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Alles wenig erfreulich

Chris Froome möchte an der Italienrundfahrt seinen Palmarès als bester Rundfahrer der Gegenwart komplettieren. Die Grundsatzfrage zu seiner Person blendet er dabei aus.

In grellem Scheinwerferlicht steht Chris Froome in Israel vielmehr wegen seiner positiven Dopingprobe als aus sportlichen Gründen. Foto: Luk Benjes (AFP Photo)
In grellem Scheinwerferlicht steht Chris Froome in Israel vielmehr wegen seiner positiven Dopingprobe als aus sportlichen Gründen. Foto: Luk Benjes (AFP Photo)

Chris Froome hat Verstärkung mitgebracht. Keine breitschultrigen Bodyguards, sondern seine physisch doch eher schmalbrüstigen sieben Teamkollegen, dazu seinen sportlichen Leiter und den Teamchef. Es geht hier auch nicht um physische Unterstützung, die werden ihm seine Kollegen in den nächsten drei Wochen noch zur Genüge leisten. Sondern um moralische. Froome ist sich sehr bewusst: Er wird am Mittwochabend im Luxushotel Waldorf Astoria keine gemütliche Plauderrunde vorfinden. Sondern die versammelte internationale Radpresse, die viele unangenehme Fragen an ihn und sein Team haben.

Noch so gerne spräche er über den anstehenden Giro d’Italia, das zweitgrösste Radrennen der Welt – viele sagen auch: das härteste –, den er gewinnen will. Der 32-Jährige hat sich so konsequent darauf vorbereitet, wie er das immer tut. Er gewänne damit die dritte Grand Tour in Folge, nach seinem vierten Tour-de-France-Sieg und der Vuelta-Premiere. Nur geht es den wenigsten darum. Harmlose Fragen kommen nur von ein, zwei italienischen Medienvertretern, dazu eine butterweiche von einer Israeli. Ansonsten dreht sich alles um eine Grundsatzfrage: Chris Froome, finden Sie es richtig, zu diesem Rennen anzutreten?

Dumoulin: «Ich wäre nicht hier»

Sein grosser Konkurrent, Titelverteidiger Tom Dumoulin, hat die Frage zum Briten bereits eineinhalb Stunden zuvor beantwortet: «Es ist seine Entscheidung. Ich habe schon einmal gesagt: Mein Team ist Teil der MPCC – darum wäre ich in seiner Situation nicht hier.» Die Teamvereinigung Mouvement pour un Cyclisme crédible hat sich im Kampf für einen sauberen Radsport strengere Regeln auferlegt als die UCI. Die Equipe Sunweb von Dumoulin gehört seit je zur MPCC, das Team Sky von Froome nicht.

Die Antwort des Holländers ist deshalb diplomatisch und deutlich zugleich. Froome gab vergangenen August an der von ihm gewonnenen Vuelta eine positive Dopingprobe ab. Darin war der Stoff Salbutamol in doppelt so hoher wie erlaubter Konzentration nachgewiesen. Das Asthmamittel steht nicht auf der Dopingliste, es braucht aber für das Präparat eine vom Radverband UCI ausgestellte Sondergenehmigung.

UCI-Präsident will Regel ändern

Froomes Anwälte verhandeln nun seit vergangenem Herbst mit dem Antidoping-Panel der UCI. Sie wollen dank wissenschaftlicher Untersuchungen beweisen, dass der doppelt so hohe Wert nicht auf unerlaubte Art zustande kam. Oder wie Froome sagt: «Der Prozess soll demonstrieren, dass ich nichts Falsches gemacht habe.»

Solange die Verhandlung andauert, gilt Froome als unschuldig und darf Radrennen bestreiten. Gut finden das seine Konkurrenten nicht. Auch Dumoulin sagte das in der Vergangenheit öffentlich, selbst UCI-Präsident David Lappartient äusserte sich wiederholt dahingehend. Vorige Woche sagte er an der Tour de Romandie gegenüber dieser Zeitung: «Es ist traurig. Wir sprechen mehr über diesen Fall als über den Radsport.» ­Darum strebt er eine Regeländerung im Umgang mit Kortikosteroiden wie Salbutamol an. «Diese bei gesundheitlichen Beschwerden einzusetzen, ist kein Problem. Aber ein Athlet soll in der Zeit keine Rennen bestreiten. Nicht weil das ­Doping ist, sondern zum Schutz seiner Gesundheit», sagt Lappartient.

Für einen Teil des Profiradsports, die MPCC-Gruppe, ist dies längst Standard. Zu ihren Regeln gehört unter anderem, dass beim Rennen aussetzt, wer aus gesundheitlichen Gründen Kortikosteroide benötigt. Weshalb Giro-Titelverteidiger Dumoulin jetzt nüchtern über Froome sagt: «Vielleicht gewinnt er den Giro – und ein paar Wochen später wird ihm der Sieg wieder aberkannt.» Fatalistisch fügt er an: «Aber die Situation ist so, ich kann sie nicht ändern.»

Was passiert, wenn ...?

Tatsächlich werden derzeit viele Szenarien gewälzt, allesamt sind sie für den Radsport wenig erfreulich. Das Verdikt könnte theoretisch während des Giro ­publiziert werden – Froome müsste bei einer Sperre das Rennen verlassen, im Extremfall als Leader. Ob neben dem ­Vuelta-Sieg auch seine anderen seither erzielten Resultate gestrichen würden, läge genauso im Ermessensspielraum der Richter wie der Startpunkt einer allfälligen Sperre. Ebenso ob Froome als Titelverteidiger zur Tour de France zugelassen würde, sollte das Urteil bis im Juli auf sich warten lassen.

Während diese Fragen die Radwelt umtreiben, liess Froome sie nicht an sich herankommen, wie er durchaus glaubwürdig versichert. «Um hier sitzen zu können und mental an einem Ort zu sein, an dem ich glaube, dieses Rennen gewinnen zu können – das geht nur, indem ich mich alleine darauf konzentriere. Und nicht auf diese Geschichte oder die Tour im Juli», sagt er. Und hält damit auch klar fest, mit welchem Ziel er antritt.

Zuletzt noch eine andere Überlegung zu all den Voten gegen Froomes Renneinsätze: Wäre ihm eine freiwillige Wettkampfpause wirklich positiv ausgelegt worden?

Oder eher als Schuldeingeständnis?

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