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Der Leader und sein Helfer

Der Ende 2016 erfolgte Ausstieg der Schweizer Radsportequipe IAM Cycling hat die beruflichen Wege von Mathias Frank und Marcel Wyss getrennt. An der Tour de Suisse in Bern treffen sich die 30-Jährigen.

Micha Jegge
Profi und Ex-Profi: Mathias Frank (rechts) startet gleich zur vierten Tour-de-Suisse-Etappe, Marcel Wyss führt Kunden durch das Fahrerlager.
Profi und Ex-Profi: Mathias Frank (rechts) startet gleich zur vierten Tour-de-Suisse-Etappe, Marcel Wyss führt Kunden durch das Fahrerlager.
Andreas Blatter

In der Kramgasse lädt die Tour de Suisse vor dem Start der vierten Etappe auf dem Münsterplatz zur Busparade. Mathias Frank steht vor dem Gefährt seines AG2R-Rennstalls, unterhält sich mit Marcel Wyss.

Letzterer, bis Ende 2016 ebenfalls Profi, arbeitet als Rennveloverantwortlicher des Berner Radherstellers Thömus. Der 30-Jährige besucht mit Kunden das Fahrerlager, plaudert aus dem Nähkästchen, stellt ihnen ehemalige Berufskollegen vor. Es ist kein Zufall, hat er den gleichaltrigen Frank ausgewählt.

Frank und Wyss, das ist die Geschichte des Leaders und seines wichtigsten Helfers. Selten vermochte das Gespann zu demonstrieren, was im Idealfall möglich gewesen wäre. Frank ist mehrfach von Infekten heimgesucht worden. Wyss lag zweimal im Operationssaal; er musste sich einen gutartigen Tumor entfernen lassen, welcher sich unter seinen Rippen eingenistet hatte.

In Erinnerung geblieben ist vornehmlich eine Tour-de-Suisse-Etappe aus dem Jahr 2014. Frank, bei IAM Cycling der Mann für die Gesamtwertung, verbrachte mehrere Nächte im Spital, bei seiner Frau und der zu früh ge-borenen Tochter. Tagsüber liess er sich nichts anmerken – im Gegenteil: Er wirkte körperlich wie mental so stark wie nie zuvor.

Auf der Fahrt nach Saas-Fee ging er aufs Ganze. Dank Wyss’ Parforceleistung – der Emmentaler hielt das Tempo in der Spitzengruppe während 35 Kilometern nahezu im Alleingang hoch – wurde Leader Tony Martin entscheidend distanziert.

Als Wyss in Saas-Grund völlig entkräftet ausscheren musste, versuchte Frank in der letzten Rampe, den einzig verbliebenen Rivalen Rui Costa abzuhängen. Der Portugiese jedoch hatte mehr Reserven; Frank beendete die Rundfahrt auf Rang 2. So weit vorne ist in diesem Jahrzehnt kein anderer Schweizer klassiert gewesen.

Im Herbst 2016 trennten sich die beruflichen Wege der Gefährten. IAM Cycling stellte den Betrieb nach vier Jahren ein. Frank, dem Leader, lagen rasch Angebote anderer Equipen vor. Er nahm die Offerte des erwähnten französischen Rennstalls an und ­versuchte, den Verantwortlichen die Verpflichtung seines Helfers schmackhaft zu machen.

Das Wort des Luzerners jedoch hatte zu wenig Gewicht, worauf der Berner den Markt sondierte. Klar war, dass er sich nicht mehr im Mindestlohnverhältnis anstellen lassen wollte. Als die Anfrage seines jetzigen Arbeitgebers auf dem Tisch lag, fiel es ihm relativ leicht, den Punkt zu setzen.

An der Tour de Suisse teilt sich Frank mit dem Italiener Domenico Pozzovivo die Leaderrolle. An der Tour de France hingegen wird er für Romain Bardet in die Pedale treten, den Zweiten des Vorjahres. Frank findet sich in jener Position wieder, die er bei BMC innehatte, vor dem Wechsel zu IAM Cycling.

Er sei dankbar, habe er bei IAM die Chance erhalten, Verantwortung zu tragen, hält er fest. «Aber ich habe gemerkt, dass bei mir alles perfekt sein muss, damit ich ein Spitzenresultat erreichen kann.» Vor diesem Hintergrund sei es nicht einfach gewesen, mit dem Druck umzugehen. «Als Nummer 1 musst du liefern, ohne Wenn und Aber.» Frank hat die neue alte Rolle gesucht. Er sagt, «es tut mir gut, wieder in der zweiten Reihe zu stehen». Die Zeit bei IAM lässt sich als Experiment betrachten – sie bot ihm die Gelegenheit, sich selbst kennen zu lernen.

Wyss hat derweil ein neues Leben kennen gelernt. «Früher drehten sich die Gedanken vor dem Einschlafen immer um den Sport, immer um die Frage, wo es noch Optimierungspotenzial gibt. Heute lege ich mich hin und schlafe ein», lässt er verlauten. «Früher ass ich bei einer Grillparty nie eine Wurst, beim Dessert gab es maximal die halbe Portion» – die Worte sprudeln aus ihm heraus.

«Ich möchte keinen einzigen Tag in meiner Karriere missen, aber ich stelle fest, dass die Lebensqualität seit dem Rücktritt zugenommen hat.» Als Veloprofi habe er in einer Blase gelebt, alles auf den Sport aus­gerichtet. «Ich mache Ende Juni Ferien, und das kommt mir komisch vor. Ferien waren früher nur im November ein Thema.»

Aus den Gefährten sind im Lauf der Jahre Freunde geworden. Wyss ist Götti von Franks einjährigem Sohn, die Partnerinnen der beiden verstehen sich ebenfalls ausgezeichnet. Oft seien es die Frauen, welche die Treffen einfädelten, sagt der Berner lachend und ergänzt, dank Frank wisse er immer, was in der Szene vor sich gehe.

Der Luzerner wiederum meint, das Karriereende rücke auch bei ihm näher, Wyss sei diesbezüglich eine Inspiration. «Marcel hat den Schritt ins zweite Leben geschafft. Er macht etwas, das ihm gefällt, und ist trotzdem noch mit dem Metier verbunden.» Frank atmet tief durch und hält bedächtig fest, er hoffe auch für sich auf einen solchen Übergang. Sagt es, setzt sich aufs Velo und fährt Richtung Münsterplatz.

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