückreise 28 Stunden. Aus ökologischer Sicht ist das ein völliger Unsinn und für Körper und Geist eine Tortur», sagt die frühere Kantonalpräsidentin der Jungen Grünen und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Immerhin brachte ihr der sportlich erfolgreiche Abstecher in Asien wertvolle UCI-Punkte ein. Und solche braucht sie, will sie ihren Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio realisieren. Da eine Rangierung in den ersten 20 der Nationenwertung nicht absehbar ist, bleibt ihr die Qualifikation über das Einzelranking. Noch fehlen ihr ein paar gute Resultate, um in die Top 100 vorzustossen. Nach dem Sieg vor einer Woche am nationalen Zeitfahren in Thun belegt sie den 110.

Platz. «Dass ich noch zehn Plätze gutmache, scheint mir durchaus realistisch. Aber eines ist klar: Ich darf nicht wieder stürzen und mich verletzen.» Weil der früheren Läuferin und passionierten Geigenspielerin auf dem Rad als Quereinsteigerin die Grundtechniken fehlen, fühlt sie sich bei einem Strassenrennen im Feld der Fahrerinnen weiterhin unsicher.

Ihr Potenzial ist deshalb noch nicht ausgeschöpft. Davon ist auch Trainer Marcello Albasini überzeugt. Zuletzt hat sie auf dem Velo eine aerodynamischere Position gefunden. «Die Krux daran ist, dass ich jetzt keine Watt mehr auf die Pedale bringe.» Angesichts ihres Auftritts im Berner Oberland, wo sie mit mehr als einer Minute Vorsprung triumphiert hatte, tönt das nach einer masslosen Übertreibung. Doch der Hunger nach weiteren und schnellen Leistungssprüngen ist bei der Vegetarierin, die nichts von Protein- und Superfood hält, sondern sich regional und saisonal ernährt, ungebrochen.

Zurück ins Elternhaus

Finanziell hat sich der Wechsel ins Profilager bisher nicht ausbezahlt. Vom Team wird Reusser nur ein Taschengeld erhalten: «Zu Beginn war die Ansage: Es gibt nichts. Die aktuelle Diskussion dreht sich darum, ob ich 1000 oder 2000 Franken für das ganze Jahr kriege.» Klar ist für die im Herbst 28 Jahre alt werdende Bernerin: «Ich lebe vom ersparten Geld, das ich als Ärztin verdient habe.» Nächstes Jahr erhofft sie sich Unterstützung der Schweizer Sporthilfe.

Um die Kosten zu senken, ist sie Anfang Mai von Gümligen zurück ins Elternhaus nach Hindelbank gezogen. Zwar bezog sie auch im Trainingszentrum in Aigle ein Zimmer. «Aber für den dortigen Internatsbetrieb bin ich wohl schon etwas zu alt. Ich trainiere lieber zu Hause.» Oft ist sie indes nicht dort. «Wir sind eigentlich ständig unterwegs. Das bin ich nicht gewohnt und empfinde ich als grenzwertig und äusserst anstrengend. Ich muss unbedingt lernen, mich im Bus, während des Flugs oder im Hotel abzugrenzen, um etwas zur Ruhe zu kommen.»

Bis am Sonntag bestritt die Emmentalerin eine Rundfahrt in Luxemburg. Im Prolog resultierte trotz defekter Gangschaltung Rang 4, in der ersten Etappe dann Rang 10. Am Schlusstag aber stürzte sie. Eine MRI-Untersuchung ergab zumindest, dass nichts gebrochen ist. Reusser kam mit Kopf- und Nackenschmerzen davon. Immerhin brachten sie ein paar Punkte wieder näher an Tokio. Nach Japan hat Reusser bereits die Sommerspiele 2024 in Paris im Blickfeld. Aus ihrem Fernziel macht sie kein Geheimnis: Olympiagold im Zeitfahren. Bis dahin möchte sie nicht mehr in Operationssälen anzutreffen sein – nicht als Ärztin und schon gar nicht als Patientin.

Berner Zeitung

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