Aktivposten aus dem Nahen Osten

Das Tour-de-Romandie-Feld präsentiert sich etwas anders als in den letzten Jahren. Italien stellt kein World-Tour-Team mehr, dafür sind zwei der 18 erstklassigen Mannschaften am Persischen Golf zu Hause.

In Diensten des umstrittenen Scheichs: Spaniens Zeitfahrmeister Ion Izagirre tritt für Bahrain-Merida in die Pedale.

In Diensten des umstrittenen Scheichs: Spaniens Zeitfahrmeister Ion Izagirre tritt für Bahrain-Merida in die Pedale.

(Bild: Keystone)

Die Mimik lässt bei vielen Protagonisten nicht auf heitere Gemütszustände schliessen. Es ist wie so oft Ende April nicht sonderlich angenehm, durch die Westschweiz zu pedalen. Tiefe Temperaturen, häufig Niederschlag – an der Tour de Romandie sind nicht nur rein sportliche Qualitäten gefragt.

Chris Froome mag das Rennen, was trotz bri­tischer Staatsbürgerschaft erstaunt, ist er doch unter der kenianischen Sonne aufgewachsen. Der dreifache Tour-de-France-Sieger ist einmal mehr favorisiert, auf den ersten Blick scheint sich generell wenig verändert zu haben. Der Schein trügt.

19 Mannschaften sind im Feld präsent, die 18 World-Tour-Equipen plus die mit einer Wildcard ausgestattete Pro-Continental-Auswahl Wanty-Groupe Gobert. Italien, seit dem Ursprung des Radsports im frühen 20. Jahrhundert eine der prägenden Nationen, ist in der höchsten Kategorie nicht mehr vertreten, Spanien einzig durch das Movi­star-Ensemble.

Das grösste Kontingent stellen mit drei Rennställen die USA, Deutschland folgt mit zwei Teams. Was irgend­wie an die langjährigen Rivalen ­Lance Armstrong und Jan Ullrich erinnert sowie zur Annahme führt, auf der verbrannten Erde sei wieder Gras gewachsen.

Der Oligarch und das Chaos

Die hohe Fluktuation ist mit der ebenso komplexen wie instabilen Struktur des Strassenradsports verbunden. Der Weltverband UCI und der mächtige Tour-de-France-Veranstalter ASO stehen im Zentrum – und auf Kriegsfuss. Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf, was der Sportart nicht eben hilft. Iwan Spekenbrink, holländischer Manager der deutschen Sunweb-Mannschaft, hielt unlängst gegenüber einem Fachportal fest, Geld könne momentan nur die ASO verdienen; zwischen den Zeilen drangen Züge von Frustration durch.

Sogar der russische Oligarch Oleg Tinkow, eine von zahlreichen dubiosen Figuren in dieser Szene, zog sich Ende letzter Saison zurück. Sinngemässe Begründung: Er hat die Schnauze voll, mag nicht mehr in dieses Chaos investieren.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass sich das Gefüge Richtung Persischer Golf verschiebt. Die Crew des ehemaligen Lampre-Rennstalls um den ehemaligen Giro-d’Italia-Sieger Giuseppe Saronni und den Tessiner Mauro Gianetti war bestrebt, ihren Rennstall mit Geld aus China am Leben zu erhalten. Als ihnen die UCI die World-Tour-Lizenz verweigerte, sprang im Dezember ein Investor aus Dubai ein.

Durch die Romandie rollt das Ensemble unter dem Namen Abu Dhabi Team Emirates; die gleichnamige Fluggesellschaft, welche Fussballvereine aus London, Mailand und Madrid alimentiert, wurde im Februar an Bord geholt.

Der Scheich und die Vorwürfe

Sportlich hochwertig bestückt ist Bahrain-Merida. Es handelt sich um die Verbindung aus Petrodollars und italienischen Rennvelos. Aushängeschild der Mannschaft ist der in der Romandie absente frühere Tour-de-France-Sieger Vincenzo Nibali, die umstrittenste Persönlichkeit deren Chef. Scheich Nasser bin Hamad Al Khalifa, Sohn des selbst ernannten Königs von Bahrain, ist ­Sportler und Sportförderer mit einem Faible für Triathlon.

Vor zwei Jahren gründete er das Bahrain Endurance Team, engagierte mehrere Weltklassetriathleten, unter anderen Daniela Ryf. Unter seiner Obhut entstand die Triple Crown Series, er spendete das Preisgeld. Wer ungeschlagen blieb, durfte eine Million Dollar in Empfang nehmen. Die Solothurnerin blieb ungeschlagen.

So weit, so fragwürdig. Scheich Nasser wird fernab des Sports auch als «Folterprinz» bezeichnet. Namhafte Menschenrechtsorganisationen werfen ihm vor, die Folterung von inhaftierten Demonstranten befohlen zu haben. Es existieren Zeugenaussagen, aber keine Beweise. Wobei die Indizien ein britisches Gericht vor drei Jahren im Zusammenhang mit einer Klage eines Opfers dazu bewogen, die Immunität des 29-jährigen Monarchenfilius aufzuheben.

Der Sport ist nicht dafür bekannt, Verantwortung zu übernehmen, sich gegen potenzielle Geldgeber zu stellen – Menschenrechte hin oder her. In der Regel wird mit den Potentaten kooperiert, so ethisch verwerflich deren Handlungen auch sein mögen; die Fifa- und IOC-Spitzenfunktionäre lassen grüssen. Es erstaunt daher nicht, dass Scheich Nasser die World-Tour-Lizenz von der UCI einfach so erhalten hat. Ansonsten waren keine Anträge eingereicht worden.

Als nachhaltig lässt sich die Nahosterweiterung keinesfalls bezeichnen. Bahrains Nachbar Katar führte im vergangenen Herbst die Strassen-WM durch, es war von Geisterrennen in der Wüste die Rede. Werden Fahrer auf die Atmosphäre an den Titelkämpfen angesprochen, wird deren Mimik noch düsterer als im Schweizer Regen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt