Die grösste Herausforderung steht Fabian Cancellara noch bevor

Micha Jegge, Sportredaktor der Berner Zeitung, über Fabian Cancellara.

Geschichte schreiben – Fabian Cancellaras Triebfeder weist auf seine Einstellung, seine Bedürfnisse, seinen Charakter hin. Genügsamkeit ist ihm fremd; er will der Beste sein und pflegt dies auch öffentlich kundzutun. Längst steht fest, dass er eingangs erwähntes Kernziel erreicht hat, obwohl er das womöglich anders sieht und seine Karriere noch nicht zu Ende ist.

Allein die 16 Podestplätze, welche der Berner in den fünf Monumenten des Radsports herausgefahren hat, hieven ihn in eine eigene Sphäre. Gewiss stehen Eddy Merckx (29) und Roger de Vlaeminck (21) statistisch betrachtet besser da. Die Belgier jedoch waren vor über 40 Jahren aktiv, in einer anderen Epoche. Was die Neuzeit anbelangt, ist Cancellara die Nummer 1.

Die Geschichte, die er selbst geschrieben hat,ist auch ohne grosse Rekordzahlen aussergewöhnlich. Sie handelt vom Sohn eines Immigranten, der sich in den Sattel setzte, rasch alles gewann, was es in seinem Betätigungsfeld zu gewinnen gab. Sie handelt von einem, der früh auszog, das Fürchten zu lehren – und zwar den erfolggewohnten Protagonisten aus den grossen Radsportnationen. Das gelang ihm vorzüglich.

Wobei er nicht einfach gewann, sondern in grossem Stil triumphierte und die Erfolge entsprechend zelebrierte. Seine Ausstrahlung, verbunden mit offensiven Ansagen und kessen Sprüchen, liess ihn in den bedeutenden Eintagesrennen zum meistbeachteten wie bestbewachten Pedaleur werden. Was ihn den einen oder anderen Sieg gekostet haben dürfte.

Es mag in Anbetracht des beeindruckenden Leistungsausweises komisch klingen, aber Cancellara hätte nicht nur aus eben erwähntem Grund noch wesentlich mehr erreichen können. Zuweilen schlug er sich selbst, im Strassenrennen an der Heim-WM 2009 in Mendrisio beispielsweise, als er physisch der Stärkste war, jedoch die Geduld verlor und die Entscheidung zu früh suchte. Oder an den Olympischen Spielen 2012 in London, als er wegen einer Unachtsamkeit zu Fall kam – die Goldmedaille wäre auf dem Silber­tablett abholbereit gelegen.

Gewichtiger jedoch ist jener Aspekt, der insbesondere im Vergleich mit seinem langjährigen Pavé-Klassiker-Rivalen Tom Boonen in aller Deutlichkeit zutage tritt. Derweil der Belgier seit je auf kräftige Unterstützung zählen kann, weil sein Team um ihn herum zusammengestellt worden ist, war und ist Cancellara in den entscheidenden Phasen oft auf sich gestellt.

In den Equipen des Berners hatte jahrelang die Tour de France Priorität; das Geld wurde bei CSC, Saxo-Bank und Leopard Trek vorwiegend in Adjutanten für die Bergspezialisten Fränk und Andy Schleck investiert. Der Umbau setzte erst vor zwei Jahren ein, als die Luxemburger Brüder von der Bildfläche verschwanden.

Wobei noch immer nicht von einer kompetitiven Mannschaft geschrieben werden kann, wie sich gestern einmal mehr herausstellte. Cancellara hat die Herausforderung stets sportlich angenommen, sich nie wegen der Taktiknachteile beklagt oder sogar beschwert.

Die im Zusammenhang mit seiner Karriere grösste Herausforderung steht ihm jedoch noch bevor. 15 Jahre lang hat er sich im Scheinwerferlicht bewegt, 15 Jahre lang ist er fast immer im Mittelpunkt gestanden. Weil er Weltmeister und Olympiasieger geworden ist, weil er die bedeutenden Klassiker gewonnen hat.

Er gibt gerne Interviews, er hat sich an seine Rolle gewöhnt – er mag sie. Spätestens im Herbst jedoch wird er in eine neue schlüpfen, in jene des ehemaligen Weltklassesportlers, in jene des abends nach Hause kommenden Familienvaters.

Sein Ruhm wird nicht verblassen, das Interesse an seiner Person aber zusehends abnehmen. Cancellara wird sich neu orientieren, wahrscheinlich sogar neu definieren müssen. Das ist ungleich schwieriger, als es klingt, wenn man bereits in der formativen Lebensphase in eine Glitzerwelt eingetaucht ist und nur vom Hörensagen weiss, wie sich der normale Alltag anfühlt.

Noch ist es nicht so weit. Im Mai erhält er die Chance, sich am Giro d’Italia erstmals die Maglia rosa überzustreifen, im Juli ist seine Heimatstadt Ziel einer Tour-de-France-Etappe. Und im August kann der Berner in Brasilien sogar noch einmal Olympiasieger werden, wenn auch «nur» im Zeitfahren, weil der Parcours des Strassenrennens unverständlicherweise an einen Alpencircuit erinnert.

Was kommt, ist Kür; Druck gibt es keinen mehr, nur noch Genuss. Die Geschichte des Spitzensportlers Fabian Cancellara ist geschrieben, sie wird sich nur noch marginal verändern.

Mail: micha.jegge@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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