Halbe Portion aus dem Dorf des Doppel-Olympiasiegers

Bahn-Weltmeister Marc Hirschi ist der grösste Berner Radsport-Hoffnungsträger. Das Beispiel des 18-jährigen Ittigers offenbart, dass es im Kanton immer noch Wege gibt, die an die Spitze führen können.

2017: Marc Hirschi steht in Ittigen auf der Cancellara-Brücke.

2017: Marc Hirschi steht in Ittigen auf der Cancellara-Brücke.

(Bild: Andreas Blatter)

Im Fall von Marc Hirschi sind sich die Experten einig. «Er wird Profi, ganz sicher», sagt der Berner Ex-Profi Marcel Wyss. «Ihm traue ich sehr viel zu», meint der Berner Ex-Profi Sven Montgomery.

Der Gelobte ist 18-jährig, ein offener, locker wirkender Teenager, dessen Gedanken über den Tellerrand hinausreichen. Er stieg im Hinblick auf die laufende Saison von der Junioren- in die U-23-Kategorie auf, wurde sogleich im Nachwuchsteam des BMC-Rennstalls aufgenommen; das Tempo seiner Entwicklung lässt sich mit jenem des grössten Schweizer Hoffnungsträgers Stefan Küng vergleichen.

Das sportlich wertvollste Resultat hat er wie Küng auf der Bahn realisiert, vergangenen Sommer gewann er an der U-19-WM in Aigle gemeinsam mit dem gleichaltrigen Reto Müller Gold in der Disziplin Madison. Zu Hause ist Hirschi in Ittigen, was dazu führt, dass er sich immer wieder mit den gleichen Fragen konfrontiert sieht.

Der Vater als Wegweiser

Ein «mega grosses Vorbild» sei Fabian Cancellara, «eine riesige Inspiration», erwidert Hirschi, sogleich ergänzend, es habe noch nicht viele Begegnungen gegeben. «Wir haben uns bei Sportlerehrungen getroffen.» Und: Zum Radsport gekommen sei er nicht, weil er Cancellara am Fernsehen gesehen habe, sondern wegen seines Vaters, auf einem Mountainbike. Als Mitglied des Radrennclubs Bern war dieser mit den Strukturen der Szene vertraut. «Hätte er nicht gewusst, dass es den Kids-Bike-Cup gibt, wäre ich kaum diesen Weg gegangen.»

Letzterer führte Hirschi vom RRC Bern ins Schülerteam der damaligen Elitemannschaft Maca Loca. «Wir waren eine Gruppe von 14-Jährigen, und es war motivierend, nicht allein fahren zu müssen.» In der Equipe lernte er seinen heutigen Trainingskollegen Joab Schneiter kennen, auch bei ihm handelt es sich um einen Ittiger. «Wir wohnen 500 Meter voneinander entfernt, hatten aber nichts von­einander gewusst.»

Hirschi bezeichnet Pierino Rossi, einst Präsident des Cancellara-Vereins CIO Ostermundigen, und Ueli Kohler als wichtigste Förderer. «Ohne die beiden wäre ich nie so weit gekommen.»

«Ich glaube nicht, dass ich konkurrenzfähig wäre, wenn ich in einem handwerklichen Beruf täglich acht Stunden arbeiten würde.»Marc Hirschi

Aus Maca Loca wurde das Team Roth mit Kohler als Sportlichem Leiter, Hirschi blieb einer der Besten. Er entgegnet auf die entsprechende Frage, «me mues chli chönne biisse», aber es sei in Bern schon möglich, als Rennfahrer vorwärtszukommen. Hirschi sagt, er sei nicht der Einzige bei den U-23ern, und erwähnt seinen Kollegen Schneiter, den Oberaargauer Gino Mäder, den Seeländer Niels Knipp sowie den Oberländer Joel Suter.

Elementar sei die Kombination von Ausbildung und Sport, stellt er klar. Er absolviert bei der Armee eine Sport-KV-Lehre, wendet dafür etwa 32 Wochenstunden auf. Im internationalen Vergleich sei er trotz dieser «guten Lösung» im Nachteil. «Viele Gegner tun nichts anderes als Velo fahren. Ich glaube nicht, dass ich konkurrenzfähig wäre, wenn ich in einem handwerklichen Beruf täglich acht Stunden arbeiten würde.»

Die Prognose des Trainers

Derweil Küng in Hirschis Alter den Bahnsport priorisierte, setzt der Berner auf die Strasse. Daniel Gisiger, bei Swiss Cycling als Nationaltrainer für die aufstrebenden Bahn- und Strassenfahrer zuständig, stützt den Entscheid. Der Bieler spricht im Zusammenhang mit dem Ittiger lächelnd von einer halben Portion, was nicht etwa despektierlich gemeint ist. Küng misst bei einem Gewicht von 82 Kilogramm 1,93 Meter, Hirschi ist 20 Zentimeter kleiner und 25 Kilogramm leichter.

Gisiger attestiert dem Teenager einen «grossen Motor», meint, er habe das Potenzial zu einem guten Bergfahrer. Hirschi sagt, ihm würden «alle harten Rennen behagen, bei denen es am Schluss Punch braucht». Rennen wie die Flandern-Rundfahrt? «Ich habe es lieber coupierter», lässt er verlauten und verweist auf den Ardennen-Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich.

Unter Trainern und Funktionären wird der Aufstrebende hin und wieder als «Flying Hirschi» betitelt. Gewiss, das Après-Ski-Gemisch aus Jägermeister und Red Bull stand bei der Namens­gebung Pate. Hinter der Bezeichnung findet sich aber primär der Fakt, wonach Hirschi über die Strasse gleitet, als flöge er. Wie im Frühling an der Flandern-Rundfahrt in der U-23-Kategorie. Er nahm erstmals teil, trat gegen bis zu drei Jahre ältere Widersacher an und erreichte das Ziel als hervorragender Siebter. Obwohl er nicht das Gefühl hat, dass ihm das Profil des Rennens entgegenkommt.

Berner Zeitung

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