Gring abe u tschaupe

Die Berner Zeitfahrspezialistin Marlen Reusser vertritt Swiss Cycling an der Strassen-EM in Dänemark. Hinter dem rasanten Aufstieg der angehenden Ärztin findet sich ein ungewöhnlicher Umstieg.

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In gewisser Hinsicht erinnert die Entwicklung von Marlen Reusser an die letzte Fernsehshow von Rudi Carrell. Eben noch im angestammten Umfeld, jetzt auf der Showbühne – der vor elf Jahren verstorbene Holländer inszenierte in «Lass dich überraschen» die rasante Verwandlung. In Reussers Fall muss sie nicht inszeniert werden. Eben noch Vollblutpolitikerin, jetzt Spitzensportlerin – aus der Kantonalpräsidentin der jungen Grünen ist eine Radrennfahrerin geworden, die am Donnerstag an der Strassen-EM im dänischen Herning das Zeitfahren bestreiten wird.

«Fahre vorne oder am Rand»

Ganz so schnell wie damals bei Carrell ist es nicht gegangen, die Geschichte der Emmentalerin trotzdem erstaunlich. Ihr erstes Zeitfahren absolvierte die 25-Jährige Ende Mai; die Strecke führte von Langnau nach Zäziwil. Reusser reüssierte – auf einem herkömmlichen Rennvelo. Drei Wochen später, an der Schweizer Meisterschaft in Lüterkofen, kam es zur Premiere auf dem Zeitfahrrad. Reusser distanzierte die Zweitklassierte auf dem knapp 20 Kilometer langen Parcours um fast eine Minute.

Wiederum zwei Tage später, im Massenstartrennen, wurde sie von der erfahrenen Nicole Hanselmann auf der Zielgeraden überspurtet, nachdem sie die letzten 10 von 13 Runden an der Spitze gefahren war. «Nicole wollte gewinnen, ich wollte gesund ankommen, erwidert die Bernerin auf die Frage, warum sie sich permanent dem Wind ausgesetzt, dadurch sehr viel Kraft verpufft habe. Reusser spricht über ihre Probleme, sich im Feld aufzuhalten, sagt, «ich fahre vorne oder am Rand. Alles andere beherrsche ich leider nicht, daher wäre es zu gefährlich.» Massenstartrennen seien momentan Mittel zum Zweck, resümiert sie sinngemäss. Das Zeitfahren hingegen passe zu ihr. «Gring abe u tschaupe – das isch perfekt.»

«Es fliegt mir alles zu»

Dass sie hierbei ein geflügeltes Wort tangiert, weiss sie nur vom Hörensagen. Als Anita Weyermann anno 1997 in Athen WM-Bronze gewann, ging Marlen Reusser in Hindelbank in den Kindergarten. Zum Ausdauersport kam sie in der Schule, «wir wurden quasi zur Teilnahme am GP von Bern gezwungen». Im Vorfeld habe sie geflucht, danach frohlockt – «es hat derart Spass gemacht, dass ich mich einem Laufverein anschloss». Wobei das Glück von kurzer Dauer war. Eine Fehlbildung im Sprunggelenk verursachte heftige Schmerzen, die entsprechende Operation linderte diese nur bedingt.

Reusser trägt das Herz auf der Zunge, bezeichnet sich als «Wildsau» und hält fest, viele Sportarten ausprobiert, aber immer wieder orthopädische Probleme bekundet zu haben. «Seit sieben Monaten gibt es keine Einschränkungen, das war zuvor nie so lange am Stück der Fall.» Was damit zu tun haben dürfte, dass sie seit sieben Monaten einen Trainer hat – und erstmals nach Plan trainiert.

Bruno Guggisberg heisst der Mann, welcher ihr unentgeltlich zur Seite steht. Ausgerüstet wird sie von Velohändler Aldo Schaller, ebenfalls zum Nulltarif; im RV Ersigen hilft ihr Adrian Locher. «Diese drei und viele andere setzen sich unglaublich für mich ein – und ich weiss eigentlich gar nicht, warum.» Der Frauenradsport habe in der Schweiz keine Lobby, von Leistungsdichte könne nicht die Rede sein. «Ich habe den Eindruck, als hätten alle auf mich gewartet – es fliegt mir alles zu.» Reusser ist 1,80 Meter gross, von kräftiger Statur, durchaus mit Fabian Cancellara zu vergleichen. Von dem sie kein einziges Rennen gesehen hat, wie sie gesteht. «Ich habe sicher mal durchgezappt, mir aber nie bewusst ein Velorennen am Fernseher angeschaut.»

«Nun muss ich sogar fliegen»

Reusser ist weit davon entfernt, sich wegen der EM-Qualifikation als etwas Besonderes zu betrachten – im Gegenteil. Gelegentlich habe sie ein schlechtes Gewissen, weil sie zur Egoistin geworden sei, nichts mehr zum gesellschaftlichen Leben beitrage, hält sie fest. «Klar, ich werde Ärztin, aber das hat nichts mit Gutmenschentum zu tun.» Freunde und ihre Unigruppe vernachlässige sie wegen des Trainings, was ihr gar nicht recht sei. «Nun muss ich sogar fliegen – für ein Velorennen, das geht eigentlich gar nicht.» Die Politik ist Vergangenheit, die Gesinnung geblieben.

Nach der Rückkehr aus Dänemark legt Reusser die Prüfungen für das Staatsexamen ab. Ende September dürfte sie die Schweiz an der Strassen-WM in Norwegen vertreten, ab November als Assistenzärztin arbeiten. Und wenn alles wie geplant verläuft, wird sie im Sommer 2018 alternierend den weissen Kittel und das rot-grün-weisse Swiss-Cycling-Dress tragen. Eben noch in der Klinik, jetzt auf der Velobühne. Schöner hätte sich die Verwandlung auch Rudi Carrell nicht vorstellen können.

Berner Zeitung

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