Runder Tritt mit verlängertem Bein

Mountainbikerin Ramona Kupferschmied fährt wieder Rennen. Die Spiezerin tut das jetzt mit zwei gleich langen Beinen.

Ramona Kupferschmied fährt mit einem Marknagel im Bein.

Ramona Kupferschmied fährt mit einem Marknagel im Bein.

(Bild: Andreas Blatter)

Peter Berger@PeterBerger67

«Es sieht jetzt nicht mehr so komisch aus», beschreibt Ramona Kupferschmied ihr neues Fahrgefühl auf dem Mountainbike. Die 18-jährige Spiezerin sitzt seit diesem Jahr ruhiger auf dem Sattel, wippt nicht mehr ständig hin und her. «Der Tritt ist runder, ökonomischer, die Position deutlich besser geworden», sagt sie.

Der Grund liegt in einer nicht alltäglichen Operation. Im vergangenen Herbst liess sie sich ihr linkes Bein verlängern. Dieses war nach einem Unfall in der 4. Klasse nämlich weniger schnell gewachsen als das rechte und 3,5 Zentimeter kürzer. Mit einem eingesetzten Marknagel im­ ­Oberschenkel ist das linke Bein «gestreckt» worden.

Dreieinhalb Monate ging die Berner Ober­länderin danach an Krücken. Seit Januar sitzt sie wieder auf dem Mountainbike. «Verursacht durch den Marknagel, der im Knie eingeführt worden ist, verspüre ich unter extremer Belastung etwas Schmerzen im Knie. Dafür sind die Rückenbeschwerden verschwunden. Ich würde deshalb diese Operation jedem empfehlen.»

Obwohl die Spiezerin einen Trainingsrückstand aufweist, fährt sie besser als erwartet. «Ich bin sogar stärker als letztes Jahr, erreiche auf gleichen Strecken im Vergleich zu vorher bessere Rundenzeiten.» Für Kupferschmied bestätigt sich somit eine Erfahrung, die schon mancher Sportler gemacht hat: «Die Verletzungspause hat mir gutgetan. Ich konnte mich körperlich und mental ­erholen.»

Heim-WM 2018 als Ziel

Obwohl sie nun wieder voller Elan fährt, ist noch nicht alles einwandfrei. «Mein rechtes Bein fühlt sich immer noch stärker an.» Aber die Draufgängerin ­bezeichnet diese Saison sowieso als Übergangsjahr. Unverzüglich nach dem letzten Saisonrennen in Lugano will sie sich im Herbst den Marknagel aus dem Oberschenkel entfernen lassen und danach so richtig loslegen, um ihr grosses Ziel zu erreichen. Im September 2018 findet die Welt­meisterschaft auf der Lenzerheide statt. «Eine Heim-WM erlebt man nicht alle Tage», betont Kupferschmied.

Aber das ist Zukunftsmusik. Derzeit kämpft die junge Athletin darum, wieder ins Nationalkader von Swiss Cycling aufgenommen zu werden. Nach je zwei Jahren im U-17- und im U-19-Nationalteam hat sie die Aufnahme ins ­U-23-Kader nicht geschafft. «Ich wurde nicht einmal vorinformiert», sagt sie enttäuscht.

«Wir informieren bei Aufnahme in ein neues Kader niemanden vorgängig», hält Thomas Peter, Chef Leistungssport bei Swiss Cycling, fest. Für Kupferschmied handelt es sich in diesem Fall indes um einen Rauswurf und nicht um eine Neuaufnahme.

Nun ist sie vorerst ausschliesslich auf die Unterstützung ihres Wheeler Pro Team, dem noch drei andere junge Fahrer angehören, angewiesen. Die Equipe ist quasi ein Familienunternehmen. Mutter Cornelia hat von Vater Manfred das Amt des Teammanagers übernommen. Die viereinhalb Jahre ältere Schwester Jennifer, früher ebenfalls Mountainbikerin und eine gelernte Velomechanikerin, amtet als Teammechanikerin.

«Der Vater hilft mir zudem bei der Sponsoren­suche und ist Mädchen für alles», erklärt Kupferschmied lachend. Der Weg zurück an die Spitze ist für die Spiezerin hart. Sie braucht Topklassierungen und Punkte, um sich im UCI-Ranking entscheidend zu verbessern. Als ­U-23-Fahrerin muss sie meistens im Elite-Feld mit Profis wie Jolanda Neff antreten.

Sturz in Andermatt

Am Sonntag stürzte sie beim nationalen Rennen in Andermatt. Sie prallte mit dem Kopf auf einen Stein. «Ich wollte weiterfahren, die Sanitäter hielten mich jedoch davon ab», erzählt sie. Die Wunde über dem rechten Auge musste mit vier Stichen genäht werden. Aber unterkriegen lässt sich die angehende Kauffrau – sie schliesst die Sportlehre Mitte 2018 ab – deswegen nicht.

Am nächsten Sonntag startet sie in Andorra. Danach stehen mit den weiteren Weltcupevents auf der Lenzerheide und in Kanada nächste Highlights an. Stimmen die Resultate, ist auch eine Qualifikation für die EM Ende Juli möglich. An Zielen bis zur Ent­fernung des Marknagels mangelt es Ramona Kupferschmied jedenfalls nicht.

Berner Zeitung

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