Wacker: Feinkost nach bewährtem Rezept

Handball

Wacker Thun bestätigt sich als Gigant in grossen Partien und gewinnt im sechsten Cupfinal seit 2002 zum sechsten Mal. 30:25 schlägt Martin Rubins Team die Kadetten Schaffhausen nach Verlängerung.

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Eine lange Nacht beginnt, eine lange Karriere endet. Roman Caspar hat mal wieder eine Medaille um seinen Hals hängen, es ist die sechste in seiner Laufbahn. Er strahlt und sagt: «Das war meine dritte Derniere.»

Im Frühsommer hatte der damalige Captain aufgehört, im Herbst kehrte er im Zuge etlicher Ausfälle zurück, und als Wacker im Winter unverändert die Absenz etlicher Akteure beklagte, liess sich der 32-Jährige erneut zu einem Comeback überreden.

Und wann immer der Rückraumspieler seine Karriere für beendet erklärt, hat er Grund zum Jubeln. Im Mai war er zum zweiten Mal Meister geworden, im Dezember leistete er seinen Beitrag zum Einzug in den Cupfinal, und nun stemmt er zum vierten Mal den Schweizer Pokal.

«Ich werde noch einmal ins Training gehen und mich bei den Teamkollegen dafür bedanken, dass sie mir ermöglicht haben, diesen Titel zu gewinnen.» Caspar hatte vor dem Elternhaus in Zollikofen erstmals einen Ball in den Händen gehalten, in Gümligen zieht er den Schlussstrich.

Dass der langjährige Eckpfeiler mit von der Partie ist, passt ganz gut zu dem, was in der mit 2321 Zuschauern ausverkauften Mobiliar-Arena geschieht. Die Berner Oberländer tun, was sie in den letzten Saisons so oft getan haben: Sie gewinnen eine grosse Partie. Und zwar mit den bekannten Mitteln.

«Wir deckten sehr gut, konnten auf starke Torhüter zählen, und wir griffen mit hohem Tempo an», sagt Martin Rubin. Zum sechsten Mal coachte der 54-Jährige Wacker zu einem Titel nach den Cupsiegen 2012, 2013 und 2017 sowie den Meisterschaften 2013 und 2018.

Die erwartete Überraschung

Der jüngste Triumph überrascht auf den ersten Blick. Die Thuner beendeten erst gerade eine Niederlagenserie, fünf Partien hatten sie verloren, vier davon zu Hause. Wenns zählt, sind die Oberländer aber da. Das ist seit geraumer Zeit so. Rubin sagt, seine Spieler hätten sich am Mittwoch durch den Auswärtssieg gegen Suhr das Selbstvertrauen wiedergeholt. «Das war zentral.»

In der wohl wichtigsten Begegnung des Jahres zeigt Wacker die beste Saisonleistung. Zur Pause beträgt der Vorsprung zwei Treffer, und als sich die Thuner Mitte der zweiten Hälfte mit einem Dreitorerückstand konfrontiert sehen, bewahren sie kühlen Kopf. Sie verkürzen, gleichen aus und haben in der Schlussphase der regulären Spielzeit Vorteile – auch dank Flavio Wick, dem Keeper, der den im ersten Umgang überzeugenden Marc Winkler ersetzte und gross aufspielt.

Acht Paraden gelingen dem Hünen innert kurzer Zeit. Wick repräsentiert die Ausgabe 2018/19 von Wacker Thun formidabel. Das Mitglied der Landesauswahl spielte bis zu dieser Partie keine besonders gute Saison. Aber nun, da es zählt, ist der Student zur Stelle. Der 23-Jährige ist der Matchwinner – und nach der Partie ein begehrter Interviewpartner.

Wer auch immer gerade irgendein Medium vertritt, will was von dem Kerl, der den vermeintlichen Aussenseiter zu einem weiteren Titel hexte. «Es zeichnet diesen Club aus, dass er Finals nicht bloss bestreitet, sondern auch gewinnt», sagt er. Und der Aargauer demonstriert Liebe zur Wahlheimat: «Die Region Berner Oberland verdient diesen Titel.» Wenig überraschend ist die Mobiliar-Arena in Thuner Hand.

30:25 nach Verlängerung schlägt Rubins Mannschaft die Kadetten aus Schaffhausen, ihren Erzrivalen, mit dem sie sich in der Vergangenheit auf und mitunter gar neben dem Feld so sehr zoffte. Intensiv geführt waren die Duelle stets, teils gar ein bisschen böse – Spreitenbach versus Dietikon für Fortgeschrittene quasi. Die jüngste Ausgabe des Klassikers ist hochklassig und superspannend – aber zu keiner Zeit unfair.

Schaffhausen tut sich ohne den verletzten Weltklasseregisseur Gabor Csaszar schwer; Ivan Stevanovic, der beste Keeper der WM im Januar, kommt nicht auf Touren, wird früh ausgewechselt. Dennoch schaffen es die Kadetten in die Verlängerung, wo sie deutlich das Nachsehen haben.

Wacker vereint an diesem Tag viele Helden. Wick und Winkler, Aufbauer Nicolas Raemy, der bestätigt, einer der besten Individualisten hierzulande zu sein, die Flügelakteure Luca Linder und Jonas Dähler, die auf grosser Bühne abermals mit hoher Effizienz glänzen, Abwehrchef Stefan Huwyler und Ivan Wyttenbach, der sieben von acht Penaltys verwertet, was einer überragenden Trefferquote von 87 Prozent entspricht.

Und da wär ja noch Caspar, der Rückkehrer, der zurücktritt. Doch vielleicht gibts in seinem Fall Ende Mai ja eine vierte Derniere. Nach einem weiteren Titel natürlich.

Thuner Tagblatt

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