Die Chance ihres jungen Lebens

Gleich drei Schweizer haben diesen Freitag die Chance auf den Titel im U-23-Strassenrennen. Noch nie gab es eine Equipe wie die mit Marc Hirschi, Gino Mäder und Patrick Müller.

Gino Mäder beeindruckte in der Tour de l’Avenir mit einem souveränen Spurtsieg über den Favoriten. Foto: Arne Mill (Frontalvision)

Gino Mäder beeindruckte in der Tour de l’Avenir mit einem souveränen Spurtsieg über den Favoriten. Foto: Arne Mill (Frontalvision)

Emil Bischofberger@bischofberger

Gino Mäder hat ein Problem. Denkt er zurück an den einen Tag vor einem Monat, sagt er: «Das war der beste Tag des Jahres, mein bester als Radrennfahrer überhaupt.» Wie nur soll er diesen noch übertreffen?

Mäder bestritt an jenem Tag die letzte Etappe der Tour de l’Avenir, des wichtigsten Nachwuchs-Etappenrennens. Wer dort brilliert, dem wird der Teppich ausgelegt. Und Mäder brillierte: Auch der haushohe Favorit Ivan Sosa hatte im Sprint keine Antwort auf Mäder, der damit seine zweite Etappe gewann – das ist in der ganzen Geschichte der Rundfahrt noch keinem Schweizer gelungen.

Für Mäder, den Mann für lange Anstiege, für Alpenpässe – und heute für die frühe Attacke –, war das der Türöffner. «Nun wusste die Velowelt: Der Bub aus der Schweiz kann vielleicht etwas», formuliert es dieser selber charmant. Er musste nicht lange warten, bis sich Teamchefs aus der Worldtour meldeten, mittlerweile hat er einen Vertrag bei einem solchen unterschrieben. Bei welchem, darf er noch nicht sagen.

Müller ist der Mann in Topform – sagen die Kollegen

Es ist ein grosser Schritt, für Schweizer weiterhin alles andere als die Norm. Was deutlich macht, wie weit dieses U-23-Team ist. Mäder wird nächste Saison in den grossen Rennen zwei Kollegen aus diesem WM-Team treffen, Marc Hirschi und Patrick Müller. Letzterer ist mit seinen 22 Jahren der «Teamsenior», die WM ist sein letztes Nachwuchsrennen. Bereits dieses Jahr bestritt er einige der grössten Rennen, mit seinem französischen Team Vital Concept Cycling Club etwa die Flandernrundfahrt oder das Amstel Gold Race.

Müller ist der Mann in Topform, so sagen das seine Kollegen, die sich zuletzt noch zwei Tage in Magglingen gemeinsam auf die WM vorbereiteten. Der Schaffhauser selber ist da etwas zögerlicher, spricht von guten und schlechten Tagen, die sich zuletzt abwechselten. Das liegt an seiner schwierigen Saison: Nach den Frühjahrsklassikern wurde seine Beckenvene operativ verkürzt. Danach folgten drei Monate Pause. Bei hoher Belastung war ihm zuvor stets das Bein eingeschlafen.

Hirschi hatte auf jeder Stufe auf Anhieb Erfolg

Müller ist der Allrounder im Team. Da sind die Spezialitäten des dritten Schweizer Leaders doch ausgeprägter – und die vielversprechendsten: Marc Hirschi ist der Siegfahrer schlechthin, davon zeugt sein Europameistertrikot. Wer den Berner sprechen hört, könnte ihn leicht für einen gestandenen Radprofi halten. Die Rad-WM? «Ein Rennen wie jedes andere.» Die Favoritenrolle? «Belastet mich überhaupt nicht.» Diese Abgeklärtheit passt irgendwie nicht zu einem Nachwuchsfahrer und ist ein herrlicher Kontrast zum Kinnbärtchen und dem schmalen Schnurrbart, die ihn keinen Monat älter erscheinen lassen als die 20 Jahre, die er nun mal erst alt ist.

