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Der Typ, der hinter Sagan ins Ziel fuhr

Silvan Dillier gelingt bei Paris–Roubaix ein grosser Auftritt. Als Ersatzfahrer angetreten, fährt er 220 Kilometer voraus, kann als Einziger mit Weltmeister Peter Sagan mithalten.

Alleine mit dem Weltmeister: Der 27-jährige Aargauer Silvan Dillier (hinten) unterwegs zu seinem Exploit. Foto: Bernard Papon (Imago)
Alleine mit dem Weltmeister: Der 27-jährige Aargauer Silvan Dillier (hinten) unterwegs zu seinem Exploit. Foto: Bernard Papon (Imago)

Es ist ein kurzer Satz, der den Radrennfahrer Silvan Dillier einordnet. «Ich bin auch glücklich für den Typen, der mit mir bis zum Ziel fuhr», sagt Peter Sagan nach seinem Sieg im TV-Interview über den Schweizer, den er im Sprint auf den zweiten Platz verwiesen hat. Vielleicht ist ­Sagan der Name «des Typen» gerade entfallen. Wahrscheinlicher aber kennt er ihn schlicht nicht. Es sei ihm verziehen, ­Dillier gehört noch nicht zum Kreis der Grossen. Ihm glückt der Exploit des Tages, der auch jenen des Siegers übertrifft.

Dilliers Geschichte beginnt schon am 3. März – mit dem Ende seines Frühjahrs: Bei den Strade Bianche bricht bei einem Sturz der Mittelfinger. Doch bald schon sitzt der Aargauer wieder auf dem Velo, von einem Gips lässt er sich nicht vom Training abhalten. Doch die Frühjahrsklassiker mit ihren rüttelnden Pavés? Nein, die schminkt er sich wirklich ab, schaut voraus aufs Amstel Gold Race am kommenden Sonntag.

Vorletzten Freitag gibt er sein Comeback, an der Route d’Adélie de Vitré, als Sieger. Und realisiert: «So viel von meiner Form habe ich nicht verloren.» Gut fürs Gold Race, denkt er.

Dann verletzt sich bei der Flandernrundfahrt ein Teamkollege. Könnte ­Dillier ihn bei Paris–Roubaix ersetzen? Dillier ist an einem weiteren kleinen Rennen in Frankreich, sucht in der Umgebung Kopfsteinpflaster – um seinen Finger zu testen: Er tut nicht weh. Am Mittwoch besteht der Teamarzt auf eine Röntgenuntersuchung, am Donnerstag kriegt Dillier das Okay zum Start zum Rennen, über das er in der Vergangenheit die Nase ­gerümpft hat.

Bislang keine Roubaix-Liebe

Zweimal fuhr er es, bei der U-23 kam er nach drei Stürzen mit einer übel verstauchten Hand nach Zielschluss an. Bei den Profis riss es ihm schon vor Rennhälfte den Wechsler ab, nach Roubaix gelangte er im Besenwagen. Die Pechvogelrolle übernimmt dieses Mal Stefan Küng. Er stürzt bereits nach 100 Kilometern unglücklich aufs Kinn, muss aufgeben.

Am Start in Compiègne hat Dillier einen klaren Plan, auch wenn er die Streckenbesichtigung mit dem Team verpasst hat: Er will in die Fluchtgruppe. «Wenn ich in die Gruppe gehe, weiss ich, dass ich recht weit kommen kann», sagt er. Voriges Jahr gewann er so eine Etappe am Giro d’Italia.

Nach 40 Minuten versucht er es, vier-, fünfmal. «Jeder von uns musste richtig tief gehen, um wegzukommen. Das war einer der härtesten Momente im Rennen», sagt er. 220 Kilometer sind es noch bis ins Ziel. Die Gruppe lässt man ziehen, über 9 Minuten beträgt ihr Vorsprung zwischenzeitlich.

Der schmilzt rasch dahin, als hinten die grossen Teams beschleunigen. Aber eben nicht ganz. 51 Kilometer sind es noch, als Peter Sagan zu den verbliebenen drei Fahrern aus der Fluchtgruppe aufschliesst. «Er stellte Teufel und Engel zugleich dar», sagt Dillier. «Engel, weil wir es mit ihm bis ins Ziel schaffen konnten. Teufel, weil es im Direktduell sehr schwer würde, ihn zu besiegen.»

Auf den Pavésektoren drückt Sagan jeweils aufs Tempo, einzig Dillier bleibt dran. Hinter dem Duo fahren die anderen Favoriten, der Abstand pendelt bedrohlich zwischen einer Minute und 25 Sekunden. Deshalb ist Sagan froh, dass Dillier auch Ablösungen fährt.

«Kann nicht unzufrieden sein»

Bis zuletzt führt Dillier mit, auf Spielchen mag er sich nicht einlassen. «Wenn sie von hinten herankommen, werde ich vielleicht Fünfter oder Sechster. So hatte ich einen Podestplatz auf sicher», sagt er, fügt aber sogleich an: «Aber ich dachte bis zuletzt, der Sieg sei möglich.» Es bleibt dann ein Traum, auch Dillier staunt über die Beschleunigung, über die Sagan nach 257 Kilometern noch verfügt.

Er sagt: «Ein zweiter Platz hinter dem grössten Fahrer im Peloton – da kann ich nicht unzufrieden sein.» Mit Roubaix hat er sich nun versöhnt. Und sagt sich: «Ich hoffe, in Zukunft noch ein paar Mal die Möglichkeit zu haben, bei so einem Rennen um den Sieg mitzufahren.» Dann wird auch Sagan seinen Namen kennen.

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