Russische Evolution mit Schweizer Lizenz

Reto Hollenstein fährt für Katjuscha-Alpecin, das einstige Skandalteam mit Schweizer Lizenz. Unter der Leitung eines Genfer Anwalts wurde die Equipe umgebaut. Angestrebt wird der Bruch mit der Vergangenheit, wenn auch nicht mit letzter Konsequenz.

Im Gegenwind: Reto Hollenstein (vorne) und seine Katjuscha-Teamkollegen sorgen für ein hohes Tempo.

Im Gegenwind: Reto Hollenstein (vorne) und seine Katjuscha-Teamkollegen sorgen für ein hohes Tempo.

(Bild: EQ Images)

Vertrauen erweckt der Begriff nicht. Ist von Katjuscha die Rede, führt der erste Gedanke in den Zweiten Weltkrieg respektive zum gleichnamigen sowjetischen Raketenwerfer.

Für Radsport­affine, welche die Szene kritisch beäugen, klingt Katjuscha in etwa wie Astana: nach suspekter Sportgruppe, nach dubiosen Figuren, nach russischem Staatsdoping. Tempi passati, pflegt Tony Martin sinngemäss zu sagen. Der Deutsche fährt seit dieser Saison für Katjuscha-Alpecin, das einzige Schweizer Profiteam.

Es handelt sich nicht um einen Verschreiber, das Ensemble ist mit helvetischer Lizenz unterwegs. Doch was genau ist an Ka­tjuscha schweizerisch? «Der Chef und ich», erwidert Reto Hollenstein vor dem Start zur vierten Tour-de-Suisse-Etappe in Bern. Der 31-jährige Thurgauer, 1,97 Meter gross, hat den Überblick.

Von ungefähr kommt der düstere Ruf nicht. 2009 von Igor ­Makarow gegründet, einem Oligarchen aus dem Dunstkreis ­Wladimir Putins, verzeichnete der Rennstall in den ersten vier Jahren drei EPO-Fälle.

Zudem wurde dem mittlerweile zurückgetretenen Russen Alexander Kolobnew die Einnahme eines Mittels nachgewiesen, welches zur Verschleierung unerlaubter Substanzen verwendet wird. Genug ist genug, dachten sich viele; Katjuscha drohte die Lizenz für die höchste Rennkategorie zu verlieren. In diesem Moment kam der Chef ins Spiel.

Minus acht Russen

Alexis Schoeb, ein auf Sportrecht spezialisierter Anwalt aus Genf, liess sich von den Russen einspannen und erstritt vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne Anfang 2013 die World-Tour-Lizenz.

2015 blieb der Italiener Luca Paolini wegen Kokainkonsums in einer Dopingkontrolle hängen, 2016 wurde dem Russen Eduard Worganow die Einnahme von Meldonium nachgewiesen; es handelt sich um jenes Herzmedikament, welches zur Sperre von Maria Scharapowa führte. Worauf das Team den Neustart propagierte – frei nach dem Motto «Go West».

2009 von Igor ­Makarow gegründet, einem Oligarchen aus dem Dunstkreis ­Wladimir Putins, verzeichnete der Rennstall in den ersten vier Jahren drei EPO-Fälle.

Schoeb, vom Retter zum CEO aufgestiegen, verlegte die Lizenz und den Sitz in die Schweiz. Der 39-Jährige holte den zuvor beim Giant-Team engagierten Shampoohersteller Alpecin aus Bielefeld als Titelsponsor an Bord.

Die Anzahl russischer Fahrer sank von dreizehn auf fünf, bei den zehn Zuzügen handelt es sich mit Ausnahme des Serben Robert Kiserlovski um westeuropäische Pedaleure. Zur Crew gehört unter anderen Torsten Schmidt; der Deutsche betreute an der WM 2011 in Kopenhagen das Schweizer Nationalteam um Fabian Cancellara.

Die medial wirksamste Massnahme jedoch sollte zweifels­ohne der Wechsel auf dem Teammanagerposten werden. Wja­tscheslaw Jekimow, welcher den Job seit 2012 innehatte, ist dreifacher Olympiasieger. Die letzte Goldmedaille wurde dem Russen 2012 überreicht, nachdem der ehemalige Phonak-Fahrer Tyler Hamilton, 2004 in Athen Sieger des Zeitfahrens, wegen Dopings mit diversen Mitteln aus der Rangliste gestrichen worden war.

Die medial wirksamste Massnahme jedoch sollte zweifels­ohne der Wechsel auf dem Teammanagerposten werden.

Jekimow gehörte bei US Postal und Discovery Channel zu den wichtigsten Helfern von Lance Armstrong. Er ist nie positiv getestet worden, aber ein prominenter Vertreter der wohl verseuchtesten Radsportgeneration in der Geschichte. Ersetzt wurde der 51-Jährige durch Jose Azevedo. Gewiss, Azevedo ist Portugiese, westlicher geht es in Europa nicht. Aber auch er war ein Armstrong-Domestike.

Interne Taschenkontrollen

Hollenstein kennt die dunkle Vergangenheit seiner Mannschaft, sieht sich öfter mit Zweifel von aussen konfrontiert. Er sagt, im Team herrsche eine Null­toleranzpolitik, und ergänzt, «wir Fahrer spüren das».

Er erwähnt interne Taschenkontrollen und hält fest, bei Nahrungsergänzungsmitteln seien längst nicht alle legalen, sondern nur intern genehmigte erlaubt. Tony Martin liess gegenüber einem deutschen Journalisten verlauten, er sei vom Wandel in der Equipe «felsenfest» überzeugt. Es sieht zumindest danach aus, als sei die Teamleitung bestrebt, Vertrauen zu schaffen.

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