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Zwischen Ablöscher und Aargauerstalden

In Bern werden bei der heutigen Tour-de-France-Etappe fast alle Augen auf Fabian Cancellara gerichtet sein. Der Einheimische ist zuletzt nicht durch Spitzenleistungen aufgefallen, heute aber keineswegs chancenlos.

Fabian Cancellara unterhält sich mit einem Sportlichen Leiter.
Fabian Cancellara unterhält sich mit einem Sportlichen Leiter.
Keystone

Die Fragen sind seit Monaten die gleichen, die Antworten ebenfalls. Immer wieder hat Fabian Cancellara betont, er freue sich auf das Berner Gastspiel der Tour de France.

Immer wieder hat er den «speziellen Tag» erwähnt, immer wieder hat er seine Aussichten relativiert. «Weil mittlerweile jeder weiss, dass ich in dieser Stadt lebe. Weil die Erwartungen sowieso da sind und ich sie nicht noch zusätzlich schüren muss.»

Nun steht der spezielle Tag bevor, und der Ittiger wird von britischen Journalisten in Beschlag genommen. Höflich, wie es sich für einen Gastgeber gehört, spricht er über die Schweizer Sportkultur («Wir zeigen etwas weniger Emotionen als andere»), die Tour de France in Bern («Die Tour ist grösser, als es die Schweiz gewohnt ist») und seine Streckenkenntnisse («Ich könnte die letzten Kilometer blind abfahren»).

Das richtige Leben

Gänzlich anders klingt es bei Unterhaltungen mit vertrauten Gesichtern. Cancellara verhehlt nicht, wie ambivalent es um seine Gemütsverfassung bestellt ist. Das Attentat von Nizza geistert in seinem Kopf herum, das Chaos in der Mont-Ventoux-Etappe vom letzten Donnerstag ebenso.

Er spricht über das Zeitfahren vom Freitag, in dem es ihm «abgelöscht» habe, als er den schwer gestürzten Teamkollegen Edward Theuns am Strassenrand habe liegen sehen. Worauf er von Tom Dumoulin auf 37 Kilometern gleich um 3:15 Minuten distanziert wurde.

Der Berner ist stets ein Spitzensportler gewesen, welcher «das richtige Leben», wie er es nennt, nahe an sich herangelassen hat. Rasch wird klar, dass es ihm momentan nicht gelingt, zwischen dem Athleten Cancellara und dem Menschen Cancellara einen Strich zu ziehen.

Er kritisiert die Veranstalter der Frankreich-Rundfahrt – zuweilen vehement und nicht selten zu Recht. Verbraucht dabei mehr Energie, als man auf Nebenschauplätzen verbrauchen sollte. Wohl auch, weil es sich für ihn phasenweise nicht mehr um einen Nebenschauplatz handelt.

Die letzten Anstiege

Cancellara hat in dieser Saison verschiedentlich den Eindruck erweckt, nicht mehr hundertprozentig bei der Sache zu sein, sich gedanklich primär mit der Zeit nach dem Rücktritt auseinanderzusetzen.

Es wäre dennoch vermessen, ihn darob abzuschreiben. Hat er doch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro zu seinem letzten Höhepunkt erkoren, im Zeitfahren scheint ein Medaillengewinn möglich zu sein. Der Körper dürfte sich sehr wohl in einer Verfassung befinden, die einen Tour-Etappengewinn zulässt.

Der Kopf möchte es sowieso allen zeigen, insbesondere den Berner Organisatoren, die ihn bei der Planung nicht einbezogen. Was ihm ebenso missfällt wie der Fakt, wonach die Tour de Suisse links liegen gelassen wurde, als YB-Besitzer und Radsportförderer Andy Rihs den Kontakt zu den Franzosen ermöglichte.

Gegenüber eingangs erwähnten Briten schwärmt er von Bern, spricht über die letzten Anstiege und sagt, es werde «eine Riesensache» geben. Die Rede ist von Nydegg- und Aargauerstalden; Cancellara beschreibt die letzten drei Kilometer als heikel. Erwähnt die Pflastersteine, die engen Kurven.

Sagt sinngemäss, es sei ein verhältnismässig grosser Vorteil, die Strecke zu kennen. Und klingt dabei nicht wie einer, der sich ausserstande fühlt, diesen Vorteil am speziellen Tag zu nutzen.

mjs

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