Aber Hirschi hat als Radfahrer eben schon einiges erlebt, vielleicht lässt sich damit die Nüchternheit erklären. Er ist dieser Typ Fahrer, der auf jeder Stufe auf Anhieb Erfolg hat. Auf der Strasse, bis vor einigen Jahren auch noch auf der Bahn (im Madison wurde er 2016 Junioren-Weltmeister, zusammen mit Patrick Müllers Bruder Reto).

2018 zeigte er die Topresultate als Nachwuchsfahrer des deutschen Sunweb-Teams. Das beeindruckte dieses so sehr, dass die Teamchefs ihre Pläne änderten: Hirschi unterschrieb kürzlich einen Profivertrag über drei Jahre. Der Schritt wäre frühestens für nächsten Sommer vorgesehen gewesen.

Patrick Müller ist der Mann in Topform. Foto: BMC

Hirschi mag der leistungsmässige Leader sein, aber auch er ist bereit, sich für die Kollegen aufzuopfern. An der Tour de l’Avenir gab er den Edelhelfer für Mäder, nachdem er wegen eines Defekts im Gesamtklassement zurückgefallen war. «Darum sind wir so erfolgreich: weil wir einander den Erfolg gönnen», sagt er. Dazu kommen mit Dimitri Bussard, Lukas Rüegg und Joab Schneiter drei Helfer, die sich ihrer Rolle bewusst sind und diese auszufüllen wissen.

«Diese Jungs sind heissdarauf, Rennen zu fahren»

Für den Teamgeist ist neben den Fahrern der Trainer verantwortlich. Danilo Hondo erhält da von seinem Chef viel Lob. «Er hat es geschafft, dass diese Jungs richtig heiss darauf sind, Rennen zu fahren», sagt Thomas Peter, der Technische Direktor von Swiss Cycling. Der deutsche Ex-Profi Hondo erklärt: «Ich sagte ihnen oft: Wer trainieren will, kann zu Hause bleiben. Bei Radrennen gehört es dazu, dass es wehtut, dass man auch mal hinfällt. Mittlerweile nehmen sie an Rennen nicht mehr nur teil, sie gestalten sie.» Hirschis EM-Titel im Juli war so sehr ein Teamerfolg wie Mäders Exploits an der Tour de l’Avenir.

Marc Hirschi ist der Schweizer Siegfahrer schlechthin. Foto: BMC

Nun wollen sie die Krönung, eine WM-Medaille, vielleicht gar den Sieg? Was das für die Schweiz bedeutet, zeigt der Blick zurück. Seit 1996 werden auf der U-23-Stufe Weltmeister gekürt. Die Schweizer Erfolge: 2002 gewann David Loosli Bronze – das wars.

Die WM 2020 in Aigle/Martigny – 2024 in Zürich?

Ihnen winkt heute vielleicht der schönste Tag ihres jungen Rennfahrerlebens, selbst Mäder könnte seinen bisherigen mit einer Medaille wohl noch toppen. Und danach werden ihnen die Chancen auf diese ganz grossen Tage nicht ausgehen. Gestern Nachmittag vergab die UCI die Strassen-Weltmeisterschaften 2020 und 24 an die Schweiz. 2020 nach Martigny und Aigle, vier Jahre später in der Deutschschweiz, nach Bern oder Zürich – der Entscheid dürfte Ende Jahr oder Anfang 2019 fallen. Das sind motivierende Aussichten für diese goldene Nachwuchsgeneration: 2020 mag für sie vielleicht noch etwas früh kommen, 2024 aber werden sie im allerbesten Profialter sein.

Mit Müller, Busshard und Rüegg verliert Nationalcoach Hondo nach dem heutigen Rennen altershalber das halbe U-23-WM-Team. Sorgen bereitet ihm das keine: Mit Alexandre Balmer steigt das nächste Grosstalent auf. Der Bike-Weltmeister von der Lenzerheide verpasste gestern im Junioren-Strassenrennen Bronze nur knapp im Sprint und wurde Vierter.

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