Dem Bernbiet sind die Enthusiasten ausgegangen

2005 waren im Kanton Bern sieben Strassenradprofis registriert, derzeit gibt es keinen einzigen. Die Ursachen sind vielschichtig, haben aber einen gemeinsam Nenner: den Mangel an Personen, die sich ehrenamtlich engagieren.

2014: Die Berner Rundfahrt ist das einzige verbliebene Velorennen im Kanton, welches auf einer grösseren Schleife stattfindet.

2014: Die Berner Rundfahrt ist das einzige verbliebene Velorennen im Kanton, welches auf einer grösseren Schleife stattfindet.

(Bild: Raphael Moser)

In dieser Woche rollt die Tour de Suisse durch das Land. Die Rundfahrt ist mehr als eine Sportveranstaltung, ein Volksfest in neun Etappen; sie wirkt wie ein Publikumsmagnet aus längst vergangener Zeit. Am Dienstagmorgen, vor dem Start neben dem Berner Münster, dankte Bundesrat Guy Parmelin den Verantwortlichen persönlich für das Engagement. Es erweckte zumindest den Anschein, als würde der Romand den Anlass als Kulturgut von nationalem Interesse betrachten.

Rund um die Tour de Suisse ist der Kanton Bern auch abseits der Bundesstadt bestens vertreten. David Loosli, der Sportliche Direktor und Streckenverantwortliche, ist in der Stadt aufgewachsen, später Berufsfahrer geworden. Sven Montgomery, auf SRF 2 als Experte zu hören, kommt aus Feutersoey bei Gstaad; auch er verdiente sein Geld vorübergehend als Veloprofi. Selbiges gilt für den Emmentaler Marcel Wyss, der bis Herbst 2016 bei IAM Cycling unter Vertrag stand und in dieser Woche Kunden seines neuen Arbeitgebers durchs Fahrerlager führt.

Und da ist – natürlich! – Fabian Cancellara. Der Doppelolympiasieger, über eine Dekade lang das Gesicht der Landesrundfahrt, markiert für diverse Partner Präsenz. Nicht fündig wird hingegen, wer nach einem Berner Teilnehmer Ausschau hält. 2005 waren sieben Schweizer Radprofis mit Wohnsitz im Bernbiet registriert, zwölf Jahre später gibt es keinen einzigen mehr.

2005: Die Berner Radprofis Niki Aebersold, Sascha Urweider, Fabian Cancellara, Sven Montgomery und Markus Zberg (von links) treffen sich in Heimberg zur gemeinsamen Trainingsfahrt. Nicht dabei sein konnten an diesem Tag Florian Stalder und David Loosli. Bild: Urs Baumann

Tote Flecken

Michael Bohnenblust ist Vizepräsident des kantonalen Radsportverbands, Präsident des ­Regionalverbandes Berner Oberland/Emmental sowie Sportchef des RSC Aaretal-Münsingen. Der 42-Jährige aus Wichtrach hält fest, die Situation bei den Profis dürfe nicht dramatisiert werden, 2005 seien die Berner übervertreten gewesen. Er sagt, im konkreten Fall beruhe die Lücke auf strukturellen Defiziten.

«Wenn IAM Cycling den Betrieb nicht eingestellt hätte oder es ein stabiles zweitklassiges Schweizer Profiteam gäbe, wäre Marcel Wyss nicht zurückgetreten.» Das Kernproblem hingegen sei grundsätzlicher Natur und habe mit der schmaler werdenden Basis zu tun. «Unser Rennsport ist von Personen abhängig, die bereit und in der Lage sind, sich zu engagieren. Fehlen diese, wirkt sich das auf allen Ebenen aus.»

Ex-Profi Montgomery erzählt vom mittlerweile verstorbenen Celestino Angelucci, dem Ent­decker Cancellaras, welcher ihm und seinen Trainingskollegen jeweils mit dem Auto hinterhergefahren sei – «er war mit Herzblut dabei».

Der 41-Jährige amtet als Vizepräsident des CIO Ostermundigen, kennt die regionale Szene noch immer bestens. Er spricht über die Velohändler Aldo Schaller und Hans Wüthrich, welche um die Jahrtausendwende herum Eliteteams unterhielten. «Da waren Enthusiasten am Werk, die viel Zeit und Energie in ihre Projekte steckten, und wir Fahrer profitierten davon.»

Irgendwann ging den Unternehmern der Atem aus. Die Equipen liessen sich nicht mehr finan­zieren, obwohl die Fahrer kaum etwas verdienten. Mannschaften wie GS Schaller und GS Wüthrich gibt es heute nicht mehr. «Ohne diesen Mittelbau fehlt den Amateuren eine Perspektive», sagt Bohnenblust. Wobei es beim Unterbau kaum besser aussieht.

