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Dumoulin ist dick im Geschäft

Der Rummel um Tom Dumoulin ist in seiner Heimat riesig – an der Tour de Suisse bezahlt der 26-Jährige den Preis dafür. Durch den Triumph am Giro d’Italia hat sich im Leben des Olympiazweiten im Zeitfahren vieles geändert.

Philipp Rindlisbacher
Kraftvoller Tritt: Tom Dumoulin gehört zu den besten Zeitfahrern der Welt.
Kraftvoller Tritt: Tom Dumoulin gehört zu den besten Zeitfahrern der Welt.
Keystone

Selten hat ein Radfahrer so viele Spitznamen gehabt. Die einen nennen Tom Dumoulin den «Schmetterling von Maastricht», weil er unbekümmert von Erfolg zu Erfolg flattert. Andere bezeichnen ihn mit «il bello», der Schöne, weil er auch nach einer dreiwöchigen Rundfahrt bewundernswert frisch aussieht. Auch vom «fliegenden Holländer» wird gesprochen, wenn der 26-Jährige in Zeitfahren seine Konkurrenten deklassiert. Und eine Zeitung schrieb in Anlehnung an den ­niederländischen Navigationsgerätehersteller von «TomTom» – Dumoulin finde stets den schnellsten Weg ins Ziel.

Der Star in der Heimat

Einer der Schnellsten ist Tom Dumoulin an der Tour de Suisse allerdings nicht – wobei dies nach dem Triumph am Giro d’Italia Ende Mai und den rauschenden Feierlichkeiten auch nicht zwingend zu erwarten war. Am Dienstag, vor der Fahrt von Bern nach Villars-sur-Ollon, stehen rund ein Dutzend Journalisten und Fotografen vor dem Bus der Sunweb-Mannschaft.

Als Dumoulin aussteigt, winkt und lächelt er anständig, sagt aber nichts. Die Verantwortlichen haben ihm Ruhe verordnet. «Er konnte zuletzt nicht mal ungestört eine Wurst grillieren», meint Teamkollege Georg Preidler. In Dumoulins Heimat sei die Hölle los, sagt derweil der Deutsche Nikias Arndt. «Tom wird verehrt wie ein Superstar, er kriegt wohl jeden Tag zehn Heiratsanträge.»

Ausführlich Stellung bezogen hat Dumoulin letztmals am Freitag. Er hielt fest, müde zu sein – nicht körperlich, aber mental. Auf die Teilnahme an zwei kleinen Rennen hatte er zuvor verzichtet. Er wollte die Tage nach seinem Coup geniessen, «vielleicht habe ich so etwas zum ersten und letzten Mal erlebt».

Mit dem Gedanken, auch die Tour de Suisse auszulassen, habe er nicht gespielt. «Ich mag dieses Rennen, ich mag die Schweiz. Und meine Ferien sind erst für Ende Juni geplant.» Aus dem erhofften Gesamtsieg an der helvetischen Landesrundfahrt wird jedoch nichts: Im Aufstieg nach Villars fühlte er sich schlecht, verlor er enorm viel Zeit.

Der Vergleich mit Indurain

Dumoulin war keiner der meistgenannten Favoriten auf den Giro-Sieg gewesen, und er sagte unlängst, dass er es nicht für möglich gehalten hatte, zu reüssieren. Seine Kritiker, die moniert hatten, er werde in den Anstiegen im zweistelligen Prozentbereich chancenlos sein, strafte er Lügen. Seine Fahrweise erinnerte stark an jene Miguel Indurains, von 1991 bis 1995 Sieger der Tour de France.

Wie der Spanier fuhr Dumoulin in seinem eigenen Tempo die Berge hoch, er konterte nicht jede x-beliebige Attacke – seine physische Kraft gepaart mit mentaler Gelassenheit war beeindruckend. Der Österreicher Preidler meint, das Team habe vor den Etappen jeden Anstieg detailgetreu durchgeplant. «Wir markierten die Stellen, an denen die Konkurrenten angreifen könnten. Kam der Angriff, geriet Tom nie in Panik.»

Beeindruckend war dessen Leidensfähigkeit während der drei Wochen in Italien. Diese hatte er schon an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bewiesen, als er im Zeitfahren hinter Fabian Cancellara Zweiter geworden war – mit gebrochenem Unterarm. Der Berner und Tony Martin, beides vierfache Zeitfahrweltmeister, hatten einst ebenfalls von Gesamtsiegen an dreiwöchigen Rundfahrten geträumt, kamen aber nicht einmal in die Nähe davon. Dumoulin sagt nun, er wolle dereinst die Tour de France gewinnen.

Der unkonventionelle Stopp

Dabei hätte für ihn der Giro, nun ja, in die Hose gehen können. Während der 16. Etappe scherte er aus, schmiss das Velo weg, flüchtete auf eine Wiese am Strassenrand. Sein Magen rebellierte. Und so verrichtete er sein Geschäft, vor laufenden Kameras. «Ich hatte Krämpfe, konnte es keine Sekunde länger aushalten», meinte er danach. 80 Sekunden gingen verloren, sie hätten ihn den Sieg ­kosten können.

Dringendes Bedürfnis: Giro-Leader Dumoulin hat es während einer Bergetappe eilig – gleich wird er am Strassenrand sein Geschäft verrichten. Quelle: SRF
Dringendes Bedürfnis: Giro-Leader Dumoulin hat es während einer Bergetappe eilig – gleich wird er am Strassenrand sein Geschäft verrichten. Quelle: SRF

Jüngst erzählte Dumoulin einem Fachportal, vergangenen Sommer sei ihm an der Tour de France Ähnliches widerfahren. Er habe während einer Etappe zu viel Zucker geschluckt, «da protestierte mein Magen. Ich rannte voller Panik in irgendeinen Camper am Strassenrand.» Auf Details soll an dieser Stelle verzichtet werden. Doch der Holländer meinte: «Man konnte mir ansehen, dass der Stopp nötig war...»

Die Konkurrenz übrigens wartete am Giro nicht auf den Leader, als dieser einem menschlichen Bedürfnis nachging – was in der Szene eine heftige Debatte aus­lösen sollte. Dumoulin hingegen hatte einige Tage zuvor das Tempo an der Spitze gedrosselt, nachdem Mitfavorit Nairo Quintana gestürzt war. Weshalb ein weiterer Spitzname ganz gut passt: In Italien wurde Dumoulin als «friedlicher Frankenstein» betitelt – ein Kraftmonster auf dem Rad, aber auch ein ungemein netter Kerl.

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