«Im Strassenradsport ist Bern ein Sorgenkind»

Der Berner Oberländer Thomas Peter, Leistungssportchef von Swiss Cycling, spricht über Wettkampf, Trend und Lifestyle. Erfreulich sei die Entwicklung in der Sparte BMX, hält der 38-Jährige fest.

Im Kanton Bern ist die Anzahl der lizenzierten Radsportler um knapp 20 Prozent tiefer als vor zehn Jahren. Ist Bern ein Sonderfall oder der Regelfall?Thomas Peter: Das muss man differenziert betrachten. Die Anzahl der Lizenzierten ist landesweit zurückgegangen, das hat mit dem Zeitgeist zu tun. Ich kenne Vereine mit 30 bis 40 Mountainbikern, von denen kein einziger eine Lizenz hat. Sie trainieren gemeinsam, drehen Videoclips, fahren aber keine Rennen.

Eklatant ist der Rückgang auf der Strasse. Handelt es sich hierbei um einen Sonderfall?Im Strassenradsport ist Bern ein Sorgenkind. Nun tut sich nach längerer Flaute aber wieder etwas, bei den 18-, 19-Jährigen gibt es kleine Gruppen mit talentierten Athleten.

Im Kanton Bern lizenzierte Radsportler:

Wo liegt das Problem?Bei der Anzahl der Vereine, die sich um die Nachwuchsförderung kümmern. Der RSC Aaretal-Münsingen ist sehr bemüht, der RV Ersigen ebenso. In Spiez haben wir eine aktive Zelle für die Biker. Sonst tut sich in den medial wirksamen Disziplinen wenig.

Dafür ist die Anzahl lizenzierter BMX-Fahrer im letzten Jahrzehnt von 16 auf 53 gestiegen...... im BMX-Club Blumenstein gibts gar Wartelisten. Die Entwicklung ist erfreulich, BMX ein sehr guter Einstieg in den Radsport.

... wobei vom Mountainbike das Gleiche gesagt wird.Das ist richtig, die beiden Disziplinen ergänzen sich ausgezeichnet. Mountainbiker sind Ausdauerathleten, beim BMX entscheidet die Schnellkraft.

Welche Sparte ist technisch ­anspruchsvoller?Wer ein BMX-Rad beherrscht, kann mit jedem Velo fahren. Die Kombination aus hervorragender Technik und erstklassiger Schnellkraft ist perfekt für den Bahnsprint; viele unter den weltbesten Bahnsprintern haben eine BMX-Vergangenheit.

In der Schweiz gibt es aber ­weder auf der Strasse noch auf der Bahn kompetitive Sprinter...... weil die Schweiz keine Sprinternation ist. Der Durchschnittsschweizer stolziert nicht mit breiter Brust durchs Land. Das Verhalten, welches man bei den weltbesten Sprintern in der Leichtathletik gut beobachten kann, ist ihm fremd. Wir Schweizer sind rein vom Naturell her eher die Ausdauertypen. Trotzdem haben wir beim BMX junge Athleten, die in ihrer Alterskategorie zur Weltklasse gehören.

Theoretisch liegt es nahe, einem Teil der BMX-Einsteiger den Umstieg auf die Strasse schmackhaft zu machen. Aber wäre das überhaupt sinnvoll, wenn die körperlichen Anforderungen der Disziplinen derart unterschiedlich sind?Das ist sehr wohl sinnvoll, insbesondere bei jenen Fahrern, die im BMX nicht ganz vorne dabei sind. Es handelt sich womöglich um Athleten, die ein bisschen weniger schnellkräftig, dafür vielleicht etwas ausdauernder sind als ihre Kollegen. Und technisch haben sie ein hohes Basisniveau. Das Problem ist, dass wir früh handeln müssen.

Wie meinen Sie das?BMX-Fahrer sind wie Kunstturner, die sind früh im besten Alter. Wenn einer mit 18 nicht vorne ­dabei ist, wird er vermutlich nie mehr vorne dabei sein und sein Velo vielleicht enttäuscht in eine Ecke stellen. Oder anders formuliert: Wir müssen schauen, dass wir die Jungen vor dem 18. Geburtstag von einem Wechsel überzeugen können, sonst droht uns eine hohe Drop-out-Quote.

Worin besteht diesbezüglich die Schwierigkeit?BMX hat mit Lifestyle zu tun, der Sport gilt als cool. Die Bahn hingegen hat ein tendenziell gegenteiliges Image – zu Unrecht, wie wir in Grenchen täglich sehen. Auch unsere jungen Bahnfahrer tragen nach dem Training eine Deckelmütze.

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