Marcel Wyss ist frei im Mai

Die heute beginnende Tour de Romandie bestreitet Marcel Wyss wie gewohnt als Helfer von Mathias Frank; Ziel von IAM Cycling ist ein Spitzenplatz in der Gesamtwertung. Im Giro d’Italia hingegen wird der Berner ohne ­Captain unterwegs sein.

Marcel Wyss (links) will seinem Captain und Zimmerkollegen Mathias Frank in der Tour de Romandie zu einem Spitzenplatz verhelfen.

Marcel Wyss (links) will seinem Captain und Zimmerkollegen Mathias Frank in der Tour de Romandie zu einem Spitzenplatz verhelfen.

(Bild: Keystone)

Nirgendwo tritt Hierarchie im Hochleistungssport so deutlich zutage wie auf der Strasse. Wer als Helfer in die Pedale tritt, tut dies dort, wo sein Chef zu reüssieren gedenkt. Eigene Vorlieben sind nicht gefragt, werden deshalb auch selten geäussert. Im Fall des Emmentalers Marcel Wyss deckt sich das Rennprogramm seit zwei Jahren mehr oder weniger mit jenem von Mathias Frank. Die beiden sind 29-jährig, teilen sich das Hotelzimmer, verstehen sich ausgezeichnet.

In der laufenden ­Saison findet sich neben vielen Gemeinsamkeiten eine ins Auge stechende Abweichung: Frank bestreitet die Tour de France, Wyss nicht. Der Berner verweist auf den vergangenen Sommer, hält fest: «Mathias hat die Tour als Achter beendet, das Ziel erreicht.» Er hingegen habe den Kollegen in Frankreich nicht seinen Vorstellungen entsprechend unterstützen können.

Die fehlenden Muskeln

Wyss kennt die Ursache, sagt, im Juli flache seine Formkurve jeweils ab. Die Leitung von IAM Cycling entschied daher, ihn für den Giro d’Italia statt die Tour de France einzuplanen. Was sinnvoll sei – «mir liegt der Mai». 2015 verbrachte er wegen der Tour de France den halben Mai im Höhentrainingslager. Was weniger sinnvoll gewesen sei, «weil ich dann Rennen bestreiten sollte, wenn ich in Form bin».

In Italien priorisiert die einzige Schweizer Profisportgruppe die Sprint­ankünfte, setzt auf die Qualitäten von Matteo Pelucchi. Das Gesamtklassement ist kein Thema, weil die Equipe über keinen zweiten Rundfahrtenspezialisten mit dem Potenzial für Top-Ten-Plätze in dreiwöchigen Rennen verfügt. Für Leichtgewicht Wyss bringt dieser Fakt ungewohnte Freiheiten mit sich. In coupierten Etappen wird er die eigene Chance wahrnehmen können.

Vor ein paar Jahren hätte der Zollbrücker darob jubiliert, euphorisch vom Ziel Etappensieg gesprochen. Nun bleibt er gelassen, sagt, er wolle sich zeigen, ­gute Plätze herausfahren. Die Erklärung des Wandels ist physischer Natur; sie beruht auf einem gutartigen, aber aggressiven Tumor, welchen er sich in zwei komplexen Operationen entfernen lassen musste. Weil sich der Tumor unter den Rippen eingenistet hatte, wurden Bauchmuskeln durchtrennt und Rippen entfernt.

Wyss schaffte, was nicht einmal er selbst sich so richtig ­zugetraut hatte. Er kämpfte sich zurück, weist im Ausdauerbereich sogar bessere Werte aus als vor den Eingriffen. In hektischen Rennen mit vielen Rhythmuswechseln hingegen erreicht er sein früheres Leistungsvermögen wegen der fehlenden Körperteile nicht mehr. «Ich brauche in solchen Phasen mehr Energie als früher. In der Regel fehlt mir diese dann im Schlussaufstieg.»

Der fehlende Sponsor

In den nächsten sechs Tagen nimmt Wyss seine angestammte Rolle ein. Die heute mit dem Prolog in La Chaux-de-Fonds beginnende Tour de Romandie behagt ihm ebenso wie dem ähnlich proportionierten Frank; angestrebt wird ein Spitzenplatz in der Gesamtwertung. Ungewiss ist, ob das Gespann über die rollende Saison hinaus gemeinsam unterwegs sein wird. Michel Thétaz, Gründer und Chef von IAM Cy­cling, hat noch immer keinen Co-Sponsor gefunden. Bis zur Tour de Suisse von Mitte Juni dürfte der Besitzer der Vermögensverwaltungsfirma IAM bekannt geben, ob es sein Ensemble auch im Jahr 2017 geben wird.

Für den helvetischen Radsport käme ein Rückzug einem herben Rückschlag gleich. Dem Nachwuchs fehlte ein Sprungbrett, die Fortsetzung etlicher Profikarrieren wäre gefährdet. Etablierte Helfer gibt es in vielen Ländern; als Schweizer ist es nicht einfach, im Ausland einen Vertrag zu erhalten. Marcel Wyss ist sich der Problematik bewusst, bleibt jedoch auch in dieser Hinsicht gelassen. «Ich nehme es, wie es kommt. Das Leben geht in jedem Fall weiter.» Rasch wird klar: Das Erlebte hilft ihm, die Relationen zu wahren.

Berner Zeitung

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