Man spricht Englisch

Am Freitag beginnt die 100. Auflage des Giro d’Italia – erstmals ohne italienische World-Tour-Equipe. Von einer Krise sei nicht zu sprechen, ein Wandel jedoch ist ersichtlich.

Begehrter Söldner: Vincenzo Nibali scheiterte beim Versuch, ein ­italienisches Team aufzubauen. Nun tritt er für einen Scheich in die Pedale.

Begehrter Söldner: Vincenzo Nibali scheiterte beim Versuch, ein ­italienisches Team aufzubauen. Nun tritt er für einen Scheich in die Pedale.

(Bild: key)

Er hat alles versucht. Ist nicht den Weg des geringsten Widerstandes gegangen, obwohl er als einer der Besten seiner Zunft in keiner Weise unter Druck steht. Sogar den Pastagiganten Barilla habe er kontaktiert, hielt Vincenzo Nibali gegenüber der Fachplattform Tuttobici fest.

Im Bestreben, mit dem Support der italienischen Wirtschaft eine Spitzenmannschaft zu gründen, biss der Tour-de-France-Gewinner des Jahres 2014 auf rohe Spaghetti: Barilla liess sich nicht erweichen. Was gewiss auf der Dimension des Sponsorings beruht, muss doch im Minimum mit einem 15-Millionen-Jahresbudget kalkulieren, wer auf höchster Ebene halbwegs konkurrenzfähig sein will. Den Fussballer Thomas Müller und die Skikönigin Mikaela Shiffrin angelte sich das Unternehmen aus Parma auf dem Schnäppchenmarkt.

Kein Firmenchef habe den Mut gehabt, im nötigen Mass zu investieren, liess Nibali verlauten. Was zur Folge hat, dass die 100. Auflage des Giro d’Italia mit einer unerfreulichen Premiere aufwartet: Fällt am Freitag im sardischen Badeort Alghero der Startschuss, ist erstmals in der Geschichte der dreiwöchigen Landesrundfahrt kein erstklassiges italienisches Team präsent – es existiert schlicht keines mehr. Worauf sich die Frage aufdrängt, was in Italien, Heimat von Zweiradheroen wie Gino Bartali und Fausto Coppi, schiefgelaufen ist.

Eine mögliche Antwort liegt auf der Hand: Rennfahrer mit der Ausstrahlung von Bartali und Coppi gibt es keine mehr, wird es in der multimedialen Hightechwelt wohl auch nie mehr geben. Der Letzte dieser Art war Marco Pantani, der kleine Pirat aus Cesenatico, welcher im sechsten Gang die Passtrassen hinaufflog. 1999 wegen erhöhten Hämatokritwerts aus dem Giro verbannt wurde. Ob dieser Sanktion begann, Kokain zu konsumieren, sich mit Antidepressiva vollstopfte, als 34-Jähriger an einer Überdosis verstarb.

Die Anzahl der Profis

David Loosli kennt den italienischen Radsport bestens. Ehe der Berner 2012 die Streckenplanung der Tour de Suisse übernahm, hatte er sieben Jahre lang für die World-Tour-Equipe Lampre in die Pedale getreten. Von einer Krise will der 37-Jährige nicht sprechen. Er verweist auf den Kaffeeproduzenten Segafredo, der beim US-Team Trek als ­Co-Sponsor eingestiegen ist.

Er spricht über den kasachischen Astana-Rennstall, dessen Innenleben italienisch sei; er erwähnt die vielen Italiener im Staff von BMC. Er sagt, in den World-Tour-Mannschaften fänden sich generell noch viele italienische Fahrer und Betreuer. Die Statistik gibt ihm recht: 61 italienische Radprofis sind auf höchster Stufe registriert – mehr hat keine Nation vorzuweisen. Aber Loosli hält auch fest, die Szene habe sich verändert. Und: «Mittelfristig brauchen die Italiener wieder ein World-Tour-Team, wenn sie ihren Status halten wollen.»

Die Rolle der Industrie

Der Wandel ist mit der wachsenden Bedeutung der Ausrüster verbunden. Renommierte Velomarken aus dem anglofonen Raum wie Trek, Cannondale und Specialized investieren tendenziell mehr Geld als früher, weil es nicht nur in Italien schwieriger geworden ist, konventionelle Sponsoren zu akquirieren, und sie ihre grösste Plattform nicht verlieren wollen. Die bekannten italienischen Hersteller wie Pinarello und Bianchi bleiben offenbar lieber im Hintergrund.

Loosli, als Sportlicher Direktor der helvetischen Landesrundfahrt noch immer mit vielen Profis in Kontakt stehend, betrachtet die Sprache als Spiegel der Entwicklung. Zu seiner Zeit habe man sich im Feld auf Italienisch, Französisch oder Spanisch unterhalten, heute hingegen werde vornehmlich Englisch gesprochen. Relativ neue Teams wie die Briten von Sky, die Australier von Orica sowie die Amerikaner von Cannondale und Trek wirkten als Beschleuniger. D

er Berner könnte in diesem Kontext auch die ganz neuen Teams erwähnen, beispielsweise Bahrain Merida, Nibalis neuen Arbeitgeber. Der Hoffnungsträger der Italiener pedalt nun für einen umstrittenen Scheich. Ziel ist der Gesamtsieg im Giro d’Italia; es gilt, den starken Kolumbianer Nairo Quintana hinter sich zu lassen. Nibali wird alles versuchen, nicht den Weg des geringsten ­Widerstands gehen. Er steht unter Druck.

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