Mit Harz und Herz

Rotweiss und Wacker Thun kämpfen am Sonntag in Gümligen um den Cupsieg. Ausgesprochen viele Menschen werden sie vor Ort unterstützen. Das hat nicht bloss mit den kurzen Anfahrtswegen zu tun.

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Es ist ein bemerkenswerter Satz. Und er stammt von jemandem, dem man ihn nicht zuordnen würde. «Wacker ist ein Flaggschiff, hier vielleicht tiefer verwurzelt, als es der FC Thun ist», sagt ... Markus Lüthi, der Präsident des FC Thun.

Willkommen in Thun, der Stadt der Alpen. Und der Stadt des Handballs.

Die Sportart und deren Exponenten mögen mancherorts Randerscheinung sein, bloss jene Leute ansprechen, die sich in der Szene bewegen. In der elftgrössten Gemeinde des Landes ist Handball Kult, etwas, womit sich weite Teile der Bevölkerung identifizieren. Als Wacker Mitte Mai letzten Jahres in Winterthur Meister wurde, geschah dies unter anderem vor rund 600 Anhängern, die in zig Bussen angereist waren.

Es gab eine Wacker-Beiz, es gibt einen Wacker-Song und eine Wacker-Wurst, einen Fanclub mit eigenem Webauftritt und mit Wacker TV ein Produktionsteam, dessen Mitglieder aus eigener Tasche einen sechsstelligen Betrag investiert haben, einen Übertragungswagen sowie mehrere Kameras besitzen, Aufnahmen machen, auf die mitunter das Schweizer Fernsehen zurückgreift.

Die Mannschaft des einstigen Bundesligaprofis Martin Rubin wies in den letzten Saisons meist die höchsten Zuschauerzahlen aus; selbst Testspiele locken Hunderte von Besuchern an. Das «Thuner Tagblatt» kürte den Coach zum «Kopf des Jahres 2018», und als Wacker kürzlich zum vierten Mal in Folge ein Heimspiel verlor, war dies der Aufmacher auf der Frontseite. FC-Präsident Lüthi erkundigte sich fast schon besorgt: «Was ist los mit Wacker?» Es ist die wohl meistgestellte Frage in Thun dieser Tage.

Die Hochburg

Firmen werben mit dem Konterfei der Akteure. Sponsoren haben am Sitz Fahnen des Clubs hängen. Mit Schwingerkönig Matthias Glarner bekennt sich einer der beliebtesten Berner Oberländer zu Wacker. Mit Raphael Lanz ist der Stadtpräsident ein früherer Handballer. Und mit der langjährigen Nationalrätin Ursula Haller präsidiert die vielleicht bekannteste Thunerin Rotweiss, einen in der Nationalliga A der Frauen auf Rang 3 klassierten Verein, der wie Wacker im Cupfinal steht und am Sonntag um den Titel kämpfen wird – in der ausverkauften Mobiliar-Arena in Gümligen, vermutlich vor sehr vielen Oberländerinnen und Oberländern. Die Sportart mit dem hohen Harzverschleiss: Sie ist in der Kyburgstadt für viele eine Herzensangelegenheit.

Familiensache

Es ist Donnerstagnachmittag, Rotweiss-Spielmacherin Kira Zumstein und Wacker-Spielmacher Ivan Wyttenbach sitzen in einem Café am Mühleplatz, dem Ort, an dem sich in Thun unter anderen die Handballer treffen. Die Hünibacherin und der Spiezer mögen sich, sie tauschen sich oft aus. Thuner Handballer hielten zusammen, versichert die 19-Jährige, sie seien eine grosse Familie. Und der 24-Jährige erzählt, es fühle sich gut an, in einer Stadt zu spielen, in der sich die Leute für Handball interessierten.

«Es macht mehr Spass, in einer vollen Halle aufzulaufen, als sich in einer Arena mit leeren Rängen wiederzufinden.» Als Wacker-Akteur werde man im Alltag immer wieder mal angesprochen, «das freut einen natürlich; es beweist, dass die Menschen verfolgen, was die Mannschaft macht». Zumstein sagt, als Handballerin werde man nicht oft erkannt, das Interesse an den Partien der Frauen habe zuletzt aber zugenommen.

Die Aufbauerin ist die Tochter von Ex-Nationalspieler Matthias Zumstein und damit wie ihr Kollege Kind eines einstigen Handballers. Sie sei nie dazu gedrängt worden, mit dieser Sportart anzufangen, sagt die Studentin, die am Montag erstmals in die Landesauswahl einrücken wird. Wie Wyttenbach war sie zunächst von Fussball angetan.

Das Publikum der beiden Clubs setzt sich weitestgehend aus Thunern zusammen; der Stellenwert der Sportart ist in anderen Teilen des Berner Oberlands vergleichsweise niedrig. Handball sei in Bezug auf das Interesse der Leute so was wie eine natürliche Grenze gesetzt, sagt Wyttenbach, der Wackers Topskorer und Penaltyschütze ist. «Man versteht das Spiel nicht gleich – man muss sich erst mit den Regeln und den Eigenheiten vertraut machen, damit man so richtig Gefallen daran findet.»

Zumindest in Thun ist dies längst geschehen.

Berner Zeitung

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