Die Vernunft lässt kaum Alternativen zu

Im Bernbiet lassen sich verschiedenste Arten von Etappen der Tour de Suisse durchführen. Was die Einfahrt in die Stadt und das Zielgelände betrifft, hat die Tourdirektion wenig Spielraum.

Quelle: Youtube

Die Idealvorstellung klingt reizvoll. Könnte David Loosli nach eigenem Gutdünken handeln, wäre die Tour-de-Suisse-Etappe vom Montag nicht auf der Papiermühlestrasse, sondern auf dem Bundesplatz zu Ende gegangen. Vor dem geistigen Auge des für die Streckenplanung verantwortlichen Sportdirektors erreichen die Profis den letzten Kilometer durchs Marzili-Quartier.

Am Bundesrain, der letzten Rampe, kommt es zu einer natürlichen Selektion, in der Bundesgasse zum Vergleich der weltbesten Puncher. Die Umsetzung des Gedankenspiels scheiterte in erster Linie am Veto aus dem Bundeshaus. Zu viel Lärm, zu viel Verkehr, lautete der Tenor – oder anders formuliert: Der Massenevent würde die Sommersession des Parlaments stören.

Gedanke an die Schlaufe

Bei Loosli und seinem für die Etappenorte zuständigen Kollegen Kurt Betschart gehört der Kompromiss zum Alltag. Je urbaner das Terrain, desto grösser sind die Einschränkungen. So habe er den Versuch, die Etappe nach Bern mit einer publikumswirksamen Schlaufe zu beenden, früh abgebrochen. «Das hätte im Feierabendverkehr ein Chaos gegeben», sagt Loosli. In der Stadt reden bei Verhandlungen deutlich mehr Parteien mit als auf dem Land, beim öffentlichen Verkehr beispielsweise ist die Differenz der Relevanz erheblich.

Trotzdem ist man sich in der Direktion einig: Die Tour de Suisse gehört in die Hauptstadt. Loosli, ein 37-jähriger Berner, von 2004 bis 2011 Veloprofi, kennt in der Region so gut wie jede Strasse. Er sagt, im Bernbiet liessen sich grundsätzlich fast alle Arten von Etappen durchführen, sehe man von Hochgebirgskursen ab.

Die Schwierigkeiten begännen bei jedem Projekt mit der Einfahrt in die Stadt. Mehr als «zwei bis drei vernünftige Varianten» sehe er nicht, gesteht Loosli. Der Verweis auf die Vernunft ist nicht zuletzt einer auf die Finanzen. Für die Tour de France wurden im letzten Jahr Tramgeleise überdeckt, Verkehrsinseln entfernt und Strassen einen halben Tag lang gesperrt. «Wir sind eine wesentlich kleinere Nummer. Täten wir das, würden die Kosten aus dem Ruder laufen.»

Respekt vor den Schienen

Eine der höchsten Hürden stellten in Stadt und Agglomeration die Bahnübergänge dar. Am Montag beispielsweise überquerte der Tross in Stettlen die RBS-Linie. Alles verlief nach Plan; angespannt war der Streckenverantwortliche trotzdem. Schienenverkehr sei immer eine Gefahrenquelle, hält Loosli fest. Es handelt sich um einen jener Kompromisse, die er äussert ungern eingeht.

In Betscharts Hoheitsgebiet, der Akquirierung eines Zielgeländes, welches für die üppige Infrastruktur der Rundfahrt genügend Raum bietet, finden sich zur gestrigen Ankunft auf der Papiermühlestrasse kaum Alternativen. Besichtigt habe er die Umgebung des Einkaufszentrums Westside, die Tramschienen liessen aber keine Ankunft zu, hält er Urner fest. Und ergänzt, gedanklich halte er an der Idealvorstellung fest. «Der Bundesplatz lässt mir nicht mehr los.» Sagt es und ergänzt lächelnd, «du musst ­Herausforderungen haben im ­Leben».

Hier finden Sie die Marschtabelle der 4. Etappe von Bern nach Villars sur Ollon (pdf-Datei).

Berner Zeitung

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