Am schlimmsten seien «tote Flecken», Regionen, in denen es niemanden gebe, der sich um den Nachwuchs kümmere, resümiert der Aaretaler. «Wenn zum Beispiel in Lyss ein ambitionierter Junger in einem Verein Velo fahren möchte, tut er das am Ende wahrscheinlich nicht, weil er keinen Klub findet, der ihm etwas bieten kann.»

«Würden die Klubs aus Stadt und Agglomeration zusammenspannen, könnten wir uns ein Nachwuchsteam leisten.»Sven Montgomery

Montgomery spricht von der Überalterung der Vereine, von wichtigen ehrenamtlich tätigen Trainern und Funktionären, die sich wegen der vielen Dopingfälle im internationalen Radsport frustriert zurückgezogen hätten. In Stadt und Agglomeration werde kaum noch Nachwuchsarbeit verrichtet, sagt der Oberländer. Und: Durchschnittlich lösten nur fünf Prozent der Klubmitglieder eine Rennfahrerlizenz.

Bei Aaretal-Münsingen, mit ungefähr 200 Mitgliedern ein regionaler Grossverein, sind es ein paar Prozente mehr. Bohnenblust sagt jedoch, er erachte es nicht als förderlich, die Lizenzierung zu forcieren. «Bei jenen Jungen, die Rennen fahren wollen, macht es irgendwann mal «klick», und dann ergreifen sie die Initiative.»

Kurze Rundkurse

Laut Bohnenblust ist der Strassenradsport fast in jeder Hinsicht aufwendiger als die meisten andern Sportarten. «Die Leichtathleten treffen sich auf der Tartanbahn oder in der Halle. Wir trainieren auf der Strasse, immer an einem andern Ort.» Was den Einstieg erschwere und die Bereitschaft zur Rücksichtnahme erfordere. «In der Leichtathletik beeinträchtigt die Leistungsstärke die Trainingsform höchstens minimal. Wenn bei uns jeder sein Tempo fährt, sind wir nicht lange gemeinsam unterwegs.»

Bei der Durchführung von Wettkämpfen seien die Hürden ebenfalls höher als anderswo. So muss der Rundkurs wegen der Streckensicherung respektive der damit verbundenen Kosten möglichst kurz gehalten werden. Beim GP Mobiliar, der jeweils am Ostermontag in Kiesen stattfindet, wird der 5,2 Kilometer lange Parcours von Mitgliedern des RSC Aaretal-Münsingen gesichert. Die Berner Rundfahrt ist das letzte verbliebene Rennen im Kanton, welches sich das Polizeiaufgebot für eine grössere Schleife (34 km) zu leisten vermag.

«Auf dem Mountainbike wird die Leistung spielerisch erbracht. Für Kinder ist es das richtige Velo.»Michael Bohnenblust

Betrachte er das Gesamtbild in seinem Regionalverband, gehe er davon aus, die Talsohle durchschritten zu haben, resümiert Bohnenblust. Schwung in die Szene gebracht habe die Einführung des Kids-Bike-Cup, einer Einsteigerserie, in welcher auch ohne Lizenz gefahren werden könne. «Auf dem Mountainbike wird die Leistung spielerisch erbracht, für Kinder ist es das richtige Velo. Mit einem Zehnjährigen will niemand auf der Strasse fahren.»

Bis zu 70 Schüler nehmen an diesen Wettkämpfen teil. Die Startgebühr beträgt fünf Franken, ist bewusst tief gehalten. Was sich aus dem Format entwickeln kann, offenbart das Beispiel von Marc Hirschi. Bleibt der 18-Jährige gesund, dürfte er in vier, fünf Jahren erstmals an der Tour de Suisse teilnehmen.

Keine Fusionsbereitschaft

Montgomery sagt, in Bern liesse sich der Istzustand vermutlich nur mit einer Fusion entscheidend verbessern. «Würden die Klubs in Stadt und Agglomeration zusammenspannen, könnten wir uns ein Nachwuchsteam leisten.» Im Bestreben, die Kooperation in die Wege zu leiten, stiess er bereits im eigenen Klub auf Widerstand.

Summa summarum hält er fest, im Bernbiet habe der Radsport den Schritt in die Moderne noch nicht geschafft. Der Tour de Suisse hingegen scheint dies gelungen zu sein, wie erwähnter Auftritt des Magistraten offenbart.

Berner Zeitung